„Was hilft ihm meine Dankbarkeit“, erwiederte der Baron, „beweisen kann ich sie ihm nie, und auch er nimmt sie nicht an. Daß ich dankbar bin, ist mir nicht anzurechnen. Die Dankbarkeit ist ein natürliches Gefühl; selbst der Wilde besitzt sie; den Trieb, den die Natur in uns legte, können wir uns nicht berechnen. Daß es jetzt so viele undankbare Menschen giebt, rührt nur daher, weil wir unsere natürlichen Gefühle immer mehr unterdrücken — denn von Natur sind alle Menschen gut, folglich: dankbar. — Gieb mir eine Cigarre, Timm. Auch du gehörst zu den Menschen, auf die man sich verlassen kann. — Na was macht denn das hübsche Mädchen, mit dem Sie neulich im „Englischen Garten“ waren?“
„O, die ist gut zufrieden, Herr Baron,“ antwortete der Küper, die Cigarre reichend und einen Fidibus dabei. —
„Wenn Sie Zeit und Lust hätten, Herr Baron; so dächte ich Sie schenkten uns den heutigen Tag, und gingen mit uns.“ Bemerkte ich.
„Gerne! Aber dann müssen wir aus Altona! Ich kann Altona nicht leiden, und Ihr Freund muß St. Pauli und Hamburg kennen lernen. Geh, Timm, schicke Jemanden hin, uns eine Droschke zu holen vom Rathhausmarkt. Den Kutscher mit dem weißen Schimmel. Boysen heißt er. Den nehme ich immer, weil das Pferd gut, die Droschke reinlich und der Kutscher verschwiegen ist! Wie manchen angenehmen Augenblick habe ich in der Droschke verbracht!“ —
„Ich denke, wir machen die Tour, Herr Baron, die wir schon einmal mit einander machten,“ bemerkte ich. „Zuerst die Erfrischungshalle, dann Hôtel Petit, Janßen, Kittel, Buck, Carl, den Trichter, die Elbhalle, Madame Heitmann,“ etc.
„Einverstanden!“ rief der Baron. „Kommen Sie, meine Herren! der Wagen ist da! Adieu Timm! Behalten Sie Gipsy bei sich! Gipsy! du bleibst bei Timm!“
„Leben Sie gut und delicat, Herr Baron.“ —
„Nach der Erfrischungshalle!“ rief der Baron dem Kutscher zu. Wir stiegen ein. Die Droschke rollte schnell dahin. — Wir hielten vor der Erfrischungshalle. Wir stiegen aus und gingen hinein. — —
Als wir in das Zimmer der Erfrischungshalle traten, war außer einem Knaben, der beim Billard beschäftigt war, zufällig Niemand zugegen. Der Baron benutzte diesen Augenblick indem er sich mit folgenden Worten an Hippias wandte:
„Sie befinden Sich diesen Augenblick, mein lieber Hippias, in einem der anständigsten Locale dieser Gegend. Die Eigenthümer dieser Wirthschaft, sind alte würdige Leute; der Führung der Geschäfte und des ganzen Hauswesens steht aber die Tochter vor. Ein höchst rechtschaffenes Mädchen, mit Sinn für Literatur und Kunst begabt, wie Sie es auch an dem schönen Gemälde bemerken können, das dort an der Wand hängt. Sie ist ein vortreffliches Mädchen, besitzt Geist, Gefühl und Verstand, und vielleicht ein bischen Schwärmerei, welches wir ihrer deutschen Natur zu Gute halten müssen. Sie wird in ihren Geschäften durch ein junges Mädchen unterstützt, die Henriette genannt wird, und, wie es scheint, gleichfalls anständig und tugendhaft ist. Diese behauptet hier den Posten einer Schenk-Mamsell.“