„Jetzt bettle ich auf den Schlössern umher, um für den schwarzen Henri und seine wackern Gesellen irgend etwas auszukundschaften, Ihr dagegen seid regsam, Küche und Keller zu füllen; den Wein hat der gerupfte Goldvogel bis auf die letzte Flasche verschlungen und in der Vorrathskammer drohet den Mäusen der Hungertod.“

Die Mörder brachen auf, und bald herrschte in der Klause die tiefste Grabesstille.

XXXXIX.
Die Rettung.

Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen,

Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft,

Der ringt sich leicht aus mancher Fahr und Noth.

Schiller.

Jedes Wort dieser raub- und blutgierigen Unholde war für Philipp ein Stück aus der Folterkammer, ein Todes-Urtheil. Aus dem nächtlichen Dunkel dieser Wolfsgrube tauchte immer schimmernder ein scheußliches Todtengerippe auf, und immer näher streckte sich nach ihm aus die vernichtende Hand des gräßlichen Skelets. Er sah nicht länger die Möglichkeit der Rettung, er sah sich nur als die sichere Beute eines grausamen Schicksals. In dumpfer Verzweiflung, nicht mehr die Schmerzen des wunden Hauptes fühlend, lag er in seinem engen, naßkalten Raume. Jetzt dachte er an jene Stunde, wo er an Josephinens Arme das Gotteshaus betreten, wo er aus der Tiefe eines reuevollen Gemüthes mit inniger Andacht gebetet, wo er sich durch sein Gebet Trost und Kraft und Ermuthigung von oben geholt hatte. Er warf sich rasch auf seine Kniee, und empfahl seine Seele in die Hände des Schöpfers, und flehete um Stärke für die nahe Stunde eines höchst leidenvollen Todes. —

Er hatte gebetet, und neue Wunderkraft floß durch sein ganzes Wesen. Es war, als ob eine Engelstimme ihm zuflüsterte: „Vertrau’ nebst Gott auf dich; die Rettung ist nahe.“ — Diese himmlische Stimme gab ihm Muth und Kraft zu handeln. Er griff um sich her und fand so manchen Stein der Brunnenmauer morsch. Mit rascher Hand machte er Oeffnungen, in welche er die Füße setzen konnte. Von Stufe zu Stufe schwang er sich höher, bis er mit dem Kopfe an die Brunnendecke stieß. Er versuchte alle seine Kräfte, diese empor zu heben, aber ihre Schwere und Festigkeit widerstand seinen angestrengtesten Bemühungen. Unermüdet, das Möglichste versuchend, gelang es ihm, ganz oben am Rande einen Stein auszubrechen. In diesem Augenblicke erfaßte seine Hand in einer Fuge einen langen, starken, locker eingeklemmten Eisenstift. Nun ging die Arbeit rasch vorwärts. Die ausgebrochenen Steine rollten in die Tiefe, und bald schimmerte ihm durch die Spalten der Breterdecke Licht entgegen. Die Decke war morsch. Durch einen kräftigen Druck sprengte er ein Bret aus den Nägeln, und die Oeffnung hatte Raum genug, daß er sich durchzwingen konnte. Jetzt stand er in der Mörderkammer, die sich oft aufgethan hatte, um die Opfer der grausamsten Geldgierde in die Grabestiefe versinken zu lassen, und die auch für ihn ihren gräßlichen Rachen aufgesperrt hatte.