„Wissen Sie wohl“ sagte Hippias, „daß man sich nie so weit gehen lassen darf, wie Sie es thun. Das ist unmännlich. Lassen Sie die Welt richten, wie sie will; so lange Sie nicht die Achtung vor sich selbst verloren haben, so lange brauchen Sie nicht zu verzweiflen! Fassen Sie Muth, arbeiten Sie, schreiben Sie und benutzen Sie die herrlichen Talente, welche Ihnen die Natur gab.“

„Vortrefflicher Rath! Wer aber giebt mir Arbeit? Wer kauft mir meine Schriften ab? Wer verschafft mir eine Anstellung? Ich kann nicht kriechen, ich kann nicht schmeicheln, und dann habe ich immer meinen Titel, meinen Ruf gegen mich, und, wenn ich es sagen darf, auch meinen Verstand, meine Kenntnisse. Wer nähme wohl gerne einen gefährlichen Diener. Man kennt den Grund der zwölf Arbeiten des Herkules. Leider giebt es jetzt keine lernäische Schlangen mehr zu besiegen! Meine Grundsätze, meine religiösen und politischen Ansichten stehen in offenbaren Widerspruch mit dem Geiste, welcher hier zu Lande herrscht. So bin ich auch für die Emancipation der Juden.“

„Ich auch!“ unterstützte ich den Baron um ihn von seinen Selbstbetrachtungen weiter abzubringen. „Ich sehe es nicht ein, warum man den Juden nicht das volle Staatsbürgerrecht ertheilen soll. Ein in Holstein geborner Jude, ist ebenso gut ein Holsteiner, als ich. Er bezahlt dieselben Abgaben, was noch mehr ist 13 Mark Schutzgeld mehr, als jeder Christ, steht unter derselben polizeilichen Aufsicht, in Criminal-Fällen unter derselben Gerichtsbarkeit; aber er darf nur in Altona, Friederichsstadt, Rendsburg und Elmshorn Grund und Boden besitzen; er darf auf der Landes-Universität studieren und darf Arzeneikunst und Advocatur, unter Beschränkungen treiben! Aber ihm das volle Staatsbürgerrecht zu ertheilen, das ist gegen das s. g. christliche Staatsinteresse! — „Wenn wir den Juden das Staatsbürgerrecht ertheilen wollten,“ sagte neulich ein hoher Beamter zu mir, „so würden wir gerade so handeln, wie ein Feldherr, der seine Feinde in die Reihen seiner Soldaten aufnehmen würde. In ganz Europa herrscht jetzt ein christlicher Staaten-Verband und eine christliche Gesellschaft; wir würden also gegen unser Gewissen und unsere Pflicht handeln, wenn wir einem Juden auch nur das allerkleinste bürgerliche Amt, die allerkleinste Wirksamkeit anvertrauten und gestatteten, denn er würde feindlich in die bestehende Ordnung der christlichen Gesellschaft eingreifen. Weil also die Juden die Feinde der großen christlichen Gesellschaft sind; so dürfen wir sie uns nicht gleich stellen. Wenn wir nun diese große, christliche Gesellschaft näher betrachten, so werden wir finden, daß sie gar nicht existirt, wenigstens nicht im Sinne der Lehre Jesu. Wir haben jetzt Katholiken, Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Mennoniten, Griechen, Herrnhuter, Socianer, Wiedertäufer, oder, wie alle jene Sekten heißen mögen. Jede Seite erkennt in der anderen ihren Feind und haßt sie, jede hält sich für die echtchristliche, rechtgläubige. Die römisch, katholischen, apostolischen Christen gehen sogar in unsern südlichen Ländern soweit, alle Nichtkatholiken als Juden anzusehen. Sie sind aber alle unchristliche Sekten, weil sie sich unter einander hassen und vor Parteiwuth schäumen. Die Basis der christlichen Lehre ist Liebe, Eintracht! „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst,“ der Grundpfeiler des christlichen Glaubens. Alle diese verschiedenen Sekten beweisen die Wahrheit ihrer Lehrsätze aus demselben Buche, aus denselben Sätzen, aus welchem und durch welche die anderen den Irrthum beweisen. Die Juden thun dasselbe. Sie haben sogar den Vorzug, daß sie uns diese Lehren aufbewahrt und mitgetheilt haben, daß der Stifter unserer Religion und seine Apostel Juden waren. Schon aus Dankbarkeit für diese Ueberlieferungen sollte man sie uns gleich stellen. Haben die Juden in einem unglücklichen Mißverstande den Erlöser und seine Apostel verfolgt und gekreuzigt, so bedenke man, wie viele Lutheraner und Reformirte das Opfer des Katholicismus geworden sind! Will man also aus diesem Grunde, aus vor 1840 Jahren begangenen Feindseligkeiten den Haß der Juden gegen die Christen herleiten, so blicke man auf die Gräuelscenen einer Bartholomäus Nacht zurück, und folgere daraus, daß in einem lutherischen Staate, oder wo die lutherische Religion die überwiegende oder Staatsreligion ist, auch keinem Katholiken das allerkleinste Amt anvertraut werden dürfe, weil der Katholik ein erklärter Feind des Lutheraners ist, und umgekehrt. Das christlich-lutherische Staatsinteresse ist ebenso sehr gefährdet durch die Ertheilung des Staatsbürgerrechtes an die Katholiken als an die Juden; und kann es einem Katholiken ertheilt werden, so mit demselben Rechte können es die Juden verlangen. Von einer allgemeinen, christlichen Gesellschaft und Verbrüderung kann überhaupt gar nicht die Rede sein, weil jede der verschiedenen Sekten der Todfeind der anderen ist, und den andersglaubenden Christen, ebenso gut, als einen Nichtchristen betrachtet; folglich ihn ebenso gut, als einen Feind ihres Glaubens anzusehen hat, als den Juden; oder diesem dieselben Rechte ertheilen kann, als jenem. Ein Hauptargument gegen die armen Juden bleibt aber immer „von dem christlichen theologischen Standpunkte“ aus betrachtet: „der Finger Gottes, weil sie nach der Weissagung des Messias aufgehört haben ein eigenes Volk zu sein, und jetzt noch zerstreut unter den Völkern leben:“ weil ihr Volk einst „den Heiligen des Herrn“ verworfen hat! Deßhalb sollen sie also nach 1840 Jahren noch büßen! Deßhalb das unschuldige Kind, das Vergehen seiner vor 1000 Jahren vermoderten Voreltern noch tragen! Deßhalb sollen sie noch heute zu Tage verdammt sein! Ein Volk verdammt sein, für das Christus, der sterbende Christus am Kreuze, seine letzte Bitte an den Gott der Gnade und Barmherzigkeit mit den Worten richtete: „Vater! vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“ Wenn Christus ihnen vergeben hat, so hat es Gott ja auch, denn Vater und Sohn sind ja Eins! und ist dieses geschehen, so können auch die, welche sich Christen nennen, auch ihnen vergeben, da sie ja sonst so außerordentlichen Werth auf das Wort legen! Dieses Wort, dieser todte Buchstabe ist es ja gerade, der alle jene Zwistigkeiten, Gräuelscenen seit undenklichen Zeiten hervorgerufen hat! der den Bruder zum Mörder des Bruders gemacht hat, und ganz Europa mit Blut überschwemmte! Warum denn, wenn wirklich eine wohlwollende, christliche Handlung begangen werden kann — warum dann alleine soll das Wort, der todte Buchstabe, nicht in Anwendung gebracht werden!!!!! Darin liegt das Unglück der Welt, daß wir nicht den Geist der christlichen Lehre aus der Bibel schöpfen, sondern, daß wir durch hunderttausend verschiedene Interpretationen und Auslegungen des Wortes unsere eigenen, menschlichen Gedanken ihm unterschieben; so wie es die erbärmliche Parteisucht und der intolerante Kasten-Geist es uns zweckmäßig erscheinen läßt.“

