„Morgen,“ antwortete er. „Die Geschichte ist lang und traurig. Den heutigen Abend soll sie uns nicht verderben. Laßt uns nach dem Jungfernstieg gehen!“

Wir nahmen den Vorschlag an und befanden uns bald auf der weltberühmten Promenade. Wir mischten uns unter die Lustwandelnden und schlenderten Arm in Arm, die Cigarre im Munde, den Jungfernstieg auf und nieder. Welch ein Gedränge! Welch eine Masse der verschiedensten Menschen wandelt hier auf und ab! Der reiche Kaufherr, der zierliche Elegant, der behende Ladendiener, der stolze Engländer, der lustige Franzose, der ernste Türke, der berühmte Literat, der glücklich und unglücklich Liebende, der reiche Russe, der schöne Pole, der blonde Däne, der regierende Herr und der zerlumpte Bettler — sie Alle ergehen sich hier und keiner kümmert sich um den Andern! Die stolze Hamburgerin, die fremden Prinzessinnen, die schmachtenden Engländerinnen, die geputzten Dienerinnen der Freude, gehen hier neben einander auf und nieder. Wahrlich! Was die Promenade des ausgezeichnetsten Badeorts in der besuchtesten saison ist, das ist der Jungfernstieg in Hamburg für jede saison, jeden Tag! Reisewagen, Cabriolets, Omnibus, Droschken, Couriere, Reuter und Reuterinnen hoch zu Roß fliegen vor den Blicken der Lustwandelnden vorüber! Die schönsten Harmonien ertönen aus den umliegenden Cafée-Häusern, und der Glanz und die Pracht der gegenüberliegenden Putz- und Mode-Handlungen, fesselt die Blicke der Spatziergänger. Doch schöner, wie alles dieses ist, das liebliche Bassin der Alster, auf dessen sanften Wogen ein festlich geschmückter Nachen dahingleitet, und Hunderte von blendweißen Schwänen in stolzer Majestät die krystallenen Fluthen durchschneiden! in dessen lieblich spielenden Wellen der Mond sein glanzumflossenes Bild erblickt, oder die Sonne ihre glänzenden Strahlen in die kühlenden Ringellocken der Alster taucht! dessen blaulicher Grund wohl manche Klage unglücklicher Liebe verschlang, oder dessen Oberfläche, in lauer Sommernacht, glücklich Liebende, in leichten Segelkähnen, fern von dem Geräusche der Menschen, an das verschwiegene, jenseitige Ufer trug! Schön bist du stets, Ocean, du Ungeheuer! Doch lieblicher bleibt doch immer das durch Kunst gebändigte Element in dem schönen Bassin der Alster!

Meine Leser, besonders die Hamburger, werden mir leicht diese kurze Lobeserhebung des Jungfernstieges und des Alster Bassins vergeben. Wahr ist es! In den größten Städten der Welt ist nicht ein so lieblicher Spaziergang zu finden! Um die Annehmlichkeit desselben recht zu empfinden, setzten wir uns vor dem Alster-Pavillon nieder, ließen uns einige Glas Arack-Punsch geben und betrachteten die Vorübergehenden. Jemehr es Abend wurde, jemehr nahm die Menschenmasse zu, und als nun gar das Theater vorbei war, da war fast kein leerer Punct Erde auf dem Jungfernstieg zu finden!

