Lips Tullian kam zur Stelle, wo seine Todfeinde, mit Stricken umwunden, keiner Bewegung mächtig, zu seinen Füßen lagen, ihn mit ihren Blicken gleichsam durchbohrend. Er ließ ihnen die Tücher vom Munde nehmen, und der erste Gebrauch, den sie von der freigegebenen Sprache machten, war eine Fluth von gräßlichen Verwünschungen, mit schäumendem Munde hervor gebrüllt, von Drohungen furchtbarer Rache, die wegen ihrer Ermordung die braven Kameraden an ihm üben würden. Den Drohungen folgten die beißendsten Hohnworte, die schimpflichsten Aeußerungen, und Jockel erschöpfte sich in Witz über Marianens Todesangst, über ihr schafartiges Blöcken und ihre lächerliche Nervenschwäche unter seinen Umarmungen.
Mit eisiger Kälte und einem teuflischen Lächeln sah der mordlustige Lips Tullian auf seine willkommenen Opfer nieder. Ueber die Todesangst dieser Elenden sinnend, schritt er auf und nieder. Er blieb vor einer geräumigen Grube stehen; ein höllischer Gedanke, eine höllische Freude durchzuckte sein ganzes Wesen. „In dieser kühlen Grube bettet man sich bequem. Sie sei das Ruhelager meiner trauten Freunde, und eine weiche Decke von Erde und Moos schütze die Lieben gegen rauhe Lüfte und gegen die brennende Sonne!“ — rief er mit einem gräßlichen Hohngelächter.
Auf seinen Wink wurden die Verzweifelnden in die Grube geschleppt; schnell war sie bis an den Rand mit Erde und Steinen gefüllt.
Schweigend, von dem lange vermißten Gefühle des Mitleidens durchschauert, wandten sich die Räuber von der grauenvollen Grabesstätte ab; mit einem gräßlichen Lächeln des Hohns und der gesättigten Rache blickte Lips Tullian auf die Hülle der Lebendigbegrabenen hin.
XXXIV.
Der Kampf der Räuber unter einander.
Feigherz’ge Vorsicht, fahre hin! Auf nichts
Als blutige Vergeltung will ich denken.
Schiller.
In der schwarzen Garde glimmte schon lange unter dichter Asche der Funke des Mißmuthes, der Abneigung gegen den Häuptling. Lips Tullian hatte, nebst den Unteranführern, seine Auserwählten, denen er sein Vertrauen, seine Freundschaft, seine Achtung auffallend bethätigte, die er auch bei Unternehmungen, wo reicher Lohn zu ernten war, und bei mancher Vertheilung der Beute auf Kosten der allgemeinen Rechte mit leidenschaftlicher Vorliebe berücksichtigte, während er die übrigen Mitglieder der Bande als niedrigen Janhagel, als Sclaven seiner Willkühr betrachtete, und in seiner rasch aufwallenden Hitze mit despotischer Härte mißhandelte. Jokel war ein Liebling der meisten von der Bande; bei Lips Tullian viel geltend wegen seiner Schlauheit und seines Muthes, wo die größte Gefahr war, aber stets von ihm mit herrischer Macht in engere Schranken zurückgedrängt, als der Geringste der Uebrigen, da Jokel schon manchen kühnen Versuch gemacht hatte, seine Fesseln zu brechen, seinen Oberherrn von dem Höhenpunkt seiner Stellung herabzustürzen und sich dahin aufzuschwingen. Daß Lips Tullian ihn einst eine volle Woche, mit Stricken gebunden, in dem Keller einer Diebesherberge bei Wasser und Brod schmachten ließ, und zwar eines geringen Versehens wegen, daß Lips Tullian ihn oft blutig geschlagen hatte, darüber konnte Jokel sich nie beruhigen. Er lechzte nach Rache, aber je heißer die Flamme der Rachsucht in seinem verwilderten Herzen aufschlug, desto geschmeidiger wurde der tückische Heuchler. An Lips Tullians Wachsamkeit zertrümmerte so mancher seiner Pläne, den Jokel zu seines Feindes Vernichtung ersonnen hatte. Da führte ihn der Zufall Marianen zu. Wollust und Raubsucht, aber noch viel mächtiger seine unbezähmbare Begierde, sich an dem verhaßten Häuptling zu rächen, erzeugten die thierische Gewalthat und den Raub von ihm an Marianen geübt.