Der Führer, welchen die Soldaten mit sich genommen hatten, ein junger Mann von 20 Jahren, ein gefangener Räuber, welcher mit der Höhle vertraut war, kroch zuerst auf dem Bauche, wie eine Schlange sich windend, in den engen Gang hinein und verschwand alsbald im Dunkeln.
Ein Soldat folgte ihm, dann ein zweiter, dann ein dritter, bis endlich die dazu bestimmte Mannschaft drinnen war, ohne daß sich irgend ein Geräusch hören ließ, irgend ein Schein die dunkle Nacht erhellte, welche sie umgab.
Die Stille schien von guter Vorbedeutung zu sein. Die Räuber, von einem beschwerlichen Raubzuge zurückgekehrt, schliefen wahrscheinlich und hatten auch wohl keine Wachen ausgestellt. Diese Hoffnung richtete die bangklopfenden Herzen der außen harrenden Soldaten auf, und frohen Muthes krochen noch weitere 15 Mann ihren Kameraden nach durch den engen Gang.
Eine Stunde ging auf diese Weise vorüber, ungeduldig harrten die Außenstehenden auf den Erfolg, aber eine zweite Stunde verging und nicht der leiseste Laut unterbrach das schauerliche Schweigen, welches in der Höhle herrschte. Plötzlich hörte man eine Salve krachen, dann eine zweite und endlich eine dritte, ähnlich dem Krachen eines Pelotonfeuers. Allem Anscheine nach kämpften die in die Höhle gedrungenen Soldaten mit den Räubern.
Zwei Gensd’armen ritten in die benachbarte Stadt und meldeten, daß die Soldaten des 65. Regiments mit den Räubern in der Leiterhöhle im Handgemenge seien und daß die Letztern ohne Zweifel vernichtet werden würden.
Diese Nachricht verbreitete sich schnell in der Umgegend, und die Bauern eilten schaarenweise herbei, um die Gefangennahme der Räuber mit anzusehen.
Inzwischen war es Tag geworden und die Schüsse in der Höhle waren verstummt; von den 40 Mann, die in die Höhle eingedrungen, kam kein einziger wieder zum Vorschein. Der Oberst des Regiments kam unterdessen mit einer weiteren Compagnie aus der Stadt anmarschirt. Mit wenigen Worten ließ er sich von dem seither Geschehenen unterrichten, und als er erfuhr, wie viele Soldaten in die Höhle eingedrungen und wie kurze Zeit nur das Schießen gedauert, überzog sein Antlitz tiefe Trauer, und in fieberhafter Aufregung ging er auf und ab, um nachzudenken, was zu thun sei.
Eine volle Stunde brachte der Oberst so in schweigendem Nachdenken zu, und dieselbe peinliche Stille herrschte auch bei den Soldaten. Endlich befahl er einem jungen Soldaten, in die Höhle hineinzukriechen. Er selbst kroch sodann hinter ihm her und hielt ihn immer am rechten Fuße, von dem er den Stiefel ausgezogen hatte. Nach einigen Minuten kam der Oberst wieder zurück, bleich, mit verstörten Zügen. Das Regiment hatte bei 40 Mann verloren, daran war nicht mehr zu zweifeln, denn als der Oberst einige Minuten hinter dem jungen Soldaten hergekrochen war, fühlte er plötzlich, wie dessen Fuß, den er immer in der Hand hielt, krampfhaft zuckte und eiseskalt wurde; dann wurde der Körper gewaltsam vorwärts gezogen. Aus diesen unheilvollen Anzeichen mußte er schließen, daß der Unglückliche enthauptet worden und daß mit seinen Vorgängern auf diesem gefährlichen Wege dasselbe geschehen sei.
Der Oberst ließ aus der Stadt zwei Maurer holen und den Eingang der Höhle fest zumauern, ein Wachtposten wurde sodann vor die vermauerte Oeffnung gestellt, und die wackern Soldaten des Regiments marschirten schweigend in die Stadt zurück.
Waren auch die wackern Männer, die in die Höhle eingedrungen, eines grausamen Todes gestorben, so büßten jetzt doch wenigstens die Räuber für ihr Verbrechen; lebendig begraben mußten sie eines noch schrecklichern Todes sterben, als ihre unglücklichen Opfer. — Mit diesem Gedanken tröstete sich der Oberst und die ganze Bevölkerung in der Stadt und auf dem Lande. Man denke sich daher das Erstaunen dieser Leute, als sie drei Tage nachher erfuhren, daß der Ober-Steuereinnehmer in der Stadt beim Aufstehen seine Casse erbrochen und statt der bedeutenden Geldsumme, die sich in derselben befunden hatte, nur noch einen Zettel fand, auf welchem die Worte standen: Die Räuber in der vermauerten Höhle. —