„Du sprichst meine eigenen Ansichten aus,“ unterbrach mich der Baron. „Die christliche Lehre und die christliche Kirche sind zwei ganz verschiedene Größen. In der einen herrscht Toleranz, Vergebung seinen Feinden, Liebe, Eintracht und Demuth, oder der wahre Geist Christi; in der andern Intoleranz, Verfolgung seiner Mitmenschen, unerbittliche Strenge, Stolz, Haß und Egoismus, oder der Geist der Hierarchie der Priester, sei es welcher Sekte es sei. Wenn wir also eine allgemeine christliche Gesellschaft oder Gemeinde in Europa annehmen; so irren wir sehr, weil sie es nur dem Namen, nicht aber ihren Handlungen nach ist. Und ebenso, wie die orthodoxen Katholiken in Frankreich die reformirte Kirche nie anders benennen, als l’église prètendue reformée, oder die „vorgeblich verbesserte christliche Kirche;“ so können wir die allgemeine christliche Gemeinde auch wohl nicht anders benennen, als die allgemeine „vorgeblich“ verbesserte christliche Gemeinde oder Kirche in Europa. Wir glauben außerdem Alle an einen Gott, und vor dem höchsten Wesen existirt hoffentlich kein Unterschied zwischen Juden und Christen, denn dieses würde sich nicht mit der Gerechtigkeit des höchsten Wesens reimen. Wenn die Juden also vor Gott gleiche Rechte mit den Christen haben, so sehe ich nicht ein, warum wir ihnen diese nicht mit uns auf der Erde statuiren wollen. Das Staatsinteresse kann bei dieser Frage gar nicht in Betracht kommen, weil es dem Staate einerlei sein kann, zu welchem Glauben seine Bürger gehören, wenn sie fleißig, arbeitsam, ordentlich und ruhig leben; und in dieser Hinsicht übertreffen die Juden die Christen. Geschieht die Verweigerung des Staatsbürgerrechtes also nur aus dem Grunde, weil man den Einfluß des mosaischen Glaubens auf die Gemüther der christlichen Bürger befürchtet; so ist es wahrlich! sehr zu bedauern, daß die christliche Kirche nach 1840 Jahren noch solchen Befürchtungen sich überlassen kann! Ist es die Pflicht der christlichen Gemeinde für die Verbreitung des christlichen Glaubens eifrig zu sorgen, so wird sie weit eher dazu gelangen wenn sie sich liebevoll und tolerant gegen die Andersgläubigen benimmt, ihnen gleiche Rechte einräumt, als wenn sie durch den Druck die siegende Gewalt der mächtigern Religions-Partei dieselben empfinden läßt. Eifern wir doch gegen den Druck und die Beschränkungen, welchen die christlichen Gemeinden und ihre Mitglieder in den mohamedanischen Ländern unterworfen sind! Können wir mit Recht den Muselmännern diesen Vorwurf machen, wenn wir die Juden in einer gleichen, wenn auch nicht so barbarischen Unterdrückung erhalten? Wir sehen stets den Splitter in anderer Leute Augen und vergessen darüber den Balken in unsern eignen. Ich bin daher für die Emancipation der Juden, und wenn ich weder ein Staatsmann, noch ein berühmter Mann bin; so sagt es mir doch das menschliche Gefühl in meiner Brust, daß es Zeit sei, ein ungerechtes Vorurtheil gegen eine unschuldige Nation abzulegen. Nicht die Ertheilung des Staatsbürgerrechtes an die Juden wird den s. g. vorgeblich christlichen Gemeinden den Todesstoß versetzen, wohl aber die Intoleranz derselben. Von Tage zu Tage tritt die Spannung der verschiedenen christlichen Confessionen greller hervor; gegenseitige Repressalien erhöhen dieselben, die Streitigkeiten über die gemischten Ehen säen Feindschaft und Groll unter die Familien; die Vorfälle in den Niederlanden, in England und in Preussen, das Auflehnen der Erzbischöfe gegen die Königliche Gewalt; die fanatischen Rundschreiben beider Parteien beweisen deutlich von welcher liebevollen Eintracht die Mitglieder der allgemeinen, christlichen Kirche gegen einander erfüllt sind. Es steht Alles auf dem Spiele, wenn die verschiedenen Religions-Parteien es nicht endlich einsehen wollen, daß nur Toleranz und Duldung, Nachsicht und Verzeihen die Basis der Lehre Jesu sind! Bald wird auch bei uns politische Ansicht mit religiöser Meinung sich mischen und der Kampf auf Leben und Tod, Religions- und Glaubens-Krieg, die Anhänger, die s. g. Anhänger Christi wieder zerfleischen, dessen letzte Worte waren: „vergebt Euren Feinden!“ Das sind die jammervollen Folgen welche, aus der Intoleranz der Priester entsprungen sind, und wieder entspringen werden!“

