Schlimmer als das bedrückten mich die Geldnöte der Familie. War es bei uns zu Haus auch sehr arm zugegangen, so war doch nie eine wirkliche Not und immer noch irgendwo ein Sparpfennig gewesen. Bei Fouqués aß man Forellen oder Geflügel, wenn es gute Zeiten waren, ging das Geld aus, holte man in der Ladenkasse, und war auch da nichts, so hatte man eben Tee und Brot zu Mittag. Jedesmal, wenn die Miete oder eine Rechnung zu zahlen war und kein Geld dafür da, überlegte ich mir's, ob ich nicht mein Erspartes holen solle und dran geben; und jedesmal schlug ich mir's wieder aus dem Kopf. Lieber wollte ich den Dingen ein wenig auf den Grund gehen.

Im Laden unten war als Gehilfe – Lehrling gab es keinen – ein Junggeselle namens Breisel. Ob er ein tüchtiger Buchhändler sei, konnte ich nicht beurteilen; doch besaß er eine äußerst treue Seele und mein Schwager hatte ihn mit dem Geschäft übernommen. So großartig, so vornehm und verwöhnt nun Fouqué auftrat, so dünn und bescheiden war Breisel. Ich kam bald dahinter, daß er kein ordentliches Gehalt bezog, sondern gleich uns aus der Ladenkasse nahm, was er brauchte, wobei der arme Tropf recht schlimm wegkam, da er mehr als gewissenhaft war und genügsam wie eine Kirchenmaus. Er hätte bis nachts zwölf Uhr gearbeitet, wenn ihn nicht Adolf zur Zeit heimgeschickt hätte; – er hätte es schließlich auch ganz ohne Gehalt getan, so mit Leib und Seele war er im Bann der schönen Fouqués.

Mit diesem Breisel nun suchte ich mich hinter dem Rücken meines Schwagers anzubiedern; ich wußte, daß er eine Schwäche habe, nämlich für Zwetschgenmarmelade. So kochte ich ihm einen Topf voll ein und brachte sie an einem Abend, als Adolf verreist war, hinunter. Wenn Breisel ein Hundeschwänzchen gehabt hätte, so hätte er nun gewedelt; er war unendlich gerührt. Ich blieb aber sehr ernst, sagte, wie ich wohl wisse, daß ihn mein Schwager nicht recht bezahle und man ein wenig für ihn sorgen müsse. Von so vieler Liebe hingerissen, setzte sich Breisel auf den Ladentisch, baumelte aufgeregt mit seinen dünnen Beinen und schüttete mir sein Herz aus. Und was ich längst geahnt hatte, wurde mir nun düster bestätigt, daß nämlich das Geschäft trotz des aufgebrauchten Kapitals und trotz der Schulden hätte ordentlich gehen können und das Einkommen ausreichen müssen, wenn Fouqué kein solch unheimlich fauler Tropf und Schlamper gewesen wäre.

»Ich muß fast den ganzen Tag im Laden sein und bedienen,« sagte Breisel klagend; »wenn nun eine Sendung kommt, so bleibt sie eben unausgepackt, bis ich dran komme, – und wenn es noch so pressiert; Herr Fouqué tut es nicht und sonst ist niemand da. Es gäbe so viele Bestellungen zu erledigen, ach, es wird mir schwindelig, wenn ich dran denke; – wissen Sie, besonders jetzt auf Weihnachten hin. Aber ich habe keine Zeit dazu und Herr Fouqué schiebt es von Tag zu Tag hinaus. Man sollte Auswahlsendungen zusammenstellen, und man sollte Remittenden packen, die Auslagen neu machen und Rechnungen herausschreiben; und mit dem Bücherführen sind wir schon seit Jahren im Rückstand; ich weiß mir nicht mehr zu helfen wegen der Steuer. Und die neuen Börsenblätter hat Herr Fouqué in der Tasche, ach, und wenn ich sie brauche und haben möchte, dann findet er sie meistens nimmer. Aber das Allerärgste ist mir, daß er mich mit Ladenschluß fortschickt, und alles, was zu tun wäre, bleibt liegen! Ich sag' es immer: allzugut ist liederlich, jawohl: liederlich – – –!«

Am hellen Tage aber oder in Adolfs Gegenwart hätte der sanfte Herr Breisel etwas Derartiges nicht gesagt.

