Außer denen von Lips Tullians erwählter Umgebung würde keiner an den vom Hauptmann für vogelfrei erklärten Jokel Hand angelegt haben.
Als Hentzschel und Schickel den gefangenen Jokel am Stricke herbei schleppten, erhob sich unter den gemeinen Räubern ein Freudengeschrei; es war aber nicht der Ausbruch der Freude, nun den Feind in seines Feindes Händen zu wissen, sondern der frohen Hoffnung, der Hauptmann werde Gnade für Recht ergehen lassen, und den Brauchbaren wieder in ihrer Mitte aufnehmen. Sie erstarrten vor Entsetzen, als Lips Tullian das Todesurtheil aussprach, sie jubelten laut bei dem Rufe der Gnade. Von Einem Geiste beseelt, von gleichem Verlangen beherrscht, Jokel an ihrer Spitze zu sehen, hatten sie in größter Schnelle geheime Abrede genommen, und den Ungar und Bastian abgesandt, um ihrem Lieblinge zu erklären, daß sie von nun an nur unter ihm dienen wollen, daher noch mehrere Gleichgesinnte unter den andern abwesenden Abtheilungen sammeln, und bei erster Gelegenheit Lips Tullian verlassen werden. Sie glaubten noch immer Bastian und den Ungar auf Werbung für Jokel, als dieser und ihre Abgesandten schon in ihrem schauderhaften Grabe den Tod der furchtbarsten Qualen, der gräßlichsten Verzweiflung gestorben waren.
Nur Einer unter Jokels eifrigsten Anhängern, der Welsche genannt, theilte nicht lange den Wahn der Uebrigen. Er hatte ein Gespräch zwischen Sarberg und Lehmann belauscht; worin Jokels erwähnt wurde, nur mit wenigen Worten, die ihm aber zur Genüge sagten, Jokel, Bastian und der Ungar seien nicht mehr unter den Lebenden. Er vertraute sich Niemandem; er allein wollte den Schleier dieses Geheimnisses lüften; die Sinnlichkeit sollte ihm ihre hülfreiche Hand bieten.
Der Welsche hatte eine Zuhälterin, die Sarberg im Stillen leidenschaftlich liebte. Dem scharfen Auge des Welschen entging Sarbergs heftige Neigung nicht. Er kannte seiner Dirne Schlauheit und Buhlerkünste; ihr allein vertraute er die erlauschten Worte, und auf sein Verlangen übernahm sie Sarbergs Ausforschung unter der Maske der Erhörung und der Gegenliebe. Sarberg hing an Lips Tullian mit beispielloser Treue; seinen Schwur, Jokels und seiner beiden Gefährten Ermordung als das tiefste Geheimniß zu bewahren, würde er nicht unter den allergrausamsten Händen der Folterknechte gebrochen haben; aber Liebe und Sinnlichkeit zerrissen die ehernen Bande seiner Treue, seines Schweigens. In einem unglücklichen Momente, wo die geübte Buhlerin seine Sinnlichkeit zur verzehrenden Flamme angefacht, wo er im Sinnenrausche alle innere Kraft, alle Besonnenheit verloren hatte, da entlockte ihm die schlaue Dirne sein Geheimniß.
L. Oeser in Neusalza.
Der Kampf der Räuber unter einander.
Auf einem abgelegenen Platze sammelte der Welsche seine Vertrauten, und theilte ihnen das grausame Ende ihres Lieblings und ihrer wackern Kameraden mit.
Sie erstarrten. Die Erstarrung wurde zum heftigsten Ergrimmen, zur unbezähmbaren Wuth gegen Lips Tullian und seine Lieblinge.
Der Welsche wollte ihnen rathen, die Gelegenheit, wann Lips Tullian allein sei, abzulauern und ihn dann niederzustechen. Die Wüthenden hörten ihn nicht. Sie stürmten in das Haus, wo Lips Tullian mit Marianen und seinen Erwählten unter lärmender Fröhlichkeit zechten. Ein fürchterlicher Kampf begann.[35]