Mit verhaltenem Athem lauschend, blieb er einige Augenblicke ruhig. Nun schlich er in das Gemach der Klause. Sein erster Blick fiel auf eine Axt, die auf dem Tische lag. Der Besitz dieser Waffe ließ ihn auch die allenfallsige Rückkehr des Siedlers und seiner Blutgesellen ohne Furcht erwarten, doch eilte er, sich in Stand zu versetzen, die Klause schnell verlassen zu können. Er war im bloßen Hemde, und irgend eine Bekleidung war ihm vor allem das Nöthigste. Schon hatte er die ganze Klause durchstöbert, ohne etwas zu finden, als es in der kleinen Vorrathskammer unter seinem Tritte wie hohl erklang. Der Boden der Kammer war mit Backsteinen gepflastert, doch schien Philipp, als wären die Steine nicht gehörig zusammengefügt. Er sah recht genau nach und fand eine auffallend weite Fuge. Mit Leichtigkeit hob er einen Stein aus, dann wieder einen, dann mehrere, und sah nun im Grunde eine verschlossene Kiste. Er sprengte sie mit der Axt, und fand nebst verschiedenen Kleidungsstücken eine vollständige Capuzinerkutte mit dem Gürtelstricke, ein Paar Sandalen und einen langen, falschen Bart. Schnell entschlossen, in dieser Vermummung fortzuwandern, suchte er nach seinen Kleidern, fand diese nicht, wohl aber einen Beutel mit Geld.
In wenigen Augenblicken war er zum Capuziner umgewandelt. Ein Brod und ein Fläschchen mit Branntwein, das er in der Tischlade fand, waren ihm sehr willkommen. Er steckte den Fund zu sich, schlang ein Tuch um seine Kopfwunde, zog die Caputze darüber tief in die Augen, barg die Axt unter den langen Mantel, trat nun, vorsichtig umherspähend, aus der Klause und schlug seinen Weg nach dem nahen Walde ein.
Ohne zu wissen, in welcher Gegend er sei, wo zu Brüssel liege und ob er in diesem Walde einen gebahnten Weg finden werde, eilte er immer geradezu, fand glücklich nach ein paar Stunden einen Fahrweg, fühlte sich aber nun von den Folgen der nächst vergangenen Ereignisse, von dem angestrengten Gange unter der drückenden Schwere der Capuzinerkutte, und von der Schwüle des Tages so angegriffen und ermattet, daß er in das nächste Gebüsch am Fahrwege kroch, und bald in den tiefsten Schlaf verfallen war.
Es begann schon zu dunkeln, als Philipp erwachte, und zwar einen brennenden Schmerz in der Kopfwunde, sich aber sehr gestärkt fühlte. Mit der schönen Empfindung wahrer, kindlicher Dankbarkeit gegen den allbarmherzigen Gott warf er sich auf seine Kniee, und pries seinen himmlischen Retter aus tiefbewegtem Herzen, gelobte alles Gute und flehete um eine leitende, bewahrende Vaterhand auf dem Pfade der Tugend. Unter Thränen freudiger Rührung hatte er innig gebetet. — O, wäre er doch immer der fromme, vertrauende, nach dem Guten strebende Mensch geblieben! —
Nachdem sich Philipp mit Brod und Branntwein gelabt hatte, wanderte er fort, unbekümmert, wohin dieser Fahrweg führe, da er sich kräftig genug fühlte, bis zum ersten Orte, und wenn er auch viele Meilen entfernt liege, ununterbrochen fortzuwandern, zumal da die liebliche Kühle der einbrechenden Nacht und das strahlende Licht des Vollmondes die Wanderung recht angenehm machten.
Er war lange gegangen; jetzt sah er sich am Ende des Waldes und vor sich eine weite Fläche, von des Vollmondes magischem Lichte überflossen, und aus den Silberwellen der Matten und Fluren schimmerte ihm der hohe, weiße Thurm einer Kirche entgegen. Die Thurmuhr schlug, er zählte 10 Schläge und eilte dem Orte zu. Es war das große und volkreiche Dorf Contry, welches er betrat.
Nahe am Eingange des Dorfes kündigte sich ihm ein stattliches Gebäude durch mehrere davor aufgefahrne Frachtwagen, und durch die Beleuchtung und das Gelärme im Erdgeschosse als einen Gasthof an. Er trat in die Zechstube. Wie mit einem Zauberschlage machte Philipps Eintritt alle Schreier, Sänger und Sprecher verstummen. Alles fuhr auf, riß die Hüte ab, und verneigte sich tief vor dem Eintretenden. Philipp konnte sich diese allgemeine Devotion nicht erklären; er dachte im Augenblicke nicht an seine hier hochgefeierte Capuciner-Kutte, und besann sich erst darauf, als ihn die Wirthsleute mit einem ehrfurchtsvollen: „Hochwürdiger Herr Pater“ begrüßten. Philipp erbat sich einen Führer nach der Pfarre, wohin der Wirth selbst alsogleich ihn geleitete.
Mit der Predigt des nahen Sonntags beschäftigt, ging der Pfarrer in seiner Studirstube auf und nieder, als ihm die Ankunft eines Capuciners gemeldet wurde. Schnell eilte er dem geistlichen Mitbruder entgegen, wurde aber sehr überrascht, da Philipp sich ihm als ein gewöhnliches Weltkind ankündigte und sein gräßliches Abenteuer aus der Nacht in der Mordklause erzählte. Auf der Stelle ließ der Pfarrer den Dorfrichter rufen, und theilte ihm Philipps Aussage mit. Man kam anfangs dahin überein, ungesäumt einen Boten mit schriftlichem Berichte an das nächste Crimminalgericht zu senden, als sich Philipp antrug, die Anzeige persönlich zu machen, wenn vorher seine Wunde gehörig verbunden, er mit Speise und Trank erquickt und nach dem Sitze des Crimminalgerichts gefahren werde.
Das Anerbieten fand Beifall. Es wurde nach dem Wundarzte geschickt, der Dorfrichter ging, seinen eigenen Wagen mit seinen besten Pferden bespannen zu lassen, und in der Küche wurde schnell ein gutes Nachtessen bereitet.
Der Pfarrer wollte das Mönchskleid nicht länger am Leibe eines Weltmenschen profanirt sehen. Philipp erhielt dafür von dem Priester einen vollständigen, recht guten Anzug, durch den Wundarzt einen schmerzstillenden Verband seiner Wunde, aus den schnellen Händen der geschickten Köchin ein leckeres Mal mit trefflichem Weine, und fuhr nach einer Stunde an der Seite des Dorfrichters dem Criminalgerichte zu. —