a, ad No 1. Herr Janßen. Wer von allen Wirthen, Gasthaltern, Caféehäuser-Besitzern könnte sich mit Herrn Janßen vergleichen? Wer in der ganzen Welt kennt Herrn Janßen nicht? London, Paris, Amsterdam, der Haag, Hamburg waren der Schauplatz seiner schwindlenden Größe, so wie seines Falles! Millionär unter dem Kaiserreiche, fuhr er mit Achten durch die Hauptstädte der Welt. Der Sturz des Besiegers der Welt, begrub in seinem Falle das Glück des Herrn Janßen! Doch er verlor den Muth nicht. Aus dem Schutte seines Vermögens entstand er, ein neuer Phönix, und London, Paris und Hamburg sahen mit bebendem Erstaunen diesen rastlosen, thätigen, klugen, feinen, schlauen, speculativen Geist, wie einen sengenden Kometen durch ihre Weichbilder ziehen. Doch kein Glück ist von Bestand. Das Napoleonische seiner Plane schien kleinlichen Gemüthern zu gewagt. Umsonst versuchte Janßen mit glänzender Beredsamkeit die Ausführung seiner materiellen, industriellen Pläne darzustellen, das Gelingen derselben zu versichern. Der Muth, die Courage fehlte. Das Ungeheure der Janßenschen Plane, des weit umfassenden, speculativen Geistes schreckte zurück. Noch mehr, man entzog ihm die Fonds, und wie die Riesen-Eiche, wenn die Wurzel morsch wird, krachend niederstürzt — so stürzte Herr Janßen von seines Glückes Thron. Er verlor Alles — aber nicht den Muth, die Lebensphilosophie. Er fing tausenderlei an, nichts glückte. — Nachdem Alles verloren, zog er sich nach St. Pauli zurück, etablirte ein Cafée-Haus, wurde Commissionär. Aber der Geist des alten Janßen ist derselbe; die Manieren des reichen Janßen, der mit Fürsten, Königen und Kaisern zu Tische saß, der die Herzen von hundert Prinzessinnen, Gräfinnen und Baroninnen eroberte, sind dieselben. Da ist noch die stolze, noble Haltung; die bourbonsche Adlernase verräth die hochstrebende Gesinnung ihres Eigenthümers, und wie in Ludwig’s des Vierzehnten Ausdruck, Haltung und Auftreten die völlige königliche Ueberzeugung des L’état, c’est moi lag — so steht auf Janßens königlicher Stirne deutlich geschrieben: „dans ma maison, je suis roi!“ Janßen auf einem Thron, und er wäre der Ausdruck der personificirten königlichen Gewalt, des Autokraten. Janßen zu Pferde, auf einem Schimmel-Hengste, würde Frankreich ihn für den Herzog von Guise, England für den Herzog von Cambridge halten. Janßen in seiner Jugend muß schön gewesen sein. Noch jetzt in seinem Alter ist er schön; seine Gegenwart fordert und erzwingt Achtung. Den Mann mögte ich sehen, der sich an den zürnenden Janßen wagte! dann ist er der donnernde Zeus Kronion. Mag die Welt, mag Hamburg Janßen tadeln. Mag er Recht oder Unrecht gehandelt haben. Ich bin nicht zu seinem Richter eingesetzt, und schließe mein Capitel über Herrn Janßen mit den Worten: Ein Mann, der unter allen Verhältnissen des Lebens sich gleich geblieben ist, der mit den berühmtensten Männern seiner Zeit gelebt hat, der die Sitten und Charactere seiner Mitmenschen so genau durchstudirt hat, der bleibt für den denkenden Mann, den Schriftsteller, immer ein lehrreiches und interessantes Studium des menschlichen Geistes, Herzens und seiner Zeit.
b, ad No 2. Wenn ich die Schenk-Mamsellen im Janßenschen Hause „hübsch und tugendhaft,“ par excellence, bezeichnet habe, so geschieht dieses aus folgenden Gründen: Es läßt sich leicht begreifen, daß Herr Janßen, dieser Kenner des menschlichen Herzens, keine häßliche Mädchen in seinem Hause halten werde. Daß diese Mädchen tugendhaft sein müssen, läßt sich leicht aus der Menschenkenntniß des Herrn Janßen deduciren. Er hält sie nicht für einen Geliebten, und um die thörichten Wünsche eines Mädchens zu erfüllen, das er gut ernährt und bezahlt. Nein! sie sollen freundlich, artig und zuvorkommend gegen Jedermann sein, und auf das Haus des Herrn Janßen muß nichts zu sagen sein. Er kennt die Welt gut genug, um zu wissen, wie sehr sein Haus verlieren würde, wenn er Liebes-Intriguen statuirte. Also schon aus der Janßenschen Politik geht es hervor, daß die Schenk-Mamsellen tugendhaft sein müssen. Ein zweiter Grund liegt in dem Character der Madame Janßen, einer wahrhaft edlen Frau, die mit himmlischer Geduld ihr unverdientes Schicksal trägt, und die nie eine Gemeinheit statuiren würde. Herr Janßen hält ein wachsames Auge auf seine Schenk-Mamsellen. Jeder Fehler gegen den Anstand, gegen die feine Erziehung, wird von ihm gerügt. Denn, sagt er: in seinem Holländischen Dialekte: „ick will dat nich, und dans ma maison, je suis roi.“ Auf diese Weise ist das Janßensche Cafée-Haus ein empfehlungswerthes Institut für junge Mädchen vom Lande, die den bon ton, sich fein ausdrücken, graziös gehen, liebenswürdige Manieren lernen und doch dabei, unter Verführungen aller Art, ihre ländliche Unschuld conserviren wollen.
