»Meine Schwägerin ist sehr gewissenhaft,« sagte Adolf zu dem Arzt und sah mich an. »Wenn du hier bleiben könntest –!« Ich nickte ihm eilig und selbstverständlich zu, und alles war in Ordnung. Man ließ Margret da, auch die Pflegerin blieb vorerst, und zur Besorgung des Haushalts erbot sich eines der Fräulein Heitenreiter gerne auszuhelfen, bis ich frei wäre. In einer Stunde war alles beschlossen. Das Zusammensein mit Genovev und dadurch meine ganze Arbeit war seit jenem dunklen Abend herzlich unerquicklich und hätte doch kaum so weiter gehen können. Also kündigte ich und war schon nach vierzehn Tagen mit meinen Sachen in Fouqués Gastzimmer untergebracht.
Es bleibt bei diesem nur noch zu sagen übrig, daß Genovev ihre guten Tage nicht mehr lange genießen konnte; sie wurde nach einem halben Jahre in eine Anstalt überführt, da sie am delirium tremens erkrankt war.
Bei Margret ging es etwas besser, sie hatte keine Schmerzen mehr, und die Pflegerin war entbehrlich, als ich hinkam. Nur war sie sehr geschwächt und durfte das Bett nicht verlassen; wir beschlossen nun, daß ich auf eine lange Zeit ganz dableiben solle, zum mindesten bis das Kind da sei und über das Gröbste hinaus, bis dem Haushalt wieder auf die Füße geholfen und Margret wieder ganz, ganz gesund sei. Ueber diese Aussicht geriet nun die ganze Familie Fouqué in eine solch freudige Begeisterung, daß ich halb tot geküßt und gedrückt wurde und alle Ursache hatte, gerührt und beglückt zu sein.
Margret wurde zum erstenmal in ihrer Ehe gepflegt, versorgt, verwöhnt, sie lag strahlend und selig da und fühlte sich beständig als Fürstin oder Prinzessin, wie sie jeden Morgen so sauber gekämmt und gewaschen in ihrem reinen weißen Bett lag und in ihrer aufgeräumten Stube herumsah. Hatte sie sich jemals Sorgen oder trübe Gedanken gemacht, so fiel das nun völlig von ihr ab; fragte ich sie etwas über irgend eine Geldangelegenheit, so hielt sie sich die Ohren zu, zog unwillige Stirnrunzeln und drehte sich auf die andere Seite. Sie überließ das alles mir; mochte ich sehen, wie ich damit zurecht kam; – wenn ich nur sie in Ruhe ließ. Nun, da sie keine Schmerzen mehr hatte, lag sie stets vergnügt und ledig aller irdischen Beschwertheit da und lebte gleich einem Kind ihre schönen, müßigen Sommertage hin.
»Ich bin so arg glücklich,« sagte sie oft. »Es ist mir in meinem Leben noch nie so gut gegangen wie jetzt. Gelt, Adolf, es ist die schönste Zeit von unserer ganzen Ehe? Und das ist alles, weil das Ageli da ist! – Ach Kinder, ihr müßt es schrecklich lieb haben. Es ist eine arg Gute!«
Fouqué schwärmte kaum minder für mich; doch war ich klug und ehrlich genug, wohl zu wissen, daß dieses nicht den etwaigen Reizen meiner Persönlichkeit, meinen geistigen Interessen oder meiner Aufopferungsfähigkeit zugrunde lag, sondern lediglich deshalb war, weil ich gut kochen konnte. Er hatte beständig ungeheuerliche Lobsprüche dafür auf Lager, und wir konnten uns an den Abenden, wenn ich bei einer Näherei saß, stundenlang über italienische und französische Kochrezepte unterhalten. An die Philosophie kamen wir vorerst nicht viel.
Trotz allem, was ich schon von Margrets Haushalt kannte und wußte, hätte ich mir die Karre nicht so jämmerlich verfahren vorgestellt. Es war wirklich stark, und ich schämte mich unendlich vor der ordentlichen und appetitlichen Fräulein Heitenreiter, daß sie diese Wirtschaft gesehen hatte! Später gewöhnte ich es mir ab, mich zu schämen.
