Jean Paul.

Es war im Winter des Jahres 1675, als mit einbrechender Nacht ein junges, kräftiges Weibsbild in die Zechstube des Gasthofes eines nahe bei Eisleben gelegenen Dorfes trat, eine große, wohlversiegelte Schachtel der Wirthin übergab und sie recht dringend bat, selbe gleich dem Dorfrichter zustellen zu lassen. — „Diese Schachtel,“ — sagte sie zur Wirthin — „hat mir der Thorschreiber in Eisleben mitgegeben und so schnell als möglich an euern Dorfrichter abzugeben geboten. Ich selbst würde sie ihm recht gern übergeben und dürfte gewiß eines guten Trinkgeldes sicher sein, da, wie mich der Thorschreiber versicherte, in dieser Schachtel ein gar angenehmes Geschenk sich befinde; aber soeben fährt ein Fuhrmann hier durch, der mich nach meinem Orte mitnimmt, und diese gute Gelegenheit darf ich nicht versäumen!“ — Kaum hatte die Wirthin die Schachtel übernommen, als das Weibsbild auch schon aus der Stube verschwunden war.

Mit freudiger Neugierde einem unerwarteten Geschenke entgegen sehend, öffnete der Dorfrichter die Schachtel. Ein allem Anscheine nach erst vor einigen Tagen geborenes Kind, in elende Lumpen gehüllt, vor Kälte fast erstarrt, war des Ueberraschten angenehmes Geschenk. Die Frau des Dorfrichters, bei vielen schlimmen Eigenschaften auch von einer wüthenden Eifersucht beherrscht, argwöhnte eine höchst frevelhafte Verletzung der ehelichen Treue, gab dem bis zur Knechtschaft an Unterwürfigkeit gewöhnten Ehemann eine tüchtige Ohrfeige und zugleich mit einem furchtbaren Blicke die strenge Weisung, den Bankert auf der Stelle aus dem Hause zu schaffen, außer dem das schlimmste Strafgericht erfolge. Schweigend und an unbedingten Gehorsam gewöhnt, schloß der Dorfrichter die Schachtel, nahm sie unter den Arm, warf den Mantel um und eilte aus dem Hause.

„Wohin mit dem Kind?“ — fragte sich selbst der Richter vor der Thüre. Dem kinderlosen Wasenmeister es zu übergeben und heimlich alle halbe Jahre einige Thaler zur Beköstigung beizutragen, war der schnelle und glückliche Einfall, worüber er sich um so mehr freute, da dieses Kind gewiß ein unehliches, mithin, nach den Begriffen und Gebräuchen jener finstern Zeiten, der Aufnahme in irgend eine Innung nicht fähig, wohl aber zum künftigen Lehrling und Knecht eines Wasenmeisters ganz geeignet sei, da Leute dieses Standes, im Geiste der dort vorherrschenden Intoleranz und Befangenheit, auch als unehrlich angesehen und bei keinem Handwerke zugelassen wurden.

Willig nahm der gutherzige Wasenmeister den hülfelosen Wurm auf, und sein nicht so gutherziges Weib glättete schnell die gefurchte Stirne, als die Geldsüchtige von dem Dorfrichter einige Thaler und die feierliche Versicherung eines gleichen halbjährigen Zuschusses, wenigstens für die ersten Jahre, erhielt.

Als die Wasenmeisterin das Knäblein aus den zerlumpten Windeln nahm, fand sie einen am Halse des Kindes mit einem Bindfaden befestigten Zettel, worauf mit großen, schlecht geschriebenen Buchstaben stand: „Dieses Büblein ist getauft, und heißt Hans Wolf Heinrich Schöneck.“ — Der Dorfrichter war außer sich vor Freude, als er diese Worte las. Nun hatte er einen gültigen Beweis seiner Unschuld an dem Dasein dieses Kindes. Ueber Hals und Kopf rannte er nach Hause, hörte, vielleicht zum ersten Male seit seiner Verheirathung, den Befehl zur schnellen Anzeige, wohin der Bankert gebracht sei, nicht mit gebührender Aufmerksamkeit an, und las die inhaltreichen Worte mit seinem kräftigen Basse so laut und so oft vor, daß er die gellende Stimme seiner zürnenden Ehehälfte überschrie und endlich den Sieg errang.

Außer ihm, seiner Ehefrau und den Wasenmeisterleuten wußte im Dorfe Niemand etwas von dieser erfreulichen Bescheerung. Die Dorfrichterin, bis zur Aufgeblasenheit stolz auf den guten Ruf und die Würde ihres Mannes, ging noch in dieser Nacht zu Wasenmeisters, trug ihnen das sorgsamste Stillschweigen, zugleich die Ersinnung einer glaubhaften Angabe über die Erscheinung des Kindes auf, und unterstützte ihr Anliegen mit einem großmüthigen Geschenke. Die Wasenmeisterin erklärte auf der Stelle, das Kind mit dem frühesten Morgen zu ihrer, vier Meilen von da verheiratheten Schwester tragen und es einige Monate dort lassen zu wollen, worauf dann die Schwester bei hellem Tage und mit großer Oeffentlichkeit das Kind hierher bringen sollte, als wäre es eines der ihrigen, um hier an Kindes Statt aufgenommen zu werden.

Schöneck wuchs auf, wie er aufwachsen konnte in jenen Zeiten, wo das Kind eines Wasenmeisters von dem Besuche der Schule, von der Erlernung einer Profession ausgeschlossen und von den meisten Menschen nicht des Umganges gewürdigt wurde. Was der alte Wasenmeister noch vom Lesen und Schreiben wußte, lernte Schöneck von ihm, und erhielt von der Pflegemutter einen höchst nothdürftigen, oberflächlichen Unterricht in der Religion. Zur Arbeit herangewachsen, hatte er den Wasenknecht zum Lehrer, und von diesem wilden, liederlichen Burschen in den Anfangsgründen der Unsittlichkeit und vieler verderblichen Laster eingeweihet, bildete er sich schon in früher Jugend zu dem vor, was er in der Folge ward.

Wie in andern Ländern, so herrschte auch in diesem ein alter, selbst jetzt noch auf vielen landesherrlichen und edelmännischen Besitzungen herrschender Gebrauch, daß der Wasenmeister die Jagdhunde der Herrschaft füttern und bei Treibjagden führen mußte. Bei solchen Jagden wurde Schöneck mit einem der Jäger des Gutsherrn bekannt und von diesem nicht, wie es sonst Sitte war, verächtlich, sondern vielmehr recht freundlich behandelt.