Das war Josephinens Stimme, es war der freundliche Blick ihres seelenvollen Auges; das war ihre schwarze Lockenfülle, die den schöngeformten Kopf umfloß. Aber diese dunkle Farbe des sonst in den reinsten Alpenschnee und in Rosenblüthen getauchten Gesichtes? — Diese männliche Kleidung? Wäre es möglich? — Sein Herz sagte ihm, das Josephine ihm nahe sei, und er schrie laut auf vor Entzücken, als der Knabe ihn tiefer in die Vorhalle des Palastes führte, an seine Brust sank und ihn nochmals fragte: „Kennst Du Deine Josephine nicht?“
Der glückliche Philipp führte die Geliebte auf ihren Wunsch in einen Gasthof. Da sie aber durch die fast ununterbrochene Reise, auf der sie sich kaum einige Stunden Ruhe vergönnt hatte, noch so angegriffen war, so bat sie Philipp, ihr einige Stunden Ruhe zu gönnen und am andern Tage sie wieder zu besuchen, wo sie ihm dann ihre Schicksale seit ihrer Trennung erzählen wollte.
Schon am andern Morgen flog voll Sehnsucht Philipp zu der Geliebten. In der niedlichsten Mädchenkleidung und mit dem frischen, blühenden Gesichte, das von der dunkeln Uebertünchung, mit welcher Josephine, zur größern Sicherheit ihrer Reize gegen lüsterne Zudringlichkeit, Gesicht, Hals und Hände gefärbt hatte, nicht mehr entstellt wurde, eilte sie dem eintretenden Philipp mit offenen Armen entgegen. Sie feierten ihr Wiedersehen mit aller Innigkeit einer tugendhaften Liebe, und als die ersten Wallungen ihrer liebenden Herzen in sanfter Ruhe sich aufzulösen begannen, wurde in beiden das Verlangen nach gegenseitiger Mittheilung rege.
Josephine erzählte:
„Ob mein Stiefvater unsere Gespräche belauscht, oder ob ihm meine Schwermuth nach Deiner Abreise das Geheimniß meiner Liebe verrathen hatte, kann ich nicht bestimmen. Daß er aber die feste Ueberzeugung nährte, Dein heimliches Entweichen aus dem Gasthofe zu Montfort und das Mißlingen seines Mordanschlages einem Winke von mir zurechnen zu dürfen, davon belehrte mich seine harte, oft grausame Behandlung von der Stunde an, wo der Knecht, sein Vermittler, mit der leeren Chaise und der Nachricht von Deinem Verschwinden zurückkehrte. Durch eine Thürspalte war ich Zeuge, wie der Stiefvater Deinen kleinen Koffer erbrach, mit Hast nach Deinem Gelde suchte, und bei seinen getäuschten Erwartungen gräßlich fluchte.“
„So geheim viele Schandthaten an Reisenden von meinem Stiefvater und seinen Raubgenossen ausgeübt wurden, so entgingen sie mir doch seit Jahren nicht. Ich rettete Manchen, den sie schon als sichere Beute betrachteten, durch glückliche Winke; es ist mir unbegreiflich, wie so viele Verbrechen begangen werden konnten, ohne die Aufmerksamkeit der Behörden, ohne selbst die der gewöhnlichen rechtlichen Gäste und der Nachbarn zu erregen. An jedem Morgen erwachte ich mit dem festen Entschlusse, zu entfliehen, aber ich wurde zu sehr beobachtet. Die Befürchtung von meiner Flucht war so groß, daß ich nie ausgehen durfte, außer in die Kirche, wo die alte Base, meines Stiefvaters innigste Vertraute, sich immer dicht anschloß; selbst in jener Stunde, wo Du an meinem Arme in das Gotteshaus gingst, war diese schreckliche Wächterin nur einige Schritte hinter uns, und ihre Nähe allein verhinderte mich, Dich schon damals in der Kirche auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen.“
„Hatte ich vor der Bekanntschaft mit Dir schon mit dem größten Eifer dahin gestrebt, aus diesem Lasterhause zu entfliehen, so war nach Deiner Abreise mein Streben noch viel eifriger. Tage und Nächte hindurch erschöpfte ich mich im Ersinnen eines Mittels zur Flucht, stundenlang betete ich mit der heißesten Andacht zu Gott, und Gott erhörte mein Gebet. Die Stunde der Rettung schlug.“ —
„Nach Deiner Abreise, fast immer in meinem Zimmer eingeschlossen, von der grundbösen Base mit Handarbeiten überhäuft, und bei dem mindesten Versehen auf’s Grausamste mißhandelt, mußte ich vor sechs Tagen so viele Wäsche verfertigen, daß ich voraus wußte, die ganze Nacht hindurch nähen zu müssen. Im Eifer der Arbeit entfiel mir der Fingerhut und rollte unter einen hohen Wandschrank, der dicht an der Mauer stand. Ich mußte mich ganz zu Boden strecken, um den weit hingerollten Fingerhut hervorholen zu können. Die Hand glitt mir aus und ich stieß an hölzernes Getäfel. Im Augenblicke kam mir der Gedanke, daß dieser Wandschrank eine Thür verberge. Aber wie sollte ich schwaches Mädchen diesen Riesenkasten zur Seite bringen? Ich versuchte es, und durch Gottes Hilfe gelang es mir, eine Oeffnung zu gewinnen, durch die ich mich an die Thüre drängen konnte. Die Thüre war verschlossen, und ich trat in eine ganz dunkle Kammer. Schnell holte ich mein Licht, fand die Kammer leer, aber eine aufwärts führende, schmale Treppe. Ich ließ das Licht zurück, schlich die Treppe hinauf, kam über einen langen, verbretterten Gang, und von diesem auf einen großen Getreideboden, welchen ich gleich als das unbewohnte Hintergebäude unseres Hauses erkannte.
„Die Hoffnung auf die Möglichkeit, hier einen Ausgang zu finden, ermuthigte mich, meinen Weg fortzusetzen. Der Mond, dessen Strahlen durch die Fensteröffnungen und das zerrissene Dach drangen, ließ mich eine Treppe finden. Leise stieg ich hinab, immer tiefer, bis ich in ein zu ebener Erde gelegenes Gewölbe kam, das durch Eisengitter und eine Eisenthüre nach außen verwahrt war. — Ich stand am Grabe meiner Hoffnungen, denn Gitter und Thüre spotteten meiner Flucht. In der Verzweiflung faßte ich unwillkürlich ein Gitter und rüttelte mit aller Kraft daran, und siehe: die morschen Stangen brachen. Ich schwang mich durch die Oeffnung, und stand bald auf der Gasse, es war grade um Mitternacht. Glücklich gelangte ich aus Nancy bis zu meiner Amme in das Dörfchen Ribont, die mir seit dem Tode meiner Tante mein geheimes Erbtheil aufbewahrt. Sie kleidete sich rasch an, und eilte mit mir fort. Als der Tag anbrach, sammelte sie auf einer Wiese Kräuter, drückte den Saft aus, und überstrich mir Gesicht, Hals und Hände. Der Spiegel des nächsten Baches zeigte mir meine Umwandlung in einen schwarzbraunen Buben.