Eines Tages hatte sich Lips Tullian mit Eckold, Sarberg, Schöneck, Lehmann und deren untergeordneten Räubern in einer Diebsherberge an der böhmischen Grenze eine Zusammenkunft gegeben, um über die Beraubung eines Klosters in der Nähe von Prag sich zu berathen, und gleich zur Ausführung ihrer Uebereinkunft zu schreiten. Sie saßen mit Mariane in der obern Stube und zechten, während die gemeinen Räuber in der untern, auf der Hausflur, im Garten und in der Scheune sich gütlich thaten. Es entstand ein Lärmen, ein Geschrei; das Getöse kam die Treppe herauf; es war das Gelärm einer wilden Freude.
Die Thür ward aufgerissen und Hentzschel und Schickel schleppten den gebundenen Jockel herbei. Diesen beiden war es gelungen, Jockel aus der Mitte einiger Gauner, mit denen er auf seine Hand Geschäfte machte, sich heraus zu holen, und ihn vor Lips Tullian zu bringen, der wegen Marianens Beraubung einen hohen Preis auf Jockels Einfangung gesetzt hatte.
Kalt und frech starrte Jockel auf Lips Tullian hin, der ihn mit zornigflammenden Blicken ansah und das Todesurtheil über den Gefangenen aussprach. Jetzt fiel Jockels Blick auf Marianen, die, bei der verhaßten Erscheinung von einer tief verletzenden Erinnerung erfaßt, bleich und zitternd vor sich hin schaute.
„Also sterben muß ich,“ — sprach Jockel eintönig und wild blickend — „sterben durch die Hände meiner Kameraden, weil ich dieser Metze dort ein paar Ringe nahm; weil ich mich selbst für meinen Antheil an der Beuchling’schen Beute entschädigte, wo ich so schändlich verkürzt worden! — Ich bettle nicht um mein Leben, es wäre mir ja zur Schande, unter einem Bonherrn zu stehen, der solch einer Lumperei wegen, aus Gefälligkeit gegen seine Metze, einen wackern Kameraden mit barbarischem Gleichmuthe dem Tode hingiebt. Aber mein letztes Röcheln soll noch ein Fluch über mich selbst werden, daß ich nach jener Stunde, in welcher Deine treue Buhlerin in meinen Armen sich im Genusse der Wollust bis zur Ohnmacht erschöpfte, ihr nicht das Messer in die Brust stieß, nicht das schwarze Herz durchbohrte, welches in der wildester Lust für mich schlug, und mich dann an den betrogenen Buhlen verrieth!“ — Lautlos glitt Mariane von ihrem Sitze nieder; das Entsetzen ob der höllischen Verleumdung, die Vorstellung von ihrem sichern Tode unter der mordenden Hand des furchtbar eifersüchtigen Lips Tullians raubten ihr das Bewußtsein.
Mit des Grimmes schrecklichstem Ausbruche riß Lips Tullian die Bewußtlose empor, goß ihr ein volles Glas in das bleiche Gesicht, und als sie jetzt die Augen aufschlug, fragte er die Bebende mit gezücktem Messer: „ob Jockel wahr gesprochen habe?“ Sarberg und Schöneck fielen ihm in den Arm, Mariane stürzte zu seinen Füßen, und wimmerte unter strömenden Thränen das Geständniß: „Jockel habe sie um Mitternacht durch die Lüge einer höchst nöthigen, nur ganz unbelauscht ihr zu vertrauender Warnung vor drohender Gefahr in die Gebüsche gelockt, dort plötzlich nieder geworfen, ihr das Messer auf die Brust gesetzt und schreckliche Martern und den Tod gedrohet, wenn sie sich ihn verweigere. Was mit ihr geschehen sei, könne sie nur ahnen; das Entsetzen vor dem Anblicke dieses Scheusals, das Gefühl ihrer Ohnmacht gegen den mit der Wuth seiner wildesten Lust Anstürmenden habe sie ihrer Sinne beraubt; erst mit den Strahlen der Morgensonne sei sie wieder ihres Bewußtsein mächtig geworden.“ Mit dem feierlichsten Eide bekräftigte Mariane ihre Aussage.
Nun stürmten Lips Tullians Freunde auf ihn ein mit herzlichen Bitten, Marianens Worten zu glauben, sie verbürgte sich für die Wahrheit ihrer Aussage, da die ganze Bande sie als treuste Zuhälterin, Jockel dagegen als den heftigsten Wollüstling, als einen tückischen, verläumderischen Ränkeschmieder kenne.
Lange schwieg Lips Tullian, gräßlich vor sich hin schauend. Jetzt wandte er sich zu Jockel.
„Wer hat Wahrheit gesprochen, Du oder Mariane?“ — donnerte er dem tückisch Lächelnden zu. Jockel schwieg. „Ich schenke Dir Leben und Freiheit, wenn Du mir mit dem Eide unseres Bundes schwörst, daß Mariane nicht willig, sondern im bewußtlosen Zustande sich Dir ergeben habe!“ — fuhr er mit gemäßigtem Tone fort —
„Ich bin ein gutherziger Narr, der ein gar dankbares Gemüth hat,“ — lachte Jockel frech auf. „Es war eine zu schöne Stunde, die ich genoß, und dafür soll die Unschuldige nicht länger leiden. Es ist wahr, Mariane sank hinten über, wie ein geknicktes Schilfrohr, als ich ihr ganz kurz und barsch erklärte, sie müsse auf der Stelle sterben, wenn sie nicht nach meinem Willen thue. Es wäre mir freilich lieber gewesen, wenn sie mich auch ein Bischen lieb gehabt hätte, und in meinen Armen nicht zur Salzsäule geworden wäre, aber es machte sich doch!“
„Du bist frei,“ — sprach Lips Tullian, und schnitt mit seinem Messer Jockels Stricke durch — „aber fort, in diesem Augenblicke fort, und treffe ich Dich noch einmal, so hängst Du am nächsten Baume!“ —