„Nun, bei Gott!“ rief Herr Herrmann Bleicamb aus. „Ich dachte, wir wären hier um eine fröhliche Unterhaltung zu führen, und nun wird gar über Emancipation der Juden, Krieg und Gott weiß was geredet! Ihr seid ja noch ärger, wie der Dr. Steinheim, und seid doch beide getaufte Christen. So wahr ich Herrmann Bleicamb heiße, wenn Ihr nicht bald dem Dinge ein Ende macht, so laß ich Euch peroriren und gehe mit Hippias anderswo hin. Was soll das? Trinkt Euren Punsch in Ruhe, und macht nicht solch ein Geschrei, daß alle Vorübergehenden stille stehen und Euch anglotzen. Paßt sich eine solche Unterredung an einem solchen Orte? Und nun wieder vorby!“ —

„Wir haben etwas viel und laut gesprochen, das ist wahr,“ sagte ich.

„Thut nichts!“ meinte der Baron. „Meine Ansichten mögen alle Menschen kennen lernen! Auf die baldige Emancipation der Juden!“ rief er, ein Glas ergreifend. „Wer die Wahrheit kennt, und von der Wahrheit seiner Ueberzeugung durchdrungen ist, der ist ein elender Kerl, wenn er sie nicht offen, laut und deutlich ausspricht! Noch einmal: auf die Emancipation der Juden!“

Wir stießen an.

„So mögen alle die zerschmettert werden, die dawider sind!“ fuhr er fort, sein leeres Glas auf den Boden schmetternd.

„Sie predigen Toleranz, Liebe, Friede und Eintracht und hegen einen solchen Wunsch?“ rief mit einem Male eine fremde Stimme. Wir sahen uns um. Es war Niemand mehr zu sehen. Der Baron fuhr zusammen, dann sagte er ernst: „Es ist lächerlich in der That, Aristipp, andere Leute ihrer Fehler wegen herunterzureißen, und einige Augenblicke darauf in denselben Fehler zu fallen! Der Mensch ist der Raub des Augenblickes, die Stimmung in welcher er sich gerade befindet, dictirt ihm seine Worte. Nur der ist ein Mann zu nennen, der sich nicht von seinen Gefühlen bemeistern läßt, und der in einer steten, gleichbleibenden, ruhigen, überlegten Geistes Verfassung sich befindet. Man muß erst ganz im Reinen mit sich selbst sein, fest und unerschütterlich, gleich in seinen Handlungen und Worten, ehe man es sich erlauben darf über Andere zu urtheilen. Lassen Sie uns aufbrechen.“