Wir gingen einige Male den alten und den neuen Jungfernstieg auf und nieder, besahen die Alsterhalle, die dort anwesenden Schönen und kehrten, da es schon ziemlich spät geworden, in den Keller des Herrn Langewisch am Neuenwall ein, um die Elasticität des Magens des Herrn Bleicamb zu bewundern. Der Baron ergriff die Neue Hamburger Zeitung, Hippias den Hamburger Beobachter und Bleicamb den Freischütz. Da ich schon früher viel in diesem Keller gewesen war, und den Wirth sehr gut kannte, so entspann sich folgendes Gespräch unter uns:
„Nun, wie geht es, Herr Langewisch?“
„Muß gut sein, Herr Aristipp.“
„Sie sehen nicht vergnügt aus?“
„Die Zeiten sind zu schwer. Man muß die ungeheure Miethe bezahlen, hat die täglichen baaren Auslagen und verliert zu viel, weil man borgt. Denken Sie sich nur, da ist der große, dicke Herr Mannhart, den Sie hier öfteres gesehen haben, der ist mir mit 60 Mark durchgegangen, und der Norton, der in Brasilien und, Gott weiß, wo er gewesen, mit 120. Außerdem habe ich noch viele kleine Verluste gehabt. Dabei soll man ein ehrlicher Mann bleiben, die ungeheuren Abgaben bezahlen, das ist nicht möglich, Herr Aristipp!“
„Es thut mir leid für Sie, Langewisch, denn Sie sind ein rechtschaffener, guter Mann, und ein aufmerksamer Wirth; aber Sie sind zu gutmüthig und haben den Fehler der meisten Hamburger: Sie lassen sich imponiren und zwar durch ein grobes, anmaßendes Wesen, einen feinen, reichen Anzug, eine goldene Uhr und Kette. Wer auf diese Weise angethan ist, vielleicht ein oder zweimal bei Ihnen gewesen und bezahlt hat, dem geben Sie Credit, weil er Alles schlecht findet, was Sie ihm vorsetzen, mehre Schüsseln durchprobirt, und dann zuletzt gebietrisch sagt: schreiben Sie es an, Langewisch! Wer Sie auf solche Weise behandelt, das muß ein reicher Mann sein, außerdem logirt er in der alten Stadt London, wie er sagt, bezahlt täglich einen Louisd’or für sein Logis — das ist ein Mann, eine Kunde, die warm gehalten werden muß! Der reiche Mann kommt täglich wieder, benutzt den gewonnenen Credit, und eines schönen Tages ist der reiche Mann zum Teufel und mein Langewisch um sein Geld! Kommt aber ein schlichter, stiller, ruhiger Mann zu Ihnen, schlecht gekleidet, der sich mit einiger Aengstlichkeit bewegt, und Ihnen mit stotternder Stimme sagt: Herr Langewisch — ich habe kein Geld bei mir — wollen Sie wohl so gut sein, mir etwas Credit geben — ich werde es Ihnen in vierzehn Tagen bis drei Wochen wiedererstatten — dem Manne schlagen Sie es ab, denn er imponirt Ihnen nicht, trägt keine goldene Kette und keine goldene Uhr! und dieser Mann gerade würde Sie bezahlt haben! Die Aengstlichkeit, mit der er auftritt, ist der Abscheu gegen das Schuldenmachen; der Grund der stotternden, schüchternen Bitte liegt darin, daß er bisher nicht gewohnt war, um Credit anzusprechen, und wenn er um eine längere Frist bittet; so geschieht es nur, weil er ganz gewiß sein will auf den Point, wie man es nennt, sie wieder zu bezahlen. Ich habe diese Betrachtungen häufig in Hamburg und der Umgegend angestellt und sie fast immer richtig befunden.“
„Glauben Sie mir, Herr Aristipp, es ist keine Kleinigkeit, hier Wirth zu sein. Ohne Credit zu geben, kann man nicht bestehen, reiche Kunden darf man nicht ungestüm mahnen, die ärmeren können oft nicht, wenn sie auch wollten, bezahlen. Die bösen Schuldner, wenn es nicht eine große Summe ist, verklagen, einsperren lassen, ist Thorheit, denn man muß sie ernähren. Dabei soll Alles herbeigeschafft werden, der baare Schilling ausgegeben, Weib und Kind ernährt werden! Ich versichere Sie, es wird einem oft schwül zu Sinne dabei!“
„Ich will es gerne glauben. Es ist nicht leicht möglich, jedem Fremden an der Nase anzusehen, was es für ein Vogel ist. Bei der Masse von Fremden, die in Hamburg und der Umgegend sich aufhalten, ist es natürlich, Gauner und Spitzbuben unter ihnen zu finden. Der täglich steigende Luxus vermehrt die Kosten eines jeden Etablissements. Was Peter hat, will Paul auch haben. Bald muß ein neuer, großer Wandspiegel die Stelle des kleinern vertreten, die Tische müssen mit Marmorplatten belegt, und ein Billard muß angeschafft werden. Hat man sich früher mit dem Hamburger Correspondenten, