Der im Bewußtsein der Niedrigkeit und Ehrlosigkeit seines Gewerbes fast menschenscheue Schöneck fühlte sich durch des Jägers freundliches Benehmen geehrt und ermuthigt; er wußte sich kaum vor Freude zu fassen, als der Jäger Franz ihn eines Tages mit Flinte, Waidtasche, Pulver und Blei ausrüstete, in den Forst, auf die Felder mitnahm und dort in der Behandlung des Gewehres, im Laden und Schießen unterrichtete. Schöneck, ein flinker Bursche, war bald der beste Schütze in der ganzen Umgegend.
Der Jäger Franz machte Schöneck zum sichern Schützen und immer mehr zum kundigen Waidmann, um aus dessen Kunstfertigkeit für sich so manchen Vortheil zu ziehen. Ein Heuchler, ein frömmelnder, diensteifriger Mensch vor seiner Herrschaft, war Franz da, wo es so ziemlich unentdeckt sein konnte, ein Spieler, Trunkenbold und Wollüstling.
Der knappe Sold, das geringe Schußgeld reichten nicht hin für sein liederliches Leben; die Wilddieberei sollte ihm die Mittel zur Befriedigung seiner Lüste reichen. Darum bildete er Schöneck zum sichern Schützen, zum gewandten Waidmann, um an ihm einen tüchtigen Gehülfen bei der Wilddieberei und einen vertrauten Verkäufer des erlegten Wildes zu haben.
Drei Jahre hatte diese verbrecherische Freundschaft gewährt, und Schöneck von seinem Antheile an dem verkauften Wilde ein hübsches Sümmchen erübrigt, als er eines Tages, da er auf einem Weiler eine gefallene Kuh abholte, den eben vom herrschaftlichen Schlosse zurückgekehrten Bauer seinem Weibe erzählen hörte, daß an diesem Morgen der Jäger Franz auf einem Wilddiebstahle sei ertappt und gleich in Ketten gelegt worden; auch kenne man schon den saubern Patron, der Franzen Mithelfer bei seinen Wilddiebereien gewesen sei. Hier warf der Bauer einen durchbohrenden Blick auf Schöneck, der diesem zur Genüge sagte, wie es um ihn stehe. So schnell als möglich lud er die Kuh auf den Karren, und fuhr im scharfen Trabe der Meisterei zu.
Die Pflegeeltern waren bei seiner Rückkunft gerade in der Kirche. Daß er fort, auf der Stelle fort müsse, darüber war er schon bei den gehörten Nachrichten von Franzens Arretirung mit sich einig; die Abwesenheit seiner Pflegeeltern schuf in seinem verderbten Herzen einen recht schändlichen Einfall, den Einfall, die gutherzigen Leute für die ihm so reichlich gespendeten Wohlthaten noch zu berauben. Unbemerkt von der Magd schlich er in die obere Stube, wo Geld und die beste Habe verwahrt war, erbrach den Schrank, nahm alles vorräthige Geld und was sich Werthvolles vorfand, zog sein bestes Kleid an und sattelte das Pferd. Gegen die Magd, die ihn neugierig um die Veranlassung seines heutigen Aufputzes und Rittes befragte, gab er vor, eilig auf das herrschaftliche Schloß zu müssen, um nach einem plötzlich erkrankten Pferde zu sehen, schwang sich auf und trabte auf dem Wege fort, der nach dem Schlosse führte. Im nächsten Walde schlug er den entgegengesetzten ein, verkaufte im Wirthshause, wo er übernachtete, sein Pferd, stahl einem neben ihm schlafenden Handwerksburschen die Brieftasche mit der Kundschaft, und eilte gleich nach Mitternacht nach Dresden zu, wo er bei einem Trödler seinen ländlichen Anzug gegen einen städtischen mit einer Geldaufgabe vertauschte, und die Frechheit hatte, auf die Hauptwache zu gehen, sich, wie die Kundschaft lautete, als einen Strumpfwirkergesellen aus dem Badischen anzugeben und um Einreihung in das Militär zu bitten. Der junge, hochgewachsene Bursche wurde gern aufgenommen und in dem Infanterie-Regimente des Generals von Röbel eingereihet, wo er drei Jahre stand, dann auf seine Bitte zur Artillerie kam.
