„Meiner Meinung nach, Aristipp, ist Wolfgang Menzel der erste deutsche Kritiker; wenn er auch zuweilen etwas zu persönlich wird. Es ist leider bei den jungen Literaten häufig der Fall, daß sie nicht das Werk, sondern die Person des Schriftstellers kritisiren; in diesen Fehler verfällt auch zuweilen dein Florencourt, wenn gleich ich sonst ganz deiner Meinung über ihn bin. Ich finde nichts Unpassenderes als dem ganzen lesenden Publiko die Schwächen, oder die Fehler eines Schriftstellers herzuzählen und ihn dadurch in den Augen desselben herunter zu setzen. Ich habe mich deßhalb heute sehr über dich gefreut, Aristipp, weil du, bis jetzt nur Gutes von allen Leuten, die du mir nanntest, geredet hast. Um so mehr hat es mich erfreut, weil ich weiß, daß du meistens von allen Menschen heruntergerissen und getadelt wirst. Wie bist du zu dieser Selbstüberwindung, zu dieser weisen Mäßigung gekommen?“

„Gerade, weil ich vielfach angegriffen und getadelt worden bin. Ich fand, daß der meiste Tadel, welcher mich traf, nur auf Hörensagen beruhte; ungerecht war. Ich sah ferner ein, daß es nichts Leichteres gäbe, als Fehler an seinen Mitmenschen zu entdecken; sie tausendfach zu vergrößern und zu entstellen; ich fand ferner, daß nichts kleinlicher sei, als sich zu rächen, und, daß es dem edlen Manne bei weitem eher zieme die guten Seiten seiner Mitbrüder zu erforschen und an das Tageslicht zu fördern, als sich durch beißende Bemerkungen in den Ruf eines klugen Mannes zu setzen. Aus diesem Grunde spreche ich über Niemanden schlecht. Werde ich aber aufgefordert in einer Sache von Wichtigkeit mein Urtheil über Jemanden zu fällen, so thue ich es kurz; der reinen Wahrheit gemäß.“

„Du sprichst wie ein Buch, Aristipp. Bei einem so guten Glase Wein, wie dieses, hört sich gern ein gutes Wort. Du hast Recht. Wenn die Menschen ebensoviel thäten um sich das Leben angenehm zu machen, als sie thun um es sich zur Hölle zu schaffen und sich gegenseitig zu zerfleischen und zu erniedrigen, so würden sie zehntausendmal glücklicher sein. Woher aber kommt es, daß dieser Keller so wenig besucht ist? Wir sitzen hier schon eine geraume Zeit und bisjetzt kam noch Niemand.“

„Die Ursache deiner Befremdung will ich dir erklären. Sie liegt in der Persönlichkeit und in der Stellung des Besitzers unter seinen Mitbürgern. Herr Ahl ist ein äußerst rechtschaffener Mann, sehr klug aber eigen. Er besitzt Kenntnisse; ist Meister seiner Muttersprache und spricht das Französische in seltener Vollendung. Er hört sich daher gern in dieser Zunge reden. Außerdem hat er die gute Eigenschaft, daß er gerne mit gebildeten Männern umgeht, um sich selbst noch mehr auszubilden. Eine Eigenschaft, die man nicht oft bei Männern findet, die eine halbe Million im Vermögen haben. Ein anderer guter Zug dieses feinen Weinhändlers ist, daß er unglückliche Genies unterstützt, wenn sie es verdienen. Bei den Gesinnungen des Herrn Ahl ist es ihm nun durchaus nicht einerlei wer seinen Keller frequentirt. Da er selbst durch sein Vermögen und seine moralischen Eigenschaften eine höchst achtbare Stellung unter seinen Mitbürgern einnimmt, so ist es natürlich, daß sein Keller nur von solchen Männern besucht wird, die ihm conveniren, und, daß unter den Stammgästen seines Kellers, die sich gewöhnlich nur des Abends einfinden, Verstand und Kopf nie fehlen dürfen. Ich selbst bin während einer geraumen Zeit fast täglich hier gewesen; habe manche angenehme Stunde mit Herrn Ahl zugebracht; demselben meine literarischen Producte mitgetheilt, und viele treffende Bemerkungen von ihm entgegen genommen. Nie habe ich in diesem Keller einen Streit gehört; nie einen Betrunkenen gesehen! Man kann daher, mit Recht, denselben einem jeden Fremden empfehlen, denn man findet hier: guten Wein, eine gute Gesellschaft und einen höchst ehrenwerthen Wirth.“

