Da fing die Spitalerin an zu sagen: „Gnädiger Herr, auch gnädige Frau, ich bin zu euch kommen, euch ein Gesicht zu eröffnen, das ich gesehen habe die vergangen Nacht; das soll euch erfreuen, daß ihr möget in Hoffnung leben, wann kein Mensch soll verzweifeln an GOTT. Es gedauchet mich, daß Christus, unser Erlöser, zu mir kam und führet einen schönen jungen Ritter bei seiner Hand und sprach zu mir: ‚Dieser ist der, darum du, auch dein Herr und Fraue, so lang haben gebeten.‘ Solches hab ich euch nicht wollen verhalten, wann ich weiß wohl, daß ihr betrübt seid um euern Sohn. Aber glaubet sicherlich, ihr werdet ihn sehen in kurzer Zeit, lebendig und gesund. Darum bitte ich euch, ihr wollet hinweg lassen nehmen euer schwarzen Trauerkleider und auf lassen hängen die Kleider der Freuden.“
Da solches der Graf und die Gräfin von der Spitalerin hätten verstanden, da wurden sie fröhlich, wie wohl ihnen schwer ward zu glauben, daß der Peter noch lebe. Doch der Spitalerin zu Gefallen befahlen sie, die schwarzen Trauerkleider hinweg zu nehmen. Und baten die Spitalerin, sie sölle mit ihnen zu Morgen essen. Aber ihr Herze vermocht ihnen solches nicht zu zu sagen; darum sprach sie, sie hätte darheim zu tun; und bat sie freundlich, sie beide wollten auf den nächsten Sonntag bei Sankt Peter in ihrer Kirchen erscheinen; wann sie hätt gänzlich gute Hoffnung zu GOTT dem Allmächtigen, daß sie würden erfreuet werden, ehe sie von einander ab schieden. Und nahm also Urlaub von ihnen; und sie verhießen ihr, zu ihr zu kommen.
Nach dem kam die Magelona wieder zu dem Peter, der ihrer harret mit großer Begier; und zeiget ihm an, wie sie es hätte aus gerichtet. Sie versehe sich gänzlich, Vater und Mutter würden nicht außen bleiben. Darnach ließ die Schön Magelona viel Kleider machen für den Peter und sie.
Wie der Graf mit der Gräfin kam in das Spital Sankt Peters auf den angezeigten Tag.
Als nun der Sonntag kam, da nahm der Graf die Gräfin und sein Gesinde, und zogen zu Sankt Peter von Magelon und hörten da Messe. Als die Messe ein Ende hätt, nahm die Spitalerin den Graf und die Gräfin ein jegliches auf ein Seiten und sprach zu ihnen, sie wölle gerne mit ihnen etwas in geheim reden, doch müßten sie mit ihr in ihre Kammer kommen; darein sie dann gerne bewilligten.
Als sie zu der Kammer kamen, da sprach die Spitalerin zu ihnen: „Gnädiger Herr, auch gnädige Fraue, so ihr euern Sohn sähet, möchtet ihr ihn erkennen?“ Da sprachen sie, ja.
Als sie in die Kammer kamen und der Peter sein Vater und Mutter ersah, da kniet er für sie nieder. Da sie ihn sahen und erkannten, da liefen sie zu ihm und fielen ihm um den Hals und küßten ihn freundlich; doch vermochten sie ein lange Zeit kein Wort zu sprechen.
Also ging das Geschrei aus, wie des Grafen Sohn wieder kommen wäre. Da kamen Edel und Unedel und empfingen ihn und erboten ihm große Ehre, und ward jedermann fröhlich. Nach dem allem redeten der Graf, sein Vater, und Mutter mit dem Peter und fragten ihn mancherlei, wie es ihm ergangen wäre. In mittler Zeit ging die Schön Magelona in ihre Kammer und bekleidet sich auf das Kostlichest, als ihr dann zu tun wohl gebühret. Und kam darnach also gekleidet, so balde sie mocht, wieder zu ihnen.
Als sie die Schön Magelona ersahen, verwunderten sich der Graf und die Gräfin, wo her die schöne Jungfrau käme, die ihnen unbekannt war. Also stund der Peter auf, umfing sie freundlich und küsset sie. Da solches die Leute ersahen, da verwunderten sich alle. Nach dem nahm sie der Peter bei ihrem Arme und sprach zu Vater und Mutter: „Gnädiger Herr Vater, auch Frau Mutter, diese Jungfrau ist die, von deren wegen ich von euch bin gezogen, und wisset, daß sie ist ein Tochter des Königs von Neapel.“
Da gingen sie ihr entgegen und umfingen sie freundlich und dankten GOTT dem Allmächtigen.