c, ad No 3. Von einer Holländischen Familie, die in den glänzendsten Cirkeln gelebt hat, läßt sich wohl Sauberkeit und Reinlichkeit erwarten. So ist es auch hier. Die Fenster des Salons des Herrn Janßen (ich kann mich unmöglich in diesem Hause des Ausdrucks: Schenkstube oder Weinstube, bedienen) glänzen wie Spiegel; auf dem pferdehaarenen Sopha, der an der Wand der Thüre gegenüber steht, ist kein Körnchen Staub zu sehen, ebenso wenig, als auf den Mahagonitischen, von denen einer vor dem Sopha, der andere unter einem Spiegel steht. Zu jeder Ecke des Sophas steht ein blankgeputzter, kupferner Spucknapf, gefüllt mit feinem reinen Sande; die Dielen des Fußbodens schimmern, wie gefallener Schnee und die Gläser, in welchen servirt wird, strahlen hell, wie Krystall.
d, ad No 4. Diesen Punct selbst zu motiviren, würde mich erröthen lassen. Ich überlasse es daher Allen, die mich dort sahen und sehen werden, ob ich in meiner Behauptung Recht oder Unrecht habe.
Nachdem ich meine Leser gänzlich von allen Eigenthümlichkeiten des Janßenschen Cafée-Hauses „au fait“ gesetzt habe, so kehre ich zu uns zurück. Zu Uns, d. h. zu mir, Hippias, dem Baron und Herrn Herrmann Bleicamb. Es war schon dunkel geworden, als wir uns nach dem Hause begaben; eine argentische Lampe erhellte den „Salon“ des Herrn Janßen, in welchen wir eintraten. Es waren mehre Gäste dort versammelt. Auf dem obenerwähnten pferdehaarenen Sopha saß ein hübscher, blonder, schöngewachsener und höchst elegant gekleideter Mann, die Guitarre im Arme — den ich schon öfters dort gesehen, dessen Name mir aber entfallen ist. Neben ihm saß Mlle Linon, eine jener tugendhaften Schenk-Mamsellen. Ihr Gesicht war hübsch, die Augen blau, groß und schön, ihr Haar, das sie gescheitelt und glatt an die Stirne gedrückt trug, war braun, ihre Physiognomie war kindlich, heiter, unschuldig. Sie war in einem grünen Kleide gekleidet, in der Taille durch ein schwarzes Band befestigt; ihr ganzes Aeußere war reinlich und ordentlich. Ihr zur Seite saß ein anderer junger Mann, der aber mit seiner Nachbarin zur Rechten beschäftigt schien. Diese war Mlle Thereson, gleichfalls eine Schenk-Mamsell. Diese war ein eigenthümliches kleines Geschöpf. Sie war weder schön noch häßlich, weder gelb noch weiß; aber lebendig, aufgeweckt und hatte etwas an sich, das nicht zu definiren ist, aber ein unregelmäßiges Gesicht, eine unscheinbare Person interessant erscheinen läßt. Außerdem ein allerliebstes Mündchen und eine sanfte, wohlklingende Sprache, wie allen Hannoveranerinnen, denn sie war eine Solche. Alsdann kamen noch mehre Herren, die rauchten und tranken; ferner Mlle Jeannetton, die Nichte des Herrn Janßen, eine anspruchslose, zierlich gewachsene Holländerin, und endlich Herr Janßen selbst, der ernst mit denkender Miene am Tische saß, mit einer grünen Mütze auf dem Kopfe, unter deren Schirm seine Augen mit der Schnelligkeit eines Habichts die ganze Gesellschaft controlirten; der scheinbar Nichts hörte, an Nichts Theil nahm, dem aber kein Wörtchen, keine Geberde seiner Gesellschaft entging. Auf dem Tische standen Gläser mit Wein gefüllt, und eine angebrochene Champagner-Flasche.
