Ich wollte nun entschieden, daß er sich sofort ins Bett lege und stand auf, um wieder meinen Mantel anzuziehen und zu gehen. Doch hielt er mich mit aller Kraft fest und bat so flehentlich, ich möge doch noch eine Weile da bleiben, daß ich ihm den Willen tat.

»Ich habe den ganzen Nachmittag immer fort an dich gedacht und die Stunden gezählt, bis du da sein würdest, nun darfst du nicht so wieder gehen. Komm, du kannst mir nichts Lieberes tun, als wenn du mir etwas vorliest, und ich darf meinen Kopf in deinen Schoß legen; dann vergesse ich alles, was mir weh tut.«

Also blieb ich, legte eine Decke um ihn und setzte mich zu ihm; ich zog die Lampe zu mir her und las ihm aus Grimms Märchen vor.

Wir kamen jedoch nicht weit. Jählings wurde Gottfried von einem bösen und qualvollen Husten befallen, und währenddem ich ihn fest und tröstend in den Armen hielt, spürte ich wohl, wie heiß sein Kopf war und wie ihn die Schmerzen würgten und schüttelten, und ich hörte, wie er leise stöhnte.

»Das hat verzweifelt weh getan,« sagte er, als es vorbei war. »Wenn ich nun heute Nacht allein bin, und es kommt noch oft so?« – –

Wir sahen einander bekümmert und ratlos an.

Plötzlich richtete er sich auf und legte die Arme um meinen Hals. »Du Agnes, ich weiß etwas: Du bleibst heut Nacht bei mir. Du hast schon oft gesagt, daß man es bei euch nicht merkt, wenn du spät heimkommst. – Morgen früh gehst du beizeit, nimmst meinen Hausschlüssel mit, daß du hinaus kannst, und deine Schlüssel hast du ja bei dir; siehst du, es geht herrlich!«

Ich wehrte ernst und erschrocken ab, er brachte immer neue Einwände vor, schmeichelte und bat inständig. Dann wandte er sich auf einmal weg, sein Gesicht war dunkel überlaufen, und er sagte traurig und leise: »Ach, ich weiß schon. Ein Mädchen tut so etwas nicht gern. Nein, dann geh nur. Ich muß halt allein auskommen.«

In mir stürzten die Gedanken hin und her; ich war verlegen, traurig und verwirrt und wußte mir nicht zu helfen. Meine ganze sehnliche Liebe zog mich, da zu bleiben; schließlich tat ich alle Philisterei beiseite, mein junges und glühendes Menschentum stand gewaltig und zwingend in mir auf wie nie zuvor und ich konnte nicht anders, als mich zu ihm hinbeugen und sagen, daß ich bei ihm bleiben wolle.

Wir gingen dann noch vor seine Stube hinaus und sahen die Treppe hinunter, ob bei der Vermieterin, die einen Stock tiefer wohnte, das Licht aus sei; sie pflegte alsdann im Bette zu sein, was uns sehr lieb gewesen wäre, und richtig war alles still und dunkel drunten. Der Hausknecht vom Laden im Erdgeschoß hatte nebenan seine Kammer, er war vor einer Weile heraufgekommen, und wir hörten sein Geschnarche durch die Tür hindurch.