Kein Weg zur Freiheit und zum Leben,

Nur schaudernd vorwärts zu der Schlachtbank.

Th. Körner.

„Der Allmächtige segne und beschütze Euch!“ — sprach eine zitternde, schwache Stimme zu Philipp, der, in sehnsuchtsvolle Erinnerung an Josephinen versunken, mit gesenktem Kopfe dahin schritt. Er blickte auf und sah neben sich einen Eremiten mit einem wahren Apostelkopfe, dessen langer, eisgrauer Bart gegen die frische, gesunde Gesichtsfarbe des Greises sonderbar abstach. Schnell griff Philipp in die Tasche, und gab dem frommen Manne ein reichliches Geschenk. Jetzt erst bemerkte er, daß seine Versunkenheit ihn von dem Fußpfade hinweg und in ein schmales, von dicht bebuschten Höhen umgürtetes Thal geführt habe. Der Abend dunkelte schon tief herein, und Philipp, müde und nach Erfrischungen sich sehnend, fragte den Siedler, ob eine Herberge noch fern sei, und in welcher Richtung sie liege.

„Ihr möchtet wohl, edler Herr,“ — sprach der Eremit — „ein paar tüchtige Meilen zu wandern haben, bis Ihr die nächste Herberge erreichen werdet, und dort zu übernachten darf ich Euch wohl nicht rathen, denn die Bewirthung in dieser einsamen Waldschenke ist gar zu armselig, und der Aufenthalt für fremde Reisende größtentheils gefährlich, wegen des Gesindels, das mit dem Wirthe, ihrem Spießgesellen, häufig verkehrt. Ihr habt mich so reichlich begabt und mir, wozu ich ohnehin schon als Christ verbunden bin, dadurch die Pflicht auferlegt, Euch nach allen meinen wenigen Kräften dienlich zu sein. Gewähret mir, geehrtester Herr, die große Freude, Euch in meiner nahen Klause ein weiches Lager und ein gutes Gericht bereiten zu dürfen. Lebe auch ich nur von Wurzeln, Kräutern, Brod und Wasser, wie mir mein Gelübde befiehlt, so kann ich doch einem werthen Gaste guten alten Wein und eine leckere Speise auftischen. Die Edelleute in einem weiten Umkreise beschenken mich mit den besten Lebensmitteln, da sie wissen, daß ich, meine Gebetstunden ausgenommen, den ganzen Tag die Gegend durchstreife, um verirrte Reisende, wandernde Handwerksbursche, oder sonst arme Menschen, die des Weges sind, in meine Klause zu führen, um ihnen Obdach und Labung zu geben. Laßt meine Warnung von der Waldschenke auf dem Berge von Trillon nicht unbeachtet, meine Bitte um Annahme eines Nachtlagers in meiner stillen Klause nicht unerfüllt. Ihr sollt zufrieden von mir scheiden.“

Willig nahm Philipp des Siedlers Anerbieten an, und bald war die Klause erreicht, die am Ende des kleinen, einsamen Thales tief zwischen vorspringenden Felsen und in einem Kreise hoher, dunkler Tannen lag.

Philipp aß ein Gericht Fische und trank ein Glas Wein, wie er vielleicht nicht besser in einem der ersten Gasthöfe gefunden hätte. Wie Augenblicke flossen die Stunden hin, denn der Siedler, früher ein Kriegsmann und in der Folge viele Jahre auf der See, erzählte so angenehm, daß Philipp wünschte, die Zeit fesseln zu können, um die anziehenden Erzählungen des lieben Greises recht lange anhören zu können.

„Hätte ich doch bald über Eure werthe Gesellschaft die Erfüllung meiner täglichen Pflicht vergessen,“ — sprach der Greis, als die Nacht einbrach, und eilte aus der Klause.

Gleich ertönte ein gellender Glockenklang. Der rückkehrende Einsiedler bedeutete dem fragenden Philipp, daß diese Glockentöne einigen, tiefer in den Bergen wohnenden Köhlern die Zeit zum Nachtgebete anzeige, wie auch durch diese Glocke die Stunde der Morgen-, Mittag- und Abendandacht bezeichnet werde.

Philipp war ein Freund von guten Weinen; er zechte tapfer und sah mit Vergnügen, daß sein gastlicher Wirth den herrlichen Rebensaft gern und reichlich spendete, während er selbst nur Quellwasser trank. So war die Mitternachtstunde herangekommen, und Philipp, dem der Kopf schwer zu werden anfing, äußerte seinen Wunsch nach einem Ruhelager.