Die Liebe that Wunder. Philipp, von zarter Jugend an durch schlechte Erziehung, durch die Verführung und die verderblichen Beispiele eines lasterhaften Blondell, durch eigene, immer mehr erwachsende Neigung zum Bösen, schon in der Blüthe des Lebens ein Bösewicht, ein Verbrecher, ein höchst gefährlicher Mensch, begann nun, so oft er von Josephinens frommen, seelenvollen Augen hinweg einen Blick auf seine Vergangenheit warf, immer mehr vor sich selbst zurück zu schaudern. Er fluchte der Vergangenheit, er gab sich mit heiß bereuendem Gemüthe den tugendhaftesten Vorsätzen hin; er wankte am ersten Tage, da er das Krankenlager verlassen konnte, an Josephinens Arm in die Kirche, und der Verbrecher, der seit seinen Schülerjahren nie das Haus des Herrn besucht, nie an Gott gedacht hatte, betete nun mit der tiefsten Inbrunst, und strömende Thränen verbürgten die Innigkeit seines Gebetes, seiner Reue, seiner frommen Entschlüsse. Mit noch nie gefühlter Ruhe seines Innern verließ er das Gotteshaus.

Je näher der Tag seiner Abreise heranrückte, desto schwermüthiger wurde Josephine. Laut weinend und heftig zitternd warf sie sich oft in seine Arme. Auch Philipp war bei dem Gedanken der Trennung von Josephinen außer sich; er fühlte ohne ihren Besitz nie glücklich werden zu können. Doch ward ihm immer klarer, daß nicht nur der Schmerz über das nahe Scheiden, sondern auch ein schwerdrückendes Geheimniß Josephinen so untröstlich, und das sanfte, stille Mädchen oft wie zur wüthenden Wahnsinnigen machte.

Dies war immer der Fall, so oft in ihrer Gegenwart der Wirth in Philipps Stube trat. Da erbleichte sie, hörbar schlugen ihre Zähne zusammen, gräßlich starrte sie nach dem Stiefvater hin, und schon einigemal hatte sie ein scharfes Messer gefaßt, mit einer Heftigkeit, mit so wilden, drohenden Geberden, die Philipp befürchten ließen, jeden Augenblick in ihr eine Mörderin zu sehen.

Aus diesem furchtbaren Hasse gegen den Stiefvater ahnte Philipp ein schreckliches Geheimniß; auch bemerkte er seit dem Tage seines ersten Ausganges, daß, sobald Josephine nur einige Augenblicke bei ihm war, der Stiefvater oder die Mutter, oder eine alte Base unter irgend einem Vorwande eintraten; er rechnete diese Störung des Vaters oder der Base blos einer tugendhaften Sorge für die Unschuld Josephinens zu.

In der letzten Nacht vor Philipps Abreise öffnete sich leise die Thüre.

Josephine schlich auf Socken an sein Bett, drückte ihm ein Billet in die Hand, einen langen, heißen Kuß auf den Mund, und schlüpfte aus dem Gemache. Philipp konnte den anbrechenden Tag nicht erwarten, er mußte gleich mit dem Inhalte dieses Billets bekannt werden. Eilig schlug er sich Licht an und las:

„Bei meiner heißen Liebe zu Dir, bei der Erhaltung Deines Lebens beschwöre ich Dich, nicht auf der von Dir hier so oft besprochenen Straße nach Brüssel zu gehen. Auf dieser Straße, im Walde von Sarlin, lauert man Dir auf, um Dich zu tödten und auszurauben. Diese Schenke ist die Herberge eines Raubgesindels, und mein verbrecherischer Stiefvater das Oberhaupt. Er hat in den Stunden Deiner Krankheit, wo Du ohne Besinnung lagst, Deine geheim bewahrten Schätze aufgespürt. Dich im Hause zu morden, wagt man nicht; Dein Tod ist im nächsten Walde an der Landstraße beschlossen. Um Gottes Willen, gehe nicht auf diesem Wege nach Brüssel, sondern auf dem entgegengesetzten. Würde ich entdeckt, die Geheimnisse dieses Hauses verrathen zu haben, so wäre grausamer Tod mein Loos. Auch ich fliehe, um nicht länger im Kreise dieser Unmenschen leben zu müssen. Schreibe vor Deiner Abreise nur den Namen des Ortes, wo Du Dich einige Zeit aufhalten wirst, auf ein Stückchen Papier und verbirg dieses im Strohe Deines Bettes. Nach einigen Tagen folge ich Dir, um mich nie wieder von Dir zu trennen. Ein Vermögen von 5000 Livres, welches ich von meiner Tante durch ein geheimes Vermächtniß erhalten habe, wird für den Anfang genügen, und Gottes Segen, Fleiß und Redlichkeit unsere Tage beglücken. Lebe wohl und vergiß nie, daß ich nur für Dich lebe. Der Himmel schütze Dich.“ —

Mit Entsetzen hatte Philipp den Mordanschlag gelesen. Er ging nun gleich mit sich zu Rathe, wie er den Mördern entrinnen könne. Da er mit dem Wirthe übereingekommen war, dessen Pferde bis nach Metz zu nehmen, und da er nun überzeugt sein durfte, daß der Fuhrmann ein Verbündeter der lauernden Raubmörder sei, so war es eine sehr schwierige Aufgabe, eine andere Straße einzuschlagen, ohne die Aufmerksamkeit der Verbündeten zu erregen, und zum Entwurfe eines neuen Mordplanes Veranlassung zu geben. Das Schlimmste war, daß er den Weg nach Metz gar nicht kannte, daher auch nicht wußte, ob der von Josephinen bezeichnete Wald nahe an Nancy liege.

Der Tag war bereits angebrochen, und Philipp zu keinem festen Entschluß gekommen. Er verließ das Bett, und sein erster Blick fiel auf eine Karte von Frankreich, die er schon so oft überschaut hatte, ohne daran zu denken, sich über seine Reiseroute zu orientiren. Rasch nahm er die Karte vor und fand zu seiner großen Beruhigung, daß der gefährliche Wald beinahe drei Meilen von Nancy entfernt, und dazwischen manches Dorf sei. Nun war er bald mit dem Plane zu seiner Rettung im Reinen.

Schnell barg er seine Kleinodien und Goldmünzen theils in dem Leibgurte, theils in seinem neuen Anzuge, steckte in die Seitentaschen ein Paar recht niedliche Taschenpistolen, die ihm Josephine geschenkt, aber im Hause zu verheimlichen gebeten hatte — nun errieth er die Bedeutung und den Zweck dieses Geschenkes — packte seine früher getragene Kleidung und die erkaufte Wäsche in einen kleinen, vom Wirthe erhandelten Koffer, und rief nach dem Frühstücke.