– Später nahm er meine Hand und legte sie auf seine Brust. »Da, spür einmal, wie schnell mein Herz schlägt!« Und indem ich fühlte, wie heftig und unruhig das arme Ding sich gebärdete, fuhr er leise fort: »So hat es schon oft geschlagen, wenn ich an dich gedacht habe. Ich habe dich so lieb, wie es kein Mensch sagen und ausdrücken kann. Seit du hier bist und ich deine Nähe immerfort spüre und deine und meine Liebe, bin ich oft wie betrunken vor Seligkeit. Ich kann es manchmal kaum mehr ertragen. Wenn du abends bei mir warst und ich dich heimbegleitet habe, muß ich immer noch stundenlang in der Nacht herumlaufen und auf einen Berg hinauf, daß ich es ein bißchen verschaffe. Ich beiße mir oft in die Hände, oder ich renne mit dem Kopf gegen eine Mauer, und wenn es stark weh tut, dann wird mir's leichter.«
Um halb fünf Uhr rüstete ich mich zum Gehen; Gottfried war sehr müde und meinte, er wolle nachher zu schlafen versuchen, doch war sein Leintuch verstrampft und die Kissen so verwühlt, daß er mir leid tat.
»Nein, du, so geht das wirklich nicht. Weißt du was, – ich wickle dich warm ein und trage dich aufs Sofa hinüber, daß ich dein Bett ordentlich schütteln kann.«
»Ich bin dir doch viel zu schwer,« meinte er ungläubig; doch wickelte ich ihn in seine wollene Decke und nahm den mageren Jungen auf die Arme.
»Siehst du, daß ich es kann,« sagte ich vergnügt, und beim Hinübertragen sahen wir einander selig in die Augen.
Als er dann wohl gebettet und versorgt war und ich schon in Mantel und Mütze vor ihm stand, sah er mich groß und ernst an und meinte dann nachdenklich: »Weißt du, das Allerfeinste müßte sein, wenn man dein Kind wäre!« Und seufzte ein wenig dazu.
Wir verabredeten, daß er zum Arzt schicken solle und daß ich am Abend wieder kommen wolle; dann nahmen wir heißen, zärtlichen Abschied, und ich ging leise und eilig fort.
Auf dem ganzen Heimweg begegnete ich keinem Menschen; die Häuser ragten hoch und stumm, und mein Schritt hallte durch die Gassen; es war so kühl und feierlich und stille, als ging ich in einem Dom oder schweigend morgendlichen Walde, und darüber stand der Himmel mit den schon leise verblassenden Sternen dunkel und voll tiefer Klarheit. Ein Sturm von Jubel und glühender Lust war über mich hereingebrochen. Alle Zukunft und alles, was vordem war, war nicht; mein Leben bestand in dieser einzigen, göttlichen Stunde voll ungeheuerlicher Wonne. In den mächtigen Bränden des Liebhabens und Geliebtwerdens, die ich in mir trug, war diese unerschöpfliche Seligkeit geboren; doch dachte ich weder an Gottfried noch an meine Liebe und nicht an Quell und Ursache dieses Geschehens; Welt und Menschen waren versunken, kaum war mir noch meine eigene Körperhaftigkeit bewußt, so jauchzend war ich dem Unirdischen und Herrlichen zugetan, das mich erfaßt hatte. Mein Weg führte über eine kleine Brücke, zu deren Seiten schmale, steinerne Brüstungen hinliefen, und darunter strömte ein tiefes Wasser schwarz und gurgelnd. Jählings überkam es mich, daß ich auf diese Brüstung steigen und mit ausgebreiteten Armen schwingend und leise schwankend über die dunkle Tiefe zum andern Ende gehen mußte. Wäre ich gestürzt, so wäre es in süßer, schäumender Entrücktheit geschehen und ohne Angst und Reue gewesen. Tod und Leben waren eins geworden und einander gleich in berauschender Schönheit. Immerfort lagen mir Verse und Gesänge auf den Lippen, vergingen, und es kamen neue und schönere, und es war eine brausende Musik in mir, daß ich hätte laut singen mögen oder darnach tanzen.
Als ich vor meinem Hause ankam, war mein Gesicht naß von Tränen. Der stürmende Jubel meines Innern ließ langsam nach; doch war mir das Herz noch den ganzen Tag schmerzend schwer vor Glück.