Das Erstaunen und der Schreck, welcher sich bei diesem neuen verwegenen Handstreich, dieser ruchlosen Prahlerei, in der ganzen Umgegend verbreitete, läßt sich schwer beschreiben. Die abgeschmacktesten Erzählungen fanden bei den abergläubischen Gebirgsbewohnern Glauben, die Räuber waren bestimmt Hexenmeister und hatten einen Bund mit dem Teufel geschlossen.

Die vernünftigen Leute dachten alsbald an einen zweiten Ausgang aus der Höhle, denn anders ließ sich das räthselhafte Wiedererscheinen der eingemauerten Räuber auf natürlichem Wege wenigstens nicht erklären. Man forschte deshalb bei den Bewohnern des flachen Landes nach, ob nicht der Eine oder der Andere von einem solchen zweiten Ausgang etwas wisse, aber vergebens, weder jüngere noch ältere Leute hatten je von einem andern Ausgang gehört, als von dem nun zugemauerten.

Man zündete alles Buschwerk in der Nähe der Höhle an, unter welchem möglicherweise ein zweiter Eingang hätte versteckt sein können, aber umsonst, es zeigte sich nichts. Endlich beschloß man das Gebirge dermaßen mit Soldaten einzuschließen, daß keine lebende Seele an den auf den Höhen und an den Abhängen des Berges, in welchem die Höhle lag, aufgestellten Wachtposten unbemerkt vorbei konnte.

Diese Maßregel wurde ausgeführt, schien aber ohne Erfolg zu bleiben, denn drei Wochen lang währte der beschwerliche Wachtdienst, ohne daß sich der heiße Wunsch der Soldaten, ihre Kameraden rächen zu können, erfüllen zu wollen schien.

Bereits begann die Mannschaft über den beschwerlichen Dienst zu murren, da verließ in einer regnerischen Nacht ein Wachtmeister das Lager, um ein Mädchen zu besuchen, welches eine Stunde vom Lager entfernt wohnte. Diesen führte sein Weg an einem dichten Gestrüppe von Erdbeeren und Zwergkirschenbäumen vorbei; er strauchelte in der Dunkelheit und fiel auf einen bemoosten Stein. Plötzlich glaubte er unter diesem Steine eine dumpfe Stimme zu hören. Ohne Geräusch zu machen, stand er auf und legte sich in einer Entfernung von einigen Schritten in einem Gebüsche platt auf den Bauch nieder, hielt den Athem an sich, und harrte mit gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Dazwischen war jedoch Alles wieder stille geworden, und schon glaubte der Wachtmeister sich getäuscht zu haben und wollte sich entfernen, da sah er plötzlich, wie er den Blick immer fest auf den Felsen gerichtet hielt, unter welchem er die Stimme gehört zu haben meinte, die Zweige um denselben sich bewegen, und einen Mann sich langsam aufrichten, der wie die Bauern der Gegend gekleidet war. Der Mann schaute sich vorsichtig um, ob Niemand ihn bemerkt habe, und schlug dann die Richtung durch den Wald nach der Landstraße ein.

Sobald der Wachtmeister diese seltsame Erscheinung hatte verschwinden sehen, untersuchte er aufmerksam die Stelle, wo sie aufgetaucht war, und fand hinter einer Felsenecke, dem ungeweihten Auge künstlich verborgen, die Mündung eines unterirdischen Ganges, der gerade groß genug war, daß ein ausgewachsener Mann durch denselben gehen konnte. Der Wachtmeister merkte sich die Stelle genau und eilte mit seiner wichtigen Entdeckung zum Obersten, überzeugt, daß er den zweiten Ausgang der Räuberhöhle gefunden habe.

Augenblicklich rückte der Oberst mit einem halben Bataillone vor den bezeichneten Ort, und drang in tiefster Stille in den langen schmalen Gang. Nach einem unheimlichen Marsch von einer halben Stunde im Finstern bemerkten die Soldaten in ziemlicher Nähe einen schwachen Lichtschimmer. Eine Schildwache, die dort stand, und wohl glaubte, sie habe es mit Freunden zu thun, rief ihnen ein „Wer da?“ zu, aber ein Grenadier sprang rasch auf sie los, und durchbohrte sie mit dem Bajonnette, noch ehe sie Zeit fand, ihren Ruf zu wiederholen, oder ihr Gewehr abzufeuern.

Der Gang war hier so eng, daß alle Soldaten über die Leiche des Räubers hinwegschreiten mußten. Diese Schildwache hätte gefährlich werden können, denn hätte sie Zeit gefunden, zu schießen, so wäre es ihr gelungen, die Soldaten aufzuhalten, und den Räubern Zeit zu geben, sich zu sammeln, und den Soldaten das weitere Vordringen zu wehren.

Nachdem aber dieses letzte Hinderniß vollends beseitigt war, kamen die Soldaten in einen geräumigen Saal, in welchem eine Truppe, 20 Mann hoch, aufgestellt werden konnte. Hier ließ der Oberst Halt machen; die Stunde der Gefahr war da. Fackeln wurden angezündet, die Trommeln wirbelten zum Angriff, und die Räuber, mitten in einem Zechgelage überrumpelt, sprangen entsetzt auf, griffen eiligst zu den Waffen, und eröffneten unter lautem Geschrei ein lebhaftes Gewehrfeuer.