Wir gerieten in ein heftiges Wortgefecht; Adolf redete mich schließlich in Grund und Boden hinein. Ich saß still und wußte nichts mehr drauf zu erwidern.

»Das kann alles wahr sein,« sagte ich nach einer langen Weile, »und es kann für alle andern Menschen passen und recht sein. Aber daß mein Glück irgendwo anders liegt, das glaube ich eben doch. Wenn ich wüßte, daß du es ernst nehmen und mich nicht auslachen würdest, könnte ich es dir vielleicht sagen.«

»Ich lache dich sicher nicht aus,« antwortete er freundlich und ohne Spott. »Im Gegenteil; ich freue mich recht, wenn du es mir sagen willst.«

Da fing ich an, daß schon lange, ehe mir Herrn Roths Weisheit aufgegangen sei und lange, ehe ich überhaupt mit Bewußtsein und Verstand über solche Sachen nachgedacht habe, etwas in mir gewesen sei, das viel echter und glühender und gewaltiger sei und viel mehr zu mir selber gehört habe und aus mir selber gekommen sei als alles das andere. Ich erzählte ihm von dem Grab des Namenlos und der großen, roten, nackten Zehe, auch von dem Morgen bei der Buche und von der Zeit, nachdem der spitzfindige Herr Bürger vom Zinken abgereist war. Und später von der Nacht in des Bäsleins Babetts Gastkammer, von der Zeit mit Gottfried und von allen diesen Stunden, da ich die göttlichen Ströme in mir gespürt habe. Und als ich zu Ende war, wurde ich sehr verlegen und wußte nicht, wie er es aufgenommen habe.

»Ich danke dir, Ageli,« sagte er herzlich. »Es ist sehr fein und etwas ganz Besonderes, und ich glaube schon, daß man damit glücklich werden kann. Ich bin nun gespannt, wie es dir im Leben geht. Bloß sieh, du sprichst davon, daß es dich dränge, alle Menschen zu lieben und ihnen zu dienen. Weißt du, da ist eben das gewöhnliche brave Geschmäcklein dran, und du wirst es auch so im üblichen – hm – christlichen Sinn meinen?«

»Nein,« sagte ich zögernd, »– ich glaube, ich – ich meine – das – menschlich!«

Da fing er nun doch an, laut und aus Herzensgrund in die schweigende Nacht hinaus zu lachen; ich hielt ihm erschrocken und beschämt den Mund zu, aber es lachte dennoch übermütig und knabenhaft darunter hervor. »So, so, du meinst das Lieben menschlich! – – ach, Mädel, du bist köstlich! – –«


Ein paar Wochen darnach kam an einem Morgen Margrets Aeltester zu mir herauf, aufgeregt und verstört: Die Mutter liege auf dem Boden und jammere und könne nicht mehr aufstehen; der Vater sei nicht da, ob ich nicht geschwind herüberkommen könne.

Eilig ging ich mit dem Buben hinüber; wirklich lag Margret umgesunken da, unfähig, sich zu erheben, und wimmerte und wand sich in Schmerzen. Ich brachte sie ins Bett, Adolf kam und holte einen Arzt und eine Pflegerin, und man sprach von einer Ueberführung ins Krankenhaus, falls Frau Fouqué zu Hause nicht die nötige Pflege habe. Margret wehrte sich flehentlich dagegen.