In diesem Augenblicke stürmte der Baron in das Zimmer. Sein Auge strahlte Freude, sein Gang war stolz, sein Wesen aufgeregt. Er ließ sich auf einen Sessel nieder. Gipsy legte sich zu seinen Füßen. Er streichelte das schöne Thier, dann wandte er sich um und erblickte mich.

„Siehe da, Herr Aristipp!“ rief er aus. „Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht gleich bemerkte und begrüßte. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, daß ich Alles um mich her vergaß. — Sie führen liebliche Bilder einer angenehmen Vergangenheit mir wieder vor die Seele. Das waren noch schöne Zeiten, als wir uns in der kleinen Catharinenstraße kennen lernten! Das waren noch schöne Abende! Kunst, Literatur, Gesang und schöne Frauen! Nie werde ich den guten St. Pierre und seine Frau vergessen! Auch meine Gipsy wird sie nie vergessen, denn sie war dort ebenso gut aufgehoben, als ich. Wie wurde sie von den weichen Händchen der schwarzäugigen Wally und der lieblichen Sophie gestreichelt. Wie glücklich lebten wir zusammen, bis die verdammte Klatscherei uns trennte! Das Beste, daß kein wahres Wort an der Geschichte war! Indessen verzeihe ich diesesmal der Verleumdung. Wir gaben in unserer Unschuld der Medisance zu vielen Stoff. Wally war zu schön — und ich — ein Mann! Wer kann überhaupt in unseren Tagen an ein rein geistiges Verhältniß zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau glauben? In der Welt kann überhaupt Nichts von langer Dauer sein. Es muß immer eine Veränderung geben, damit der alte Mechanismus nicht stille stehe. Vermuthlich ein Freund von Ihnen?“

„Herr Hippias, der heute erst angekommen ist, um sich in Altona und Hamburg etwas umzusehen, und der das Vergnügen hat, Sie dem Rufe nach zu kennen!“

„Das thut mir sehr leid. Mein Ruf ist verdammt schlecht, und mit Maria Stuart könnte ich sagen: ich bin besser, als mein Ruf. Man macht mich hier zu einer Art von Ungeheuer, da ich den Schein nicht beobachte, mich frei äußere und die Menschen es nicht begreifen können, daß ich wie Diogenes mit der Laterne umher renne um Menschen zu finden. Man sollte mich lieber den Narren des 19ten Jahrhunderts nennen, weil man aus mir machen kann, was man will, sobald man mein Herz in Anspruch nimmt. Die erbärmlichen Menschen! Wenn sie Jemanden nicht begreifen können, so machen sie ihn herunter. Sie machen es ebenso mit ihrer Gottheit. Sie leihen dem höchsten Wesen alle möglichen menschlichen Schwächen, um es fassen zu können. Was zu hoch und erhaben ist, muß heruntergerissen werden, damit die flachen Schädel es begrinsen und verhunzen können!“

„Ich freue mich recht sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Baron,“ sprach Hippias. „Ich habe mehre Ihrer Schriften mit Vergnügen gelesen!“

„Meine Schriften? Da haben Sie was Rechtes gelesen! Dummes Zeug! Weiter nichts. Ich wollte, ich hätte nie Etwas geschrieben; weil es mir unmöglich ist von meinen Schriften erbaut zu sein. Man muß zu viele Rücksichten auf die Leihbibliotheken nehmen, und der Ladendiener und Kammermädchen Geschmack! Wer überhaupt einmal, als Schriftsteller aufgetreten ist, der sitzt auf dem öffentlichen Verwunderungsstuhle und Hans und Peter und Grete und Liese spielen mit ihm moquiren. Wer heißt einem auch Perlen vor die Säue werfen, oder besser gesagt, wie kann man ein solcher Esel sein, sich einzubilden, daß sein eigenes jämmerliches Geschreibsel der ganzen Welt gefallen, von der ganzen Welt gelesen werden soll! Es ist rasend, wohin den Menschen die Eitelkeit, die Einbildung führen können! Noch lächerlicher ist es aber, wenn man wie ich, immer über sich selbst und von sich selbst schreibt; und es nicht lassen kann seine Ansichten über Gott, König, Menschheit und Vaterland zu äußern. Es ist noch ein Glück, daß ich kein Republikaner bin, sonst säße ich gewiß schon irgendwo fest, und gäbe die „Memoiren eines Sträflings“ heraus. Das Schlimmste bei der ganzen Schriftstellerei ist aber die Knickerei der Buchhändler und die leidige Censur! Was man schreiben wollte, darf man nicht schreiben; was man schreiben darf, will man nicht schreiben, weil nur Flaches, Fades, Unbedeutendes geschrieben werden darf — auf diese Weise wird der Ideenflug gehemmt, und man bringt nichts als Unsinn hervor. Denn alles Halbe, ist Stückwerk und alles Stückwerk in der Literatur ist Unsinn! Man muß jedoch gestehen, daß die Dänische Censur noch sehr lieberal ist. Auch ist der König der lieberalste Mann im ganzen Lande, in der Welt. Lassen Sie uns seine Gesundheit trinken, meine Herren! Sie wissen, ich bin Legitimist.“

Wir stießen an.

