Unterdessen war ich aber schon bei ihm drüben, fauchte ihn an wie ein wilder Kater und schüttelte ihn weinend und bebend.
»Adolf – wenn du nicht augenblicklich still bist –«
»Verhaust du mir auch den Ranzen?« fragte er lachend; doch war er gleich darauf ruhig, nahm meinen Arm und führte mich zu einem versteckten Gartenbänklein, wo er mit väterlicher Güte sein großes Sacktuch herauszog und mir die Tränen damit wegputzte, bis ich lachen mußte. Darauf ging er ins Haus und kam nach einer geraumen Weile mit einem Krüglein Wein und zwei Gläsern wieder. Er schenkte ein und hielt mir das Glas an die Lippen.
Wir tranken also, es wurde mir ein bißchen besser zumut, und da es mir war, als sei ich Adolf eine Erklärung schuldig, erzählte ich ihm die ganze tragische Geschichte der letzten Wochen und wie mich die Bosheit und Gemeinheit dieses Frauenzimmers geplagt und bombardiert und gezwiebelt habe, und am Schlusse sprach ich traurig von dem trüben Ereignis mit der Pastete. Adolf saß unbeweglich und hörte mir zu; nur hin und wieder vernahm man sein leises, erfreutes und prachtvolles Lachen durch die Stille.
»Du hast gut lachen,« sagte ich am Ende bitter. »Du bist über alle solche Sachen erhaben, und es kann dich nichts aus deiner Ruhe bringen. Ich glaube, dich hätte nicht einmal die schwarze Pastete angefochten!«
»Nein, wahrhaftig nicht!« lachte er. Ich starrte trübe vor mich hin. »Weiß Gott, wie du's machst!«
»O, ich tue bloß das Gegenteil von dem, wie du's machst,« sagte er ruhig. »Du hast doch jetzt selber gemerkt, daß es nicht ganz schlau war, wie du's angegriffen hast. Du hättest der Alten keinen größeren Gefallen tun können, als auf ihre Bosheit einzuschnappen. Die nimmt gern ihren Buckel voll Hiebe in den Kauf, wenn sie weiß, wie unmäßig sie dich geärgert hat. Siehst du, man muß die Leute ansehen, wie wenn sie alle einen Tropfen an der Nase hätten oder ein Loch im Aermel – und auch so mit ihnen umgehen. Im Anfang ist das eine Kunst, später geht's von selber. Um ganz unabhängig und frei und glücklich zu sein, gehört freilich noch ein dickes Fell dazu, – und dann noch – weißt du, noch ein paar innerliche Sachen, die du wahrscheinlich doch noch nicht verständest, auch wenn ich dir's jetzt erklären würde. Ich sag es dir später einmal, wenn du mehr von Philosophie verstehst. Du bist jetzt auch noch ein wenig zu jung dazu.«
Ich sann dieser sonderbaren Lehre betroffen nach und fragte zweifelnd, ob er wirklich meine, daß ein Mensch nur mit diesem und so ohne weitere Anstrengung richtig glücklich werden könne.
»Unbedingt ja,« antwortete er felsenfest und ruhig. Ich sagte ihm nun, daß ich immer gemeint habe, man könne sein Glück und seine innere Fröhlichkeit nur durch einen rechtschaffenen und tätigen Lebenswandel erwerben und setzte ihm Herrn Roths Lebensanschauung auseinander, die ja nun auch die meine war.
»Ei, so plage dich doch!« rief er. »Wir wollen sehen, wer in seinem Leben, und, worauf ihr es doch am meisten abgesehen habt, am Ende dieses Lebens, glücklicher ist, du oder ich!«