Bei unserer Ankunft erhob sich Herr Janßen und sagte mit lächlender Miene: „Bäter später, denn gar nicht.“
Es wurden uns Stühle gebracht. Hippias, Herr Bleicamb und ich setzten uns. Der Baron ging in das angrenzende Zimmer, in welchem Madame Janßen nebst ihrem Sohn, die Erstere mit weiblicher Arbeit beschäftigt, saß, und bewillkommte diese würdige Dame. Ich bestellte eine Flasche Champagner und auf diese Weise bürgerten wir uns in den Cirkel ein, der sich schon vorher gebildet — indem wir durch unsere Gläser, welche auf den Tisch gestellt wurden, bewiesen, daß wir Sitz und Stimme an der Table-ronde hätten. Es trat natürlich, wie es immer bei der Ankunft neuer Gäste geschieht, erst eine kleine Pause ein, die aber auch selten lange dauert, da derselbe Zweck jeden in solche Häuser führt, nämlich: zu genießen und fröhlich zu sein. Auf die Bitte der unschuldigen Linon, ergriff der elegante junge Mann die Guitarre und sang im schönsten Tenor eine allerliebste Romanze. Musik, Champagner, Gesang und hübsche junge Mädchen stimmten uns Alle bald heiter und fröhlich. Man stieß an, scherzte, trank und lachte. Während des Gesanges war meine Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt worden, der mit ziemlich lauter Stimme sich mit seinem Nachbarn, einem jungen Menschen, unterhielt. Der Blick dieses Mannes hatte einen schmelzenden, wunderbar schönen Ausdruck; seine hohe Stirne zeigte auf Verstand hin, und in seinem ganzen Wesen sprach sich ein unverkennbarer Zug des Wohlwollens, der liebevollen Gesinnungen seines Herzens aus. Dieser Schluß von dem Aeußern auf seine innere Gemühtsstimmung wurde durch folgende Worte, welche er an den jungen Mann richtete, bestätigt:
„Man muß jedem Menschen helfen, Wilhelm, vorausgesetzt, daß er ehrlich sei. Man muß keinem Menschen sein Vertrauen entziehen, denn, Wilhelm, glaube es mir, alle Menschen sind gut. Ich kann und will Dir helfen, Wilhelm, denn ich glaube, Du hast mich lieb. Wenn Du mich nicht lieb hättest, es wäre abscheulich von Dir! O, ich mag nicht daran denken! Sieh, Wilhelm, die Hauptsache in diesem Leben ist die Befriedigung der materiellen Interessen des Menschen. Um den Menschen aber in den Stand, sie zu befriedigen, zu setzen, muß man ihm Arbeit geben, damit er durch seine Thätigkeit in den Stand gesetzt werde, sich eine sorgenfreie Existenz zu verschaffen. Dieses muß das Hauptaugenmerk der Regierung sein; sie muß durch Bauten, durch öffentliche Arbeiten, durch Anlegung von Häfen, von Kanälen, von Brücken, von Eisenbahnen ihre Unterthanen beschäftigen; denn jeder Mensch im Staate, der keine angewiesene Thätigkeit, keine Existenz-Mittel hat, ist ein gefährlicher Mensch. Nicht weil er schlecht von Natur ist, Wilhelm, nein, weil er leben, essen, trinken, sich kleiden muß. Aber die Regierung allein ist nicht im Stande, bei der jetzigen Ueberfüllung an Menschen, sie alle anzustellen, zu beschäftigen. Daher müssen wir, wir reichen Kauf- und Fabrikherren, ihr zu Hülfe kommen, es auf ein Paar Thaler nicht in Anschlag bringen, wenn wir zwei oder drei Menschen mehr beschäftigen, als wir gerade nöthig haben. Sind sie ehrlich und arbeitsam, so hilft Gott ihnen schon weiter, wenn sie einmal rechtschaffen ins Gleis gebracht sind. Aber ehrlich müssen sie sein. Sieh, Wilhelm, ich bin reich; ich habe Alles erworben, aber noch diesen Augenblick, und wenn ich jetzt sterben sollte, so kann ich sagen: ich habe mir Alles redlich, ehrlich erworben. An meinem Vermögen klebt nicht die Thräne eines von mir Betrogenen, eines Uebervortheilten; ich habe weder meine Mitbrüder, noch mein Vaterland ausgesogen. Ich gewann Alles durch meiner Hände Arbeit, durch meine Sparsamkeit, durch meine Einsichten, und wenn Du heute nach Hamburg gehst, bin ich Dir für 100000 Mark Banko gut, wenn ich auch keinen Pfennig in der Tasche habe. Ja! Wilhelm ich will Dir helfen. Aber nicht wahr Du bist ehrlich — Du hast mich lieb?“
Mit diesen Worten schloß der edle Menschenfreund seine Rede, ergriff die Hand des jungen Mannes und drückte sie innig in die seine. Es lag etwas unbeschreiblich Ergreifendes in dem Ton der Stimme, mit welchem dieser Mann sprach. Während er sprach, stieg der Ausdruck seines Gesichtes beinah zu dem einer himmlischen Verklärung; nachdem er geendet, blieb er schweigend sitzen, ohne an dem, was um ihn vorging, Theil zu nehmen.
Ich war neugierig, den Namen dieses Mannes zu erfahren und wandte mich deshalb an einen Bekannten. Ich erhielt die Antwort: „Es ist ein reicher Fabrikherr, entweder ist er verrückt, oder wenn er es nicht ist, wird er es. Er trinkt.“