„Es ist gewiß, daß der moralische Werth eines Mannes einen großen Einfluß auf seine Umgebung hat. Der gemeine, rohe, unsittliche Mann wird sich immer durch die Gegenwart eines Ehrenmannes belästigt finden, weil ein innerer Zwang ihm verbietet seine Gemeinplätze, seine Zweideutigkeiten vor einem solchen Manne laut werden zu lassen. Es ist daher sehr natürlich, daß ein gemeiner Mensch es nicht wagen wird einen Keller zu besuchen, wo ein Mann, wie du den Herrn Ahl mir schilderst, den Ton angiebt.“

„Wenn ich diesen Augenblick darüber nachdenke, lieber Hippias, wie wir hier in diesem Keller zusammen sitzen, und über jeden Gegenstand eine ernste Betrachtung uns gegenseitig mittheilen; so kann ich nicht umhin zu gestehen, daß es wohl wenige Menschen giebt, die unter unsern Keller-Gesprächen eine so tiefe Bedeutung versteckt glauben würden. Ich bin fest davon überzeugt, daß unser heutiger Cursus uns noch manche lehrreiche und unterhaltende Gegenstände vorüber führen wird, und da ich ein sehr gutes Gedächtniß habe, so werde ich mir Alles gehörig notiren, und dann weiter ausarbeiten. Die größte Schwierigkeit würde wohl für uns sein einen Verleger zu finden, da so unendlich viel in Deutschland geschrieben wird. Außerdem stehe ich mit sehr wenigen Literaten in Verbindung, die ich auffordern könnte die Verleger für mich zu bearbeiten oder mein Werk „im Voraus“ lobhudelnd anzupreisen.“

„So müssen wir wohl unser Glück selbst versuchen und dem richtigen Urtheile der Verleger vertrauen.“

„Das ist auch meine Ansicht. Ich finde, daß nichts natürlicher ist, als, daß junge angehende Schriftsteller eine große Achtung vor älteren, berühmten, literarischen Autoritäten haben müssen, aber sie müssen auch Zutrauen zu sich selbst haben. Glaube mir Hippias, wenn ich Etwas geschrieben habe; so sagt mein eigenes Gefühl es mir, ob es gut oder schlecht sei, und ich bedarf des Urtheils eines andern Literaten nicht. Bei den Buchhändlern helfen auch die Empfehlungen literarischer Notabilitäten wenig. Ich mögte auch von keinem Verleger verlegt werden, der durchaus kein eigenes Urtheil über mein Werk hätte. In frühern Zeiten war das etwas Anderes. Jetzt ist aber der Buchhändler selbst eine literarische Person und bedarf nicht eines fremden Urtheils. Wir haben hier gleich eine Buchhandlung in der Nähe, wo wir unser Glück probiren können.“

Nachdem unsere Gläser geleert waren, begaben wir uns auf die Wanderschaft. Einige Schritte von dem Keller des Herrn Ahl entfernt, sahen wir in die Mörkenstraße hinein, aus welcher uns das Aushängeschild der Königlich privilegirten Buchhandlung von Georg Blatt entgegenstrahlte. — Wir begaben uns in diese Buchhandlung. Ein junger, wohlgewachsener, blondhaariger, sehr elegant gekleideter Mann, die Feder hinter dem Ohre, empfing uns unter vielen Bücklingen und erwiederte auf unsere Frage: „ist Herr Blatt zu Hause?“ mit lispelnder Stimme: „zu dienen, der bin ich selber. Was wäre Ihnen gefällig?“