Auch im Auffinden eines für seine Lage geeigneten Gasthofes hatte ihn das Glück begünstigt. Der Gasthof war eine Kneipe der niedrigsten Art, wo der Wirth den Fremden nicht mit fatalen Fragen nach Paß oder Ausweisung molestirte, sondern jedes, auch noch so verdächtigen Zuspruchs froh war und seinen, oft von der Justiz etwas befeindeten Gästen durch Rath und That aus allen Verlegenheiten möglichst half, wenn er nur bei seinen Schützlingen klingende Münzen witterte.

Philipp sah in der Zechstube Gesichter, bei deren Anblick brave Leute die Hände nicht aus der Tasche gebracht hätten. Aber Philipp fühlte sich wohl und ruhig im Umkreise dieser Galgen-Physiognomien, deren ähnliche er größtentheils zu seiner vertrautesten Gesellschaft in den Straßburger Kneipen gezählt hatte. Zufrieden setzte er sich an ein leeres Seitentischchen, forderte eine Flasche Wein, vom besten, der in diesem Hause sich finde, bestellte ein gutes Mahl, ein eigenes Zimmer mit Bett, und reichte dem Wirthe einen Doppel-Louis, mit dem Ansuchen, ihm Münze zu geben, da er damit nicht versehen sei. Beim Anblicke des blanken Goldstückes wurde der freundliche Wirth noch freundlicher und Philipp mit der größten Aufmerksamkeit bedient.

Auf seinem Zimmer vertraute er dem Wirthe, in Paris als Offizier bei der Garde gestanden, im Duell einen Kameraden niedergeschossen und deswegen die Flucht ergriffen zu haben; er sei, außer diesem Anzuge, ohne Kleider und ohne Wäsche, jedoch hinlänglich mit Gelde versehen, um reichlich zu bezahlen, wenn ihm nur das Nöthige schnell beigeschafft werde. Schon in einer Stunde sah sich Philipp im Besitze eines ganz neuen, vollständigen Anzuges und feiner Leibwäsche, auch, unter dem Namen Mengstein, mit einem Passe nach Brüssel versehen, den ihm der Wirth durch seine geheime Verbindung mit einem geldfeilen Sicherheitsbeamten verschafft hatte.

Alles dieses nahm eine bedeutende Summe in Anspruch, die aber für Philipp nur eine Kleinigkeit war.

Von seinem Raube bei der Wittwe Lehmann hatte er blos das Silbergeräthe an Blondell abgeliefert, gegen welchen er die Entwendung der Diamanten, Uhren und Goldmünzen verheimlichte und dessen Begierde darnach immer durch Verheißungen zu beschwichtigen wußte.

Er kannte sein Leben und die Gesetze zur Genüge, um zu wissen, daß er keine Stunde sicher sei, von der Hand der Gerechtigkeit erfaßt zu werden; er mußte jeden Augenblick einer schleunigen Flucht gewärtig und daher im Besitze der Mittel sein, unverzüglich und in ein fernes Land fliehen zu können. Daher trug er die geraubten Sachen immer bei sich, theils in seinen Unterkleidern eingenäht, in einem Ledergurte, den er um den bloßen Leib trug; nur einige der seltenen Goldmünzen hatte er, mehrere Stunden von Straßburg und auf verschiedenen Plätzen gegen Gold verwechselt, um sowohl für die gewohnte schwelgerische Lebensweise, als auch für den Fall einer schnellen Flucht mit baarem Gelde versehen zu sein.

Nur eine Nacht in Nancy zu bleiben, und dann nach den Niederlanden zu eilen, war Philipps Entschluß, der aber an einem heftigen Fieber scheiterte, welches ihn eine Stunde vor seiner Abreise so plötzlich und mit solcher Gewalt ergriff, daß er ihm erliegen zu müssen befürchtete. Beinahe einen vollen Monat mußte er ärztliche Hülfe gebrauchen, und dann noch aus Mangel an Kräften zwei Wochen zur Erholung in dieser Schenke weilen.

Josephine, des Wirthes Stieftochter, ein schönes, sanftes, stilles Mädchen, pflegte des Kranken mit der liebevollsten Sorgfalt. Sie wachte, während des gefährlichsten Zustandes, ganze Nächte an seinem Lager, und als Philipp wieder fähig war, seine sorgliche Pflegerin genauer zu beobachten, überzeugte er sich mit einem recht angenehmen Gefühle immer mehr, daß diese Sorge um ihn, der thränenreiche Schmerz bei seinen Leiden, die herzliche Freude über seine herannahende Genesung, die innigen Blicke, mit denen ihr blaues, sanftes Auge stets auf ihm ruhete, das Zittern ihrer Hand, wenn er sie in die seinige schloß, und die Thränen, die, so oft er von seiner Abreise sprach, über die erbleichenden Wangen flossen, aus einem warmen, liebenden Herzen kamen.

Auch er fühlte von Stunde zu Stunde eine heißere Neigung für die schöne, sanfte, liebende Josephine. Philipp hatte die Blüthen seiner Unschuld in den Armen lüderlicher Dirnen abgestreift; aber er hatte noch nie geliebt. Josephinens keusche, schweigende Liebe goß auch in seine Brust dieses himmlische Gefühl, und eine bessere, immer lauter werdende Stimme sagte ihm, daß nicht Sinnlichkeit, sondern eine tugendhafte, innige Neigung zu einem unentweihten Wesen des Lebens höchstes Glück sei.

Er gestand Josephinen die Gefühle seines Herzens. Mit einem süßen Erröthen sank sie an seine Brust und das Geständniß ihrer heißen, treuen Liebe floß über die keusche Lippe der holden Jungfrau.