Ich ließ es mir durch den Kopf gehen; die geheime Mitverschworenheit und alle guten Eigenschaften Breisels hatte ich mir gesichert, da ich von nun an stets darauf bedacht war, daß in dem kleinen Ladenstüblein neben Breisels Hut ein Gesälzhafen stehe, der gleich dem Oelkrüglein jener Frau von Sarepta nimmer leer wurde. Ich ließ mir zeigen, wie man Bestellungen machte und einfache Geschäftsbriefe schrieb, wie man Bücherballen packte und ein Schaufenster richtete, und am Ende weihte mich Breisel sogar in seine Strazzen ein. Fouqué kam mit dem gewohnten Scharfsinn sofort dahinter; als er mich ertappte, sah er mich eine Weile mit seinem seltsam spöttischen und überlegenen Blicke an, und ich wurde rot darunter, als müßte ich mich schämen und nicht er sich. »Ach, richtig – du brauchst ja so etwas, um glücklich zu sein, nicht wahr? Dann tu es nur; ich verderbe dir die Freude nicht. Bloß den Breisel darfst du mir nicht über die Zeit anspannen, sonst geht er ein.«

Und Adolf ließ mich ruhig gewähren.

– – Eines war mir damals voller Unbegreiflichkeit und beinahe Heiligkeit: Margrets Ehe. Ging auch keines der beiden darin irgendwie über seine Grenzen hinaus, so, daß es sich etwa dem andern zu lieb überwunden hätte, etwas strebsamer und tüchtiger zu werden, so lag doch die Liebe, die sie zu einander hatten, verklärend und wie ein beständiger Adel über dem trägen und so wenig tiefen Leben der beiden. Es war die Liebe eines Brautstandes oder einer ganz jungen, ungetrübten Ehe, – voller Zärtlichkeit, Leidenschaft und Ueberschwang und einer bei den beiden doch sonst so seltenen glühenden Beständigkeit. So im Lauf der Krankheit nahm mir Adolf fast die ganze Pflege Margrets ab; es war ganz wenig, was ich noch an ihr tun durfte. Er brachte ihr zu essen, wusch und bettete und besorgte sie und das alles leicht und gewandt und mit unglaublich geschickten Händen. Ich weiß noch, wie mir Margret eines Morgens, als ich sie betten wollte, erklärte: »Ich danke schön, Ageli; ich möchte lieber warten bis Adolf kommt. Du mußt mir verzeihen, aber er macht das so viel zarter und feiner als du!«

Er überhäufte sie mit Geschenken, Blumen und Leckerbissen und dachte sich die feinsinnigsten Sachen aus, mit denen er sie erfreuen und zum Lachen bringen konnte. War er um sie, zeigte er stets seine hellste und gewinnendste Fröhlichkeit, und wenn sie bei Nacht wach lag und nicht einschlafen konnte, stand er auf und spielte auf dem Klavier ihre Lieblingsstücke.

Und für Margret wiederum gab es nichts Schöneres, als, wenn er nicht da war, immerwährend von ihm zu sprechen und zu schwärmen. Ueberaus gern erzählte sie von der Zeit, da sie ihn kennen gelernt hatte und von ihrem Brautstand; wenn ihr etwas besonders Feines daraus einfiel, so konnte sie mich von der Arbeit wegrufen, um es mir zu sagen, so wichtig war es ihr. Einmal hatte ich mich wegen irgend einer Schlamperei gewaltig über Adolf geärgert; obwohl ich es vor Margret möglichst zu verbergen suchte, so merkte sie es doch und rief mich zu sich her. »Du machst es noch nicht ganz recht mit ihm, Ageli,« sagte sie mit ganz ungewohntem Ernst und sah mich fast vorwurfsvoll an. »Ich weiß wohl, daß er Fehler genug hat, aber du mußt immer daran denken, daß er ein Genie ist und so ungewöhnlich und bedeutend, daß solche Sachen doch ganz verschwinden. Ein wahrhaft großer Mensch hat sich noch nie mit Streberei vertragen, und es ist ein Verbrechen, wenn man ihn mit dem gewohnten und kleinlichen Maßstab mißt. Du mußt doch merken, daß man ihm seine kleinen Sünden hingehen lassen muß, wenn man solche einem Maier oder Huber auch nicht verzeihen würde.« Und sie wurde ganz erregt dabei. –