Jockel sprang die Treppe hinab, und lachend, lärmend, fluchend folgten die Räuber mit raschen Schritten dem Enteilenden.

Aber Lips Tullians Vertraute umschlossen ihn mit zürnenden Blicken und machten ihm die heftigsten Vorwürfe, daß er den Schänder seiner treuen Mariane nicht mit eigener Hand niedergestochen habe. Sie überboten sich an Bemühungen, dessen Zorn und Rachsucht aufs Aeußerste zu entflammen. Sie forderten mit dem heftigsten Ungestüme Jockels Tod, da er durch Marianens Beraubung, durch diese Beraubung eines Mitgliedes der Bande, nach ihren Gesetzen das Leben verwirkt habe.

Sarberg, ein tüchtiger Redner, schilderte die Größe dieses Verbrechens und Marianens Leiden, und die Schande für die Unglückliche, welche durch den Mund der vielen Zuhörer bald unter der ganzen Bande zum Tagsgespräche und ein Gegenstand allgemeiner Verhöhnung werden müsse, mit so hinreißenden Worten, daß Lips Tullian, vom Weine erhitzt, durch seiner Freunde heftige Zusprache aufs höchste gereizt, von Rachsucht entflammt, die rasche Wallung seiner Großmuth verfluchte und mit gräßlich rollenden Augen brüllte: „100 Dukaten demjenigen, der mir Jockel schafft!“ — Im Augenblicke sah er sich mit Marianen allein.

Der Tag dämmerte heran, als Sarberg in Lips Tullians Stube schlich, ihm Stillschweigen zuwinkte, und mit flüsternden Worten zur Folge einlud.

Leise stiegen sie die Treppe hinab, Lips Tullian lauschte einen Augenblick an der Thüre der Zechstube, und hörte, mit aufwallendem Zorne, wie die trunkenen Gesellen auf Jockels Wohl anstießen, wie sie den wackern Kameraden hoch leben ließen, und ein Pereat über den brüllten, der an Jockels Austritt aus der Bande die Schuld trage.

Schon hatte Lips Tullian mit seiner Linken die Thürklinke gefaßt, schon die Rechte nach dem Säbelgriffe ausgestreckt, um mit blanker Klinge unter die Meuterer zu stürzen, und sie seinen Muth und seine Macht fühlen zu lassen, als Sarberg ihn heftig zurückstieß, und mit Gewalt ins Freie führte.

„Die Stimme Deines Schutzgeistes hat Dir die Aufforderung zu Jockels Verfolgung in den Mund gelegt,“ — begann Sarberg mit halblauter Stimme, sich scheu umsehend, ob Niemand lausche — „denn sonst wärest Du bis morgen Jockels Gefangener und über Dich der Stab gebrochen. Höre!“

„Als wir zu Jockels Verfolgung Dich verließen, vertheilten wir uns. Ich und Eckold eilten auf die Lichtenfelder Meisterei zu, weil wir wußten, daß Jockel dort seine sicherste Zufluchtsstätte habe. Wir kamen an, sahen durch eine Spalte des Fensterladens Licht in der Stube, und am Tische bei einer Branntweinflasche Jockel mit dem Ungar und dem langen Bastian sitzen. Ich und Eckold sahen uns bedenklich an, denn auf freiem Felde hätten wir gern mit ihnen angebunden, aber hier zu befürchten gehabt, gleich beim Eintritte in die Stube niedergeschossen zu werden, da gerade diese drei uns schon lange Verderben gedrohet haben. Eckold wollte Dich herbeiholen, als wir beim Mondlichte zwei Gestalten über die Wiese daher eilen sahen, und bald in diesen Schöneck und Lehmann erkannten. Auf ein Zeichen von uns hielten sie schweigend an und folgten uns unter die Weiden, wo wir ihnen Jockels Anwesenheit in der Stube mit dem Bastian und dem Ungar bekannt machten, zugleich aber auch unsere Befremdung äußerten, Niemand von den Hausleuten, und auch die Hunde nicht gesehen zu haben. Als ich die Kameraden nun aufforderte, ihre Meinung zu sagen, wie wir am schnellsten und unbemerktesten in die Stube dringen könnten, versicherte Lehmann, hier am besten Bescheid zu wissen, führte uns an den Weiden hin an die kleine Scheune, und quäkte wie ein Frosch. Das Thürchen der Scheune that sich auf, und eine Dirne, die gerade dem Bette entstiegen zu sein schien, trat heraus. Lehmann flüsterte mit ihr, und winkte uns in die Scheune. Die Dirne — sie ist schon lange Lehmanns geheime Zuhälterin — erzählte, daß der Meister mit den beiden Söhnen und den Hunden in das Bließlinger Thal gegangen sei, um dort zwei Krämern aufzulauern; daß die Meisterin in der obern Stube krank liege, und Jockel für sich und seine zwei Kameraden Anstalt getroffen habe, hier zu übernachten. Lehmann vertraute der Dirne, wie sehr ihm und seinen Gefährten alles daran liege, Jockel zu fangen. Ich gab ihr gleich zwei Thaler, um sie für unsere Absicht desto mehr zu gewinnen.

„Das ist ja eine gar zu leichte Sache,“ — flüsterte die Dirne, „Jockel strebt mir schon lange nach, und soll gleich im Garne sein. Ich gehe in die Stube, trinke ein Glas Branntwein mit ihm, stelle mich betrunken und winke ihm, mir zu folgen. Sobald wir in der Scheune sind, heiße ich ihm, sich in mein Bett legen, während ich die Thüre verriegle. Ihr lauert hinter den Balken, bis Jockel in das Bett steigt, und habt dann geringe Mühe mit ihm!“ —

„Es geschah, wie die Dirne den Anschlag machte. Jockel wurde so rasch und so kräftig überfallen, daß er keinen Laut von sich geben konnte, und schon nach einigen Augenblicken mit verstopftem Munde und gebundenen Händen in einer Ecke der Scheune lag. Auch der Ungar wurde durch den Köder einer süßen Stunde in der Dirne Armen uns überliefert, und Bastian im Schlafe seines Rausches schnell zusammengeschnürt, wie seine Vorgänger. Lehmann spannte ein Pferd an den Karren, auf welchen wir die Gebundenen warfen, und sie dort in das Rödinger Hölzchen gebracht haben. In der Ueberzeugung, es werde von Dir die Sache ganz kurz abgemacht werden, haben wir gleich aus der Meisterei Spaten und Hacken mitgenommen!“