War seine Aufführung auch nicht ganz unbescholten, so hatte er sich doch in den fünf Jahren seines Militärlebens keines schlechten Streiches schuldig gemacht. Er würde vielleicht ein recht wackerer Mensch geworden sein und Beförderung erhalten haben, hätte er nicht das Unglück gehabt, mit Susanna Strobel, der jungen Wittwe eines Grenadiers, bekannt zu werden, die eine Erzgaunerin und um so gefährlicher war, da sie ihre verbrecherischen Handlungen mit der größten Schlauheit ausübte und sich mit dem Heiligenscheine der Sittsamkeit und Rechtschaffenheit so zu umgeben wußte, daß sie allgemein als eine höchst achtbare Person galt und selbst bei sonst sehr mißtrauischen Menschen das größte Vertrauen genoß. Sie war in allen ihren Handlungen so klug und vorsichtig, daß Schöneck viele Monate mit ihr im allervertrautesten Umgange verlebte, ohne nur einen ihrer geheimen Umtriebe zu bemerken, bis sie selbst, mit Leidenschaft an ihm hangend, im Rausche der Sinnlichkeit sich in wahrer Gestalt zu zeigen anfing. Männer und Weiber, Bursche und Mädchen, die er oft bei seiner Geliebten antraf, fand er immer im Handel über seidene Tücher, Silberzeug und andere Sachen, und hielt diese Leute für Geschäftsverwandte, da die Wittwe eine Trödelbude hatte. Jetzt erst, als sie selbst ihn ganz zum Vertrauten ihrer Geheimnisse machte, erfuhr er, daß diese Tugendheldin eine Diebshehlerin, selbst das Mitglied einer ansehnlichen, ausgebreiteten Diebesbande sei, der sie das Geraubte verwahre, oft ganze Ladungen davon im Auslande verkaufe, während des Umherziehens auf Kauf und Tausch die besten Gelegenheiten zum Raub, zu Einbrüchen ausforsche und aus den Chochemer-Pennen[10] die Nachrichten an die Bande ergehen lasse. —
Es kostete dieser Susanna Strobel nicht viele Mühe, Schöneck zur Theilnahme an ihrem heillosen Gewerbe zu bereden, da er, durch seines Zeitalters Geistesfinsterniß und Duldungslosigkeit von den Mitteln zur Veredlung des Herzens, zur Erweckung eines wahren Sinnes für Religion, Arbeitsliebe und Pflichterfüllung ausgeschlossen, durch die Schwäche und Nachgiebigkeit seiner Pflegeeltern, durch den verführerischen Unterricht seines ersten Lehrmeisters, des grundverdorbenen Wasenknechts, und durch den verderblichen Umgang mit dem Jäger Franz schon zum Taugenichts, Gauner und Wilddieb, zum künftigen Auswurf der Menschheit auferzogen, und, so viel als möglich, in früher Jugend dazu ausgebildet worden. —
Schon mehrere kleine Diebstähle und Einbrüche hatte Schöneck mit Gewandtheit ausgeführt, als Susanna den Vorschlag zum Einbruche bei einem reichen Krämer im Hause des Oberhüttenverwalters Heig machte. An der Wachsamkeit des Krämers scheiterte die glückliche Ausführung des Einbruches. Die Rotte wurde versprengt. Schöneck, von zwei Scharwächtern verfolgt, konnte nicht mehr das hintere Pförtchen der Kaserne erreichen, zu welchem er sich schon seit langer Zeit einen Nachschlüssel verschafft und so einen geheimen Weg zu nächtlichen verbrecherischen Ausgängen sich gebahnt hatte.
Es gelang ihm, aus der Stadt zu entfliehen, er wurde aber schon am andern Tage, wegen Mangel an gehöriger Aufweisung und der Desertion verdächtig, von den Bauern aufgegriffen und in das Stockhaus zu Dresden abgeliefert.
Von der Theilnahme an dem versuchten Einbruche in den Krämerladen wußte sich Schöneck, ungeachtet er auf die Folter gebracht und mit den Daumenstöcken gefoltert wurde, durch das beharrlichste Läugnen und durch unerschütterliche Standhaftigkeit in Erduldung der Folterschmerzen vollkommen zu reinigen. Doch, der Desertion überwiesen, mußte er Spießruthen laufen und die Unkosten seiner Untersuchung durch Arbeit im Waisenhause, wohin er aus dem Stockhause in Ketten unter Aufsicht eines Soldaten täglich geführt wurde, wieder erstatten.