Alles was man in die Hand nehmen wollte, war kaputt oder nicht sauber oder überhaupt verschlampt. Die ganz notwendigen Gebrauchsgegenstände, wie Margrets Haarbürste, die Schere und das Küchenmesser fand ich an Schnüren gebunden, die an der Wand festgenagelt waren, damit sie wenigstens nicht abhanden kämen. Dafür entdeckte ich an den absonderlichsten Orten ganze Kolonien von Stecknadeln, Kaffeelöffeln, einzelnen Strümpfen und Kinderhandschuhen und abgegangenen Hosenknöpfen. Es fehlte so am nötigsten, daß ich heimlich auf die Sparkasse ging und etwas von meinem Geld holte und Kinderleintücher und ein wenig Anderes drum kaufte. Fouqués merkten so etwas nicht. Es tat not, daß ich um fünf Uhr morgens aufstand, um für Margret und das Jüngste zu waschen, und ich mußte bis tief in die Nacht hinein über dem Nähen und Flicken sitzen. Und dennoch war es mir, als rutsche das was ich arbeite, allsogleich wieder in ein Loch und verschwinde ungesehen; und alles was ich tue, sei umsonst; ich war verzweifelt, daß trotz meiner Aufbietung aller Kräfte kein Schwung in diesen jämmerlichen und verlotterten Haushalt zu bringen war. Man mußte noch ganz froh und zufrieden sein, wenn wieder ein Tag herumging, ohne daß man aus seiner Haut fuhr, und wenn am Abend alle satt und noch am Leben waren.
Die Buben waren prächtige und aufrichtige Kerle, bloß von solch unbändiger Wildheit und einem solchen Leichtsinn, daß mir Margret in ihrer Kindheit noch als Lamm dagegen erschien; ach, sie mochten von der Fouquéschen Seite noch so das Richtige dazu bekommen haben. Mit bleichem Grauen sah ich ihre fürchterlichen Expeditionen über den Laufsteg hinüber und am Schloßberg, ich hätte, weiß Gott, von keinem geglaubt, daß er das vierzehnte Lebensjahr erreiche und noch den Kopf und alle Glieder habe. Es passierten jeden Tag ungezählte Malheure; der eine warf den Milchtopf um, der zweite tappte in die Scherben und blutete; ich schickte den dritten zur Milchfrau, da man doch wieder Milch haben mußte, und dieweil ich dem einen seine Hiebe gab und dem andern den Fuß verband, kam er wieder und hatte das Geld verloren, weil er auf der Straße irgend etwas nachgesprungen war; nur in der Küche stand inzwischen tröstlich ein Trupp fleißiger Katzen und leckte die Milch auf. Täglich gab es Beulen, Risse, Schnitte und Löcher in den Köpfen, dazwischenhinein wurde gelegentlich auch ein Arm oder Bein gebrochen, wobei man dann leider zum Doktor schicken mußte; bei allem übrigen derartigen lachte mich Margret schallend aus, wenn ich es tragisch nahm oder Anstalt machte, die Buben zu verbinden und in der Stube zu behalten. Kam einer heulend und blessiert angelaufen, so nahm sie ihn geschwind zu sich ins Bett, erfand irgend eine fabelhafte Geschichte, kitzelte ihn ein bißchen und lachte mit ihm, dann schickte sie ihn wieder weg. Löcher in den Hosen nahm sie viel schwerer, da diese nicht von selber zuheilten. Auch Adolf, wenn er beim Mittagessen seine Buben sah, lachte in einem solchen Fall gemütlich und sagte höchstens: »So, Kerl, warst du wieder auf der Mensur?«
Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich auch, daß ich eines Morgens ins Schlafzimmer kam, wo das dreijährige Mädelchen noch im Bett lag, und wo ich mit Entsetzen wahrnahm, daß die Kleine auf ihrem weißen Deckbettlein mit einem ansehnlichen Klumpen prächtig nassen Gartenlehms spielte, den sie sich in einem unbewachten Augenblick geschwind barfüßig geholt hatte. Ehe ich noch ein Wort sagen konnte, fing Margret herzlich an zu lachen und meinte bittend: »Gelt, du schimpfst jetzt nicht und läßt ihr's noch eine Weile; sie spielt gerade so fein und das Bett ist sowieso schon dreckig!«