Wird an dem scharfen Felsenriff

Die aufgestürmte Wuth erbarmungslos zerschellen.

Tiedge.

„Wertheste Frau Bieberich,“ — begann Lips Tullian an dem ihm gegebenen Feierabende[25], als er mit der Meisterin ganz allein und vor Störung sicher war, — „ich muß Ihnen nun reinen Wein einschenken, und daß ich es in meinen Verhältnissen thue, werden Sie bald als einen Beweis meines Vertrauens anerkennen.“

„Ich bin ein Schlosserssohn aus Oldenburg, habe auch die Schlosserei zu erlernen angefangen, aber darin es nicht weit gebracht. Mein Vater starb, als ich ein Bursche von 14 Jahren war. Meine Mutter, im Besitze eines prachtvollen Hauses und eines bedeutenden Capitals, wollte sich nicht wieder vermählen und ihre Tage in Ruhe hinbringen. Aus manchem Aerger über die Miethsleute verkaufte sie das Haus und bezog mit mir eine kleine, angenehme Wohnung. Meine Mutter ist eine herzensgute, gegen mich, ihr einziges Kind, allzu schwache Frau. Als ein 14jähriger Bube beherrschte ich sie, ihren Willen, ihre Kasse, that nichts, als die Reitbahn, den Fechtsaal und die Gesellschaft junger Wüstlinge besuchen, fand bei meiner gefüllten Börse und meiner oberflächlichen Bildung auch in vornehmen Häusern Zutritt und wußte mir den Ruf eines gebildeten, liebenswürdigen Menschen zu erwerben. Das Mutterauge war von dem Glanze der vornehmen Gesellschaften, in welchen ich mich froh und gewandt bewegte, zu sehr geblendet, um in ihrem Sohne den arbeitsscheuen Taugenichts, den Verschwender zu sehen. Sie lebte äußerst einfach, um von ihren reichen Zinsen mir geben zu können, ohne daß sie die Kapitale angriff.

Ich hatte das Glück, den reichen Banquier Förten aus einem reißenden Flusse im Augenblicke der höchsten Gefahr zu retten. Von da an stand mir sein Haus, sein Herz und seine Börse offen. Sein Sohn sollte einige Jahre auf Reisen gehen. Ich hatte so sehr das Vertrauen der Eltern gewonnen, daß sie mich zum Begleiter, gleichsam zum Aufseher ihres Lieblings erwählten. Beinahe vier Jahre währte unsere Reise, und ich darf kühn sagen, alle Pflichten, die ich als Aufseher des jungen Menschen hatte, streng erfüllt zu haben. Erst vor drei Monaten kamen wir wieder in Oldenburg an.

Während der Dauer unserer Reise wurde eine Nichte des Herrn Förten von ihm in das Haus genommen. Ich sah die wunderholde Emilie und liebte sie. Auch sie theilte bald meine Empfindungen und gestand mir unter heißen Thränen eines gramerfüllten Herzens, daß ein reicher Kaufmann aus Antwerpen bereits bei ihrem Oheim, der Vaterstelle an ihr vertrete, um ihre Hand gebeten, und zwar noch keine entscheidende Erklärung erhalten habe, aber seines Reichthums und guten Rufes wegen der Zusage sicher sein dürfe.

Emiliens Geständniß erregte meine Eifersucht zur furchtbaren Leidenschaft. Ich fand in mir keine andere Idee, als daß ich oder mein Nebenbuhler aus dem Buche der Lebenden gestrichen werden müsse. Meine Freunde waren zahlreich, größtentheils aus den besten Häusern von Oldenburg. Ich vertraute ihnen meine Liebe zu Förtens Nichte und die Bewerbungen des Antwerpners. Die Hitzköpfe, dem hochmüthigen Fremdlinge das schöne, reiche Mädchen nicht gönnend, fachten die Flamme meiner Leidenschaft immer verderblicher an. Ich und mein Nebenbuhler geriethen in einem Caffeehause an einander. Der Streit entzündete sich auf’s Heftigste. Wir gingen mit zahlreicher Begleitung in den Garten, zwei Offiziere reichten uns ihre Degen und schon im ersten Gange röchelte mein Gegner sein Leben im strömenden Herzblute aus.

Die Gesetze gegen das Duell sind im Oldenburgischen äußerst streng. Der Tod auf dem Blutgerüste oder lebenslängliches Gefängniß wäre mein Loos gewesen. Vom Kampfplatze floh ich über die Grenze und bezog ein Stübchen in einem Dorfwirthshause. Meine Freunde hatten mir über die Leiche hin die Hand zum Schwure gereicht, das Möglichste für mich zu thun. Schon kamen einige zu mir mit einer bedeutenden Summe in Gold und mit jenen Papieren, welche mich als wandernden Schlossergesellen bezeichnen und meine Wanderung sichern. Sie übergaben mir ein Billet von Förten, worin er mir feierlich versprach, durch seinen Einfluß meine Verfolgung mittelst Steckbriefe zu hintertreiben; auch enthielt sein Billet den wohlmeinenden Rath, nach Prag zu gehen und dort in der Rolle eines Schlossergesellen zurückgezogen zu leben, bis er für mich Amnestie und freie Rückkehr in die Vaterstadt ausgewirkt habe. Ich vertauschte die Stutzerkleidung mit dem schlichten Handwerksrocke, hing das Felleisen auf den Rücken und wanderte unaufgehalten hierher.

Der liebe Gott hat mich in dieses Haus geführt und zu einer wackern Frau, der ich mich mit aller Gemüthsruhe vertrauen durfte. Behalten Sie mich bei Ihnen, aber nicht als Ihren Gesellen, sondern nur zum Scheine als Ihren Werkführer. Meine Wohnung in Ihrem Hause und was ich verzehre, und was der Geselle kostet, den Sie, statt meiner in Arbeit nehmen müssen, bezahle ich reichlich.