Als wir nun wieder in der Stube waren, und die Tür verschlossen hatten, brachte uns das Bewußtsein, daß wir nun eine ganze Nacht zusammen sein dürften, in einen tollen und freudigen Liebesrausch; wir standen minutenlang und hielten uns eng umschlungen, küßten uns und wurden erst daraus gerissen, als Gottfried von einem neuen Hustenanfall gepackt wurde.
Dann kam die Nacht; und von den Nächten meiner Jugend, da ich geliebt, gelitten, gefeiert hatte und selig war, ist mir jene vor allen schön und rein und leuchtend im Gedächtnis.
Ich verstand weiß Gott nichts von Krankenpflege; ich tat eben so, wie es mir Liebe und Einfalt eingaben. Wie ein Kind brachte ich Gottfried zu Bett, deckte ihn zu und legte ihm einen kalten Umschlag auf die Stirn. Still, wunschlos und in seliger Zufriedenheit lag er da, ließ alles mit sich geschehen und sah mir immerfort lächelnd nach, wie ich in der Stube ab und zu ging, das Feuer frisch schürte, ein Papier vor die Lampe hängte, damit ihm die Helle nimmer weh tue und ihm zu trinken brachte. Wir hatten ja nichts da als Wasser und ein paar Stücklein Zucker; schließlich fiel mir sein Aepfelkorb ein, und es kam mir darin eine schöne und saftige Winterbirne in die Hände. Ich schälte sie und schnitt sie in kleine Stückchen; damit fütterte ich ihn wie einen kleinen, kranken Vogel, und es war mir wonnig bewußt, wie köstlich es sei, so zu tun. Wenn ihn ein Husten ankam, war ich bei ihm, richtete ihn ein wenig auf und hielt ihn fest und zärtlich an meiner Brust, bis es vorbei war; alsdann deckte ich ihn wieder sorgfältig zu. Dazwischen saß ich still an seinem Bett und hielt seine Hand in der meinen. Auch kam mir der Gedanke, es möchte ihm vielleicht Erleichterung bringen, wenn er ein warmes Tuch auf der Brust hätte; ich holte aus seiner Schublade ein Hemd, machte es am Ofen heiß und legte es ihm zusammegefaltet um, was ihm wirklich ein wenig wohltat.
Und es war sonderbar, solches machte uns glücklicher und erfüllte uns mit größerer Seligkeit als alle Küsse und Umarmungen der guten Zeit.
Später meinte Gottfried, es werde ihm besser, und ich müsse nun schlafen. So richtete ich mir auf dem Sofa ein Lager her, löschte das Licht und legte mich nieder.
Schlafen konnte ich nicht; doch verfiel ich mit offenen Augen in eine absonderliche und beglückte Träumerei, darein mir als einzig Wirkliches und Irdisches Gottfrieds schnelles Atmen drang. Vor dem Fenster hing der nächtige Himmel rein und voll glänzender Sterne, ich dachte weder, daß Gottfrieds Krankheit gefährlich sein könne noch daran, daß es etwa nicht ehrbar und anständig für mich wäre, hier in der Nacht bei meinem Schatz in der Stube zu liegen, – alle meine Gedanken und Träume konnten in unbeschwerter Wonne nur das fassen, wie wunderbar diese Nacht sei.
Hörte ich von Gottfrieds Bett her das geringste Geräusch oder erkannte ich auch nur an seinem Atmen, daß er wach sei und ihn etwas plage, so war ich im nächsten Augenblick bei ihm drüben und tat, was gerade nötig war, gab ihm zu trinken, wechselte seinen Umschlag oder hielt ihn, wenn ihn ein Husten überkam.
Er streichelte dankbar meine Hand. »Wie machst du's denn, daß du es immer so genau weißt, wann ich dich nötig habe? Wenn ich nur denke, ich möchte etwas von dir haben, dann stehst du schon neben mir!«
Einmal sagte er mit leisem Lachen: »Du, wenn die Pfarrer und Schulmeister richtig wüßten, wie das ist, dann würden sie schleunigst dafür sorgen, daß alle Primaner und Konfirmanden eine Liebschaft anfingen. Die einen von den Herren drohen mit der Hölle, wenn man etwas Böses tue, und die andern mit dem Gefängnis; sei man aber brav, so werde man ein ehrbarer Mann und komme in den Himmel. Glaubst du, so etwas könne mich abschrecken oder anfeuern? An eine Hölle glaube ich nicht, und bloß so für mich selber oder weil ich einmal Geheimrat werden möchte, lohnt sich die Streberei wirklich nicht.
Und siehst du, seit ich dich kenne, ist es einfach selbstverständlich, daß ich nichts Gemeines tue und ein anständiger und tüchtiger Kerl werde. Und es ist immerfort ein Wille und Trieb in mir, etwas Großes und Ungeheuerliches zu leisten und heldenhafte Sachen zu vollbringen. Wenn ich jetzt etwa ganz arge Schmerzen aushalten müßte oder sterben würde, so wäre das nur etwas Kleines von dem, was ich um dich tun möchte. Weißt du, ich bin mit diesen Gedanken schon auf ganz blödsinniges Zeug gekommen; ich habe mir die Nase zugehalten und dabei auf die Uhr gesehen, wie lange ich's aushalten könne, ohne zu atmen, und wenn es recht lang war, war ich glücklich. Oder ich bin die Burgfelsen hinaufgestiegen und habe einen fürchterlichen Schwindel überwunden. Und es wäre doch wahrhaftig keine Heldentat gewesen, wenn ich heruntergefallen wäre! – Aber es war alles aus einem Willen zu etwas Großem und Gutem heraus und weil ich dich lieb habe. Es ist schade, daß das die Herren nicht so wissen oder vielleicht vergessen haben.«