Der Baron ging einige Male das Zimmer auf und ab; dann wandte er sich mit einem freundlichen Lächeln an mich: „Wissen Sie wohl, Herr Aristipp, daß ich heute außerordentlich glücklich bin! Ich mögte die ganze Welt umarmen, weil ich einen guten, edlen Mann getroffen habe. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen. Es thut meinem Herzen so wohl, so recht aus vollem Herzen eine edle Handlung eines Menschen erzählen zu können. Hören Sie.

„Ich befand mich noch vor einigen Tagen in der schrecklichsten Verlegenheit. Ich hatte Schulden gemacht. Meine Gläubiger quälten mich bis aufs Blut. — Sie kennen Altona und Hamburg. — Ich hatte einen Wechsel geschrieben. Die Zeit nahte, wo er fällig war. Ich hatte keine Rettung. Ich suchte allerwärts Geld. Die, welche es nicht hatten, wollten es mir geben, aber konnten nicht. Die, welche es hatten, konnten es nicht, weil sie den edlen Grundsatz angenommen hatten, nie mehr Geld ohne Sicherheit auszuleihen. Um ihren Grundsätzen treu zu bleiben, konnten sie sich nicht überwinden, einem Unglücklichen Leben und Ehre zu retten! Was würde man zu einem Manne sagen, der seinen Grundsätzen ungetreu geworden, um seinen leidenden Mitbruder zu retten! Mein Gott! dachte ich: du hast doch so Vielen in den Zeiten deines Glückes geholfen und dir hilft Niemand!!? Ich will es Ihnen gerne gestehen, lieber Aristipp, nachdem alle Versuche bei Menschen mir fehl geschlagen, wandte ich mich an Gott. Sie lächeln? Nicht wahr? Ich that es und Er half. Durch eine sonderbare Fügung muß ich in das Hôtel de France in Hamburg gerathen. Dort lerne ich einen Mann kennen, einen Herrn von Pichmeier. Wir trinken zusammen; wir spielen zusammen; wir reden zusammen. Offen, wie ich es immer bin, entdecke ich diesem vortrefflichen Manne meine Verlegenheit. Was thut er? Er bezahlt sogleich die Hälfte jener Summe, und heute, was noch mehr sagen will, da er höchst unzufrieden mit mir ist, bezahlte er die andere Hälfte, aus dem einfachen Grunde, einer achtungswerthen Mutter ihren Sohn zu erhalten. Das that ein fremder Mann für mich! Weil er dem Zuge seines Herzens folgte; weil er dem Bedürfnisse eines edlen Herzens folgte, dem es eine Wonne ist, seinem Neben-Menschen wohl zu thun. Er stellte keine Betrachtungen darüber an, ob ich es verdiente, wie die Männer von Grundsätzen es thun, diese hochherzige christliche Sippschaft! Er dachte nur: der Mensch ist verloren, wenn ich ihm nicht helfe; seine Mutter wird dadurch unglücklich — auch ich hatte eine Mutter, und er half. — Daß diese Geschichte wahr ist, kann Timm Ihnen bestätigen. Denn die Summe schuldete ich theilweise dem Besitzer dieses Kellers, und hier hat er das Geld bezahlt. Ein solcher Zug der Herzensgüte verdient der Erwähnung in unserm egoistischen Zeitalter. Daher erzähle ich Ihnen dieses; darum bitte ich Sie, es weiter zu verbreiten und nun mit mir auf das Wohl dieses edlen Menschenfreundes zu trinken. Herr von Pichmeier soll leben!“

„Die Handlung des Herrn von Pichmeier ist brav,“ bemerkte Hippias, „und verdient die Anerkennung eines jeden Ehrenmannes, aber nicht minder verdient Ihre Aufrichtigkeit und Ihre Dankbarkeit Anerkennung, Herr Baron. Die größte Eigenschaft des Don Carlos ist die Anerkennung der Verdienste des Posa.“