„Was ist denn das für ein Posten?“ fragte Hippias.

„Eine Schenk-Mamsell, lieber Hippias,“ bemerkte ich, mich in die Unterhaltung mischend, „ist eine Art liebenswürdiger Geschöpfe, die das Amt einer Hebe in den Hallen irdischer Glückseligkeit verrichten. Mit Grazie Wein und Getränke schenkend, und durch Liebenswürdigkeit, Zuvorkommenheit und Unterhaltung einem die Stunden angenehm hinbringen lassen, welche man in den Tempeln des Bachus zubringt. Daß sie hier eine eigene Classe des weiblichen Geschlechts bilden, ist gewiß, wo diese aber anfängt und wo sie begrenzt wird, kann ich nicht mit Gewißheit bestimmen. Sie sind nach meiner Meinung dazu gehalten, alle Reize des weiblichen Geschlechts anmuthig und anständig zu entfalten, gegen Jedermann liebenswürdig und artig zu sein, zu kokettiren, zu lachen, zu scherzen und Guitarre zu spielen, Jedermann die Hoffnung ihres Besitzes vorzuspiegeln, sie aber nie zu erfüllen. Auf diese Weise gleichen sie den schönen Früchten, die reizend, rothbackigt und zum Genusse einladend, über Tantalus Haupte schwebten, und die entschwanden, wollte er sie greifen, sie genießen.“

„Na! das nenne ich eine poetische Definition einer Schenk-Mamsell,“ rief der Baron lachend, „ich will Ihnen eine einfachere geben. Eine Schenk-Mamsell ist ein Mädchen, welches engagirt wird, wie jedes Dienstmädchen, das sich aber fein anziehen muß, einige Bildung besitzen und den Gästen als angenehmes Spielwerk dienen soll. Kurz ein Lockvogel, der, sobald er seine schönen Federn ablegt, Kartoffeln schälen und Krammetsvögel pflücken muß. Daß diese Mädchen nun, so lange sie in einem anständigen Hause sich befinden, sich anständig betragen müssen, versteht sich von selbst. Ausnahmen giebt es überall. — Sie gehören freilich nicht in die Classe der gänzlich Gesunkenen, aber sie sind nicht weit davon entfernt, denn dieses ewige Courmachen, dieses ewige Liebeln um sie her, dieser stete Müssiggang und der Genuß starker Weine, die sie den Gästen zu Gefallen mit trinken müssen, bringt sie natürlich dem Falle näher, als jedes andere Mädchen! Sie sind zu bedauern, zu beklagen! Ihr Leben ist ein glänzendes Elend, eine fortwährende Reizung, Betäubung. Wo soll das junge Mädchen ohne Existenz-Mittel enden, das sich an Champagner gewöhnt und in Sammt und Seide zu gehen? Doch, da kommt unsere angenehme Wirthin, in Begleitung der lieblichen Hebe, wie Aristipp sie titulirt.“

Zwei weibliche Gestalten traten jetzt in das Zimmer. Die Eine, schwarz gekleidet, von schlankem Wuchse, trug ihr glänzend schönes schwarzes Haar gescheitelt, unter schwarzen Augenbrauen glänzten zwei große blaue Mondscheinaugen, ihr Gesicht war interessant, ihre Haltung edel. Sie sah mehr einer Ausländerin als einer Deutschen ähnlich. Das war Fräulein Brettomani.

Die Andere war ein anmuthig lächlendes Geschöpf, ganz blond, Teint von Lilien und Rosen, Wuchs schlank, Ausdruck freundlich. Das war Demoiselle Henriette, die Schenk-Mamsell.

Wir standen natürlich alle drei auf, um diese angenehmen Erscheinungen zu begrüßen. Fräulein Brettomani ließ sich auf einen Sessel nieder; Mlle Henriette trat hinter den Schenktisch.

„Guten Tag, mein Fräulein,“ rief der Baron, und sich dann an Mlle Henriette wendend fuhr er fort: „Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mein schönes Kind. Herr Aristipp und ich sind gerade diesen Augenblick beschäftigt, unserm Freunde, Hippias, die Definition einer Schenk-Mamsell zu geben. Er behauptet, ein solches Wesen müsse eine Hebe sein; ich, sie sei nichts weiter, als ein schöner Lockvogel. Wer von uns Beiden hat Recht?“

„Keiner von Ihnen, meine Herren, sondern ich, wenn ich behaupte, daß Sie ein loser Vogel sind.“

„Warte Schelmin! das sollst du bereuen! Und nun kommen Sie einmal hinter Ihrem Tisch hervor; zeigen Sie Sich dem Herren Hippias, damit er gestehe, daß eine Schenk-Mamsell, wenigstens ein Engel sei.“

„Das ist zu arg, Herr Baron! Lassen Sie mich los!“ versetzte die sich sanft Sträubende, während der Aufwand der Kräfte, beim Widersetzen, die Farbe des schönsten Incarnats auf ihre Wangen trieb.