„Es ist sonderbar,“ nahm nach einigen Augenblicken der Baron das Wort, „daß es Tage giebt, an welchen man jeder Sache nur die traurige Seite abgewinnen kann. Wo selbst die lieblichste Erscheinung das Gemüth mit wehmüthiger Trauer erfüllt. So ging es mir heute bei Tische, beim Erblicken des Fräuleins, so geht es mir jetzt, indem ich hier mit Euch verweile, allen Grund habe fröhlich zu sein, und doch traurig bin. Wie viele angenehme Bilder regt der Anblick dieser schönen Promenade, dieser Pavillon nicht in mir auf. Warum muß ich nun gerade an das denken, was mir jede Freude in der Rückerinnerung vergangener, an diesem Orte verlebter Stunden, Augenblicke verdirbt!? Hier war es, wo ich zum ersten Male meinen Namen gedruckt in den Blättern der Börsenhalle las! Mit welcher inneren Bewegung, mit welcher Aengstlichkeit, welcher Erwartung verschlang ich die Ankündigung meines Werkes durch Franz von Florencourt! Mit welchem steigenden Entzücken durchflog ich sie bis zum befriedigenden Ende! Die Sucht nach Ruhm, die Eitelkeit zu glänzen, als Literat genannt zu sein, war befriedigt. Wohl kein siegestrunkener Feldherr, nach gewonnener Schlacht, konnte ein stolzeres Gefühl empfinden, als ich nach Beendigung des Lesens dieses Artikels! Der schöne Traum ist vorüber, meine Memoiren sind gelesen, sie und ich vergessen! — Hier an diesem Orte war es, wo ich die ersten Stunden mit Wille, Florencourt und Wienbarg im angenehmen Austausche unserer Ideen, im geistigen Ringen unserer Kräfte, im glänzenden Wechsel-Gefechte unserer Kenntnisse, unseres Verstandes, unserer Lebens-Ansichten, unserer politischen und religiösen Meinungen, nicht erlebte, sondern wirklich erst das Leben verstehen lernte! Hier war es, wo Wienbarg, aufgeregt durch eingetretene Verhältnisse, in glänzender Beredsamkeit die Kraft und Gediegenheit seiner geistigen Facultäten in fließenden Worten entwickelte, den kleinlichen Egoismus bei Seite warf, sich dem Menschen als großherziger Mensch zeigte, und mit wohlwollenden Gesinnungen den Novizen der Literatur, wenn gleich verschiedener Ansicht, freundlich begrüßte! Hier war es, wo Franz von Florencourt, die Gemüthlichkeit seines Herzens, und in ruhigen, klaren, überlegten Worten seine Vernunftsbelege pro et contra entwickelte; rein und edel in seinen Gedanken, klar und verständlich in seiner Rede, glühend als Patriot und Republikaner, doch Freund der Ordnung und Mäßigung. Hier war es, wo Wille angenehm in Umgang und Wesen, suaviter in modo et fortiter in re, mit glänzender Beredsamkeit und stachelndem Witze, die Schärfe seiner Urtheilskraft, das blitzschnelle Durchdringen und Auffassen des Gegenstandes in bewunderungswürdiger Gewandtheit, Geläufigkeit der Zunge und wohlklingender Sprache zeigte; freundlich dem Fremden die hülfreiche Hand bot und sich so gescheut, als herzlich und gutmüthig erwies. — Wohl könnt Ihr es Euch denken, wie wohl ich in der Gesellschaft solcher Männer mich befand, denn die Empfänglichkeit und Anerkennung großer und guter Eigenschaften Anderer war von jeher ein guter Zug meines Charakters. Wie schön! wie herrlich dachte ich mir das Leben mit diesen Männern. Wie groß, wie belehrend, wie ruhmvoll gestaltete sich meine Zukunft durch ihren Umgang, ihre Freundschaft, ihre Unterstützung, ihre Schule! Eingeführt durch Wille, Wienbarg und Florencourt in die literarische Welt öffnete sich mir ein schönes, weites Feld literarischer Thätigkeit, ein glänzender, ruhmvoller, nützlicher Erwerbszweig! — Doch:

„Wildzürnend schleudert selbst der Gott der Freude

Die Fackel in das brennende Gebäude“ — — —

Ich stehe jetzt einsam und verlassen in dieser Welt. Kein Freund der mich liebte! und doch bedarf kein Herz mehr des freundschaftlichen Umgangs, als das meine! Nur ein Wesen giebt es, das mich liebt, meine Louise! Nur wenige gute Menschen giebt es, denen ich theuer bin, meine Mutter, meine Schwestern! und auch der Gedanke an sie ist mir ein trauriger und vorwurfsvoller Gedanke!

„Es ist fürchterlich,“ fuhr der Baron in erstarrender Kälte fort, „allein in dieser Welt zu stehen! In seiner eigenen Brust die ganze Qual eines durch sich selbst zernichteten Lebens zu empfinden, das so schön, so rosig, so lächelnd vor einem lag! In dem Anblick der Geliebten, der Seinigen einen ewig nagenden Kummer zu erblicken; vor dem freundlichen Entgegenkommen, dem liebevollen Lächeln derselben zurückzubeben, und in dem warmen Handdruck der Liebe die kalte, eisigkalte Hand des bösen Gewissens zu empfinden! An einen Fremden sich mit der wahnsinnigen Kraft einer nach Mittheilung und Erguß dürstenden, lechzenden Seele zu klammern und selbst in dem Entgegenkommen, in den freundschaftlichen Versicherungen eines elenden Mannes eine Wonne zu finden, nur, weil es ein Mensch ist! Tod und Teufel, Aristipp! Was hilft es uns in einer Welt zu leben, die nur nach dem Scheine richtet, unter Christen zu leben, die nie an die Besserung eines verirrten Mitbruders glauben.“

„Du bist wohl nicht klug heute!“ bemerkte Bleicamb. „Trink Thee Bruder und lies den Josephus!“

„Du hast Recht! Ich bin nicht klug, ich bin wahnsinnig, aber gerade in meinem Wahnsinn habe ich die einzigen lucida intervalla meines Lebens. Für mich ist die ganze Welt ein Tollhaus und ich der einzige Tolle darin!“