Diese Antwort machte einen fürchterlichen Eindruck auf mich. „Also,“ fragte ich mich selber: „Dieses seelenvolle Auge, das Liebe, Güte und Wohlwollen strahlt, ist der Blick eines Halbwahnsinnigen? Dieses gütige, menschenfreundliche Lächeln, das seine Lippen umspielt ist das bewußtlose Lächeln eines Blödsinnigen? Diese bedeutungsvollen, herrlichen Worte, die ich hörte, sind leere Phrasen eines Geist- und Bewußtseinlosen? Unter dieser erhabenen Stirne, die das Gepräge des tiefen Denkers trägt, kreuzen sich in gräßlicher Verworrenheit die Reste der Lichtstrahlen einer frühern, gesunden Vernunft mit den leeren Schattenbildern einer geistlosen Phantasie? Und die ganze geistige Confirmation dieses Lavaters und Galls würdigen Kopfes stürzt in sich selbst zusammen durch das Uebermaß des Genusses geistiger Getränke!“

Ich war zu bewegt — ich ging hinaus, vor die Thüre und weinte, weinte Thränen über den Fall dieses Mannes.

Ich mogte einige Minuten nachdenkend gestanden haben, als der junge Mann, den der Unglückliche Wilhelm nannte, zu mir trat, und mich folgendermaßen anredete:

„Sie haben gehört, was mein Freund mir sagte? Ich habe es wohl bemerkt. Er hat Sie in Erstaunen gesetzt? Ich glaube es wohl. Es ist mit dem Menschen nicht mehr auszuhalten. Gestern Abend hat er den fürchterlichsten Spectakel in seinem Hause gemacht; er hat Alles entzwei geschlagen. Gerufen, es gebe keinen Gott, und wenn es einen gebe, so möge er die Treppe herunter kommen und ihn holen. Ist das nicht lustig? Heute hat er schon wieder zuviel. Ich habe seiner Frau versprochen, ihn heute Abend früh zu Hause zu bringen, aber es ist hier zu gute Gesellschaft, ich will nicht gerne fort, und so laß ich ihn trinken; denn hat er ein Glas vor sich stehen, so geht er nicht vor Morgen früh zu Hause!“

Mein Unwille gegen den erbärmlichen Menschen war zu groß. Ich brach in folgende Worte aus:

„Und Sie sind sein Freund? Wilhelm, nicht wahr, Du bist ehrlich? Du hast mich lieb! Ich will Dir helfen, Wilhelm! Herr! können Sie an diese Worte zurückdenken, ohne daß Sie vor Scham in die Erde sinken!“

Der junge Mann sah mich mit großen Augen an. Ich drehte ihm den Rücken. Er ging. Ich hörte ihn die Worte murmeln: „Der ist wohl auch verrückt!“

Ich dachte bei mir: „Wer ist mehr zu bemitleiden, der, welcher den Kopf verloren, oder der, dem das Herz fehlt?

Ich trat wieder in den Salon. Es waren einige Veränderungen vorgegangen. Der Baron hatte den Platz Wilhelms neben dem wunderbaren Mann eingenommen, und unterhielt sich mit Herrn Janßen. Ich hörte folgende Unterredung:

„Sie wissen also nichts von diesem Manne?“