Die tägliche, schwere Arbeit, mit schlechter Kost verbunden, war dem an Nichtsthun und Wohlleben gewohnten Schöneck viel zu lästig. Ueberzeugt, nicht durch Gewalt, sondern nur durch List sich frei machen zu können, bewies er solch einen rastlosen Arbeitseifer und solch einen gehorsamen, demüthigen, reuevollen Sinn, daß ihm auf Befehl des Obercommissärs die Ketten abgenommen, bessere Lebensmittel gereicht, und manche Erleichterungen gewährt wurden. —

Alles dieses half ihm noch nicht zur Freiheit; für diese mußte etwas Großes gethan werden. Er legte in der vollen Scheune des Waisenhauses Feuer an, war unter den mit der Löschung beschäftigten der Allerthätigste, verschwand im Gewühle der herbeigeströmten Menge, und erreichte ungesehen und unverfolgt die Wohnung seiner Susanna. Schnell war der Züchtlingskittel gegen eine recht stattliche Bürgerkleidung vertauscht, von einem bei der Polizei Angestellten, dem vertrauten Freunde und Beschützer der schönen Wittwe Strobel, schon nach wenigen Stunden für Schöneck ein Paß mit dem Namen Gottlieb Kraus ausgefertigt, mit Susanna genaue Abrede genommen, und als der Tag angebrochen und die Stadtthore geöffnet waren, ging Schöneck, durch seine stattliche Kleidung und ein großes, schwarzes Pflaster auf dem einen Auge unkenntlich gemacht, wie ein lustwandelnder Bürger, langsam und unbefangen an der Wache vorüber zur Stadt hinaus.

Durch seinen Paß beglaubigt, und von Susanna mit 300 Thalern in Golde versehen, ließ sich Schöneck zu Mainsdorf im Brandenburgischen nieder, trieb einen Handel mit gewirkten Strümpfen, mit Hauben, Bändern und Tabak, ließ Susanna, die aus leidenschaftlicher Neigung zu ihm ihr gutes Diebsgewerbe in Dresden verlassen und eine nicht unbedeutende Summe ihm zugebracht hatte, mit seinen Waaren auf den Dörfern Handel treiben, vereinigte sich mit liederlichem Gesindel und stahl und raubte, aber mit solcher Klugheit und Vorsicht, daß der Strumpfhändler Gottlieb Kraus sowohl in Mainsdorf, als auch in ferner Umgebung für einen gar wackern Mann galt.

Unter Schönecks vertrauteste Raubgenossen gehörte Peter Blinder, der auch als Bandkrämer im Lande umherzog und einer der schlauesten und verwegensten Gauner war. Beide, sehr reizbar und jähzornig, geriethen sehr oft in Streit, der meistentheils sehr blutige Folgen hatte. So traf es sich, daß sie auf der Straße bei Hoyerswerda über eine Kleinigkeit in Wortwechsel kamen, sich schlugen und Schöneck, dem Blinder an Kräften weit überlegen, auf das Grausamste mißhandelte. Die Leute liefen von den Feldern herbei, von Blinder zur Hülfe angerufen, dem ein Auge eingeschlagen und der Kopf voll Löcher war.

Von Wuth gegen seinen barbarischen Peiniger außer sich, bat Blinder die herbeigeeilten Landleute, diesen Menschen, der als der Strumpfhändler Gottlieb Kraus umherziehe, aber jener, aus dem Stockhause zu Dresden entsprungene, durch Steckbriefe verfolgte Schöneck sei, gleich in Verhaft zu nehmen, und wohl zu verwahren. Blinder würde gewiß auch noch genauer über seines Kameraden verübte Thaten gesprochen haben, wäre er nicht aus Schwäche wegen des bedeutenden Blutverlustes ohnmächtig geworden. Schöneck und Blinder wurden von den Landleuten in das nächste Dorf gebracht, wo Blinder noch in der Nacht an den Folgen der erlittenen Mißhandlung starb, und Schöneck am andern Morgen, auf einen Wagen gebunden und von bewaffneten Bauern umgeben, in das Stockhaus zu Dresden abgeführt wurde.

Weder seine Flucht aus Dresden während des Brandes im Waisenhause, noch die Betreibung seines Strumpfhandels in Mainsdorf und sein Hausiren auf dem Lande läugnend, dabei aber im unerschütterlichen Stillschweigen über den Aussteller des falschen Passes und über seine vertrauten Verhältnisse zu Susanna Strobel auf das Hartnäckigste verharrend, hatte Schöneck allen ihm gefährlichen Verdacht früherer schwerer Verbrechen nach und nach beseitigt.

„Weil aber der Verdacht noch nicht zulänglich gewesen, daß die Herren Schöppen zu einer Peinlichkeit wider ihn gelangen können: so haben dieselben in dem eingeholten Urtheil, gar vorsichtig von ihm zugleich mit angemerket:

Daß Schöneck, der allem Ansehen nach, viel Böses gestiftet, und annoch anzurichten geschickt ist, in sicherer Verwahrung eine Zeitlang, bis zu seiner Besserung enthalten, und dahin, woraus er eigenen Anziehen, fol. II. nach entkommen, wieder gebracht, auch zur Abarbeitung derer daselbst annoch rückständigen Unkosten angestrenget werden solle.

Auf besondern Befehl der Landesregierung wurde Schöneck nicht im Stockhause gelassen, sondern auf den Festungsbau gebracht.