„Nichts, und will auch nichts von ihm wissen. Er ist zu dumm und trinkt zuviel. Er ist ein schlechter Kerl! Wie sind Sie zu seiner Bekanntschaft gekommen?“
„Das will ich Ihnen erzählen. Es sind jetzt ungefähr zwei Jahre, daß ich nach Altona kam. Ich wohnte damals in der kleinen Catharinen-Straße bei Herrn Bockendahl, einem Manne, dessen Herz lauter, wie Gold ist, und dessen Frau ein Engel auf Erden genannt werden kann. Eines Morgens ging ich spazieren, und kehrte bei Carl ein, um ein Glas Bier zu trinken. Ich mogte da wohl eine Viertelstunde gesessen haben, als ein Mann in das Zimmer trat, den ich, an dem Orden, den er im Knopfloche trug, bald für einen Holländer erkannte. Sie wissen ich bin Legitimist, Sie kennen meine Vorliebe für die braven Holländer. Ich redete den Mann auf Französisch an, und erfuhr bald, daß er ein Holländer, ein Holländischer Hauptmann sei und eine Kugel in das linke Bein erhalten habe. Zwischen zwei Soldaten ist bald Bekanntschaft gemacht. Der Capitän war ein braver Legitimist, wie ich. Kein Wunder, daß wir uns convenirten. In kurzer Zeit wußten wir Beide, wer wir waren. Ich erfuhr durch ihn, daß er Familien-Verhältnisse wegen Holland verlassen, zu einer der bedeutendsten Familien seines Landes gehöre, mit derselben sich aber überworfen und nun sich in Hamburg niedergelassen habe. Außerdem gab er sich mir, als Doctor utriusque juris zu erkennen, und, daß er gesonnen sei, eine Zeitschrift herauszugeben, wenn er hier Mitwirkung fände. Sie können leicht denken, daß der Mann mir immer interessanter wurde, denn es war längst mein Wunsch bei der Redaction einer Zeitschrift als Mitarbeiter angestellt zu werden. Ich gab ihm dieses zu erkennen. Er schien es mit Freuden aufzunehmen, und bei einigen Gläsern Genever wurde unsere Zeitung schnell fertig, welcher er den Titel: „Zeitung von St. Pauli“ geben wollte. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, daß in dem ganzen Wesen des Doctor-Capitäns ein großer Ernst lag; dazu kam die Holländische Gelassenheit, die Sicherheit, mit welcher er von dem Erfolg seiner Plane sprach — daß ich von jeher ein unüberlegter Mensch war — und Sie werden leicht glauben, daß ich wähnte, meinen Mann gefunden zu haben. Wir trennten uns sehr zufrieden Einer von dem Andern und gaben uns unsere Adressen und auf den kommenden Tag ein Rendez-vous auf demselben Platze. Wie vergnügt kehrte ich zu meinem Bockendahl zurück! Ich sah mich im Geiste als Redacteur der französischen, englischen und deutschen Artikel der Zeitung von St. Pauli! Auch Bockendahl wurde sogleich mit angestellt und Wienbarg, Wille, Florencourt, und Flor sollten gebeten werden, meine neue Zeitung durch literarische Mittheilungen ihrer beliebten und glänzenden Talente zu unterstützen, denn, wie natürlich, sollte die Zeitung ein literarisches Feuilleton haben! Die Tendenz der Zeitung, die Raisonnements derselben sollten zwar legitimistischer Art sein, außerdem aber eine vollkommene Toleranz der Meinungen in ihr herrschen, damit sie sich dem Zeitgeiste anschlösse und viele Leser finden würde.
Am folgenden Tage begab ich mich nach Carl, wo ich meinen Holländer schon vorfand. Er schien aber sehr verstimmt zu sein und schon einige Genever genossen zu haben. Als ich erschien, heiterte sich sein Gesicht etwas auf. Ich ließ mich bei ihm nieder. Nachdem er einige Züge aus seiner Cigarre gezogen hatte, sagte er mir leise:
„Es ist heute Morgen schon Jemand von der Polizei hier gewesen, der sich nach Ihnen erkundigte. Haben Sie etwas mit der Polizei zu thun? Es ist aber einerlei, ich kenne Fischer sehr gut; es hat nichts zu sagen.“
„Ich habe in meinem ganzen Leben nichts mit der Polizei zu thun gehabt,“ erwiederte ich. Der Holländische Doctor that wiederum einige Züge aus seiner Cigarre, dann nährte er seinen Mund meinem Ohre und flüsterte:
„Sie sind hier neulich dem Wirthe Geld schuldig geblieben. — Das müssen Sie nicht thun. Ich habe für Sie bezahlt.“
Ich sah den Mann verwundert an; weil aber Gutmüthigkeit und Dankbarkeit ein Hauptzug in meinem Character ist, so dankte ich ihm herzlich.
„Ich helfe immer gern einem Ehrenmanne!“ war seine Antwort. „Wir werden bald Geld genug aus Holland bekommen.“ Er rauchte weiter und trank mit zitternder Hand ein Glas Genever.
Wir blieben noch einige Zeit dort sitzen. Alsdann schlug er mir vor, etwas spaziren zu gehen, welches ich mit Freuden annahm. Kann man sich ein größeres Vergnügen denken, als an der Seite eines wohlwollenden Freundes an einem schönen Sommertage um die wundervollen Anlagen der Hamburger Wälle zu gehen! Die schöne Natur! Die reizenden Umgebungen! Die schwellenden Segel der Schiffe! die hohen Kirchthürme der Königin der Meere! Alles dieses machte einen angenehmen Eindruck auf mich.
Wir gingen wohl mehre Stunden. Mein Doctor wurde immer stiller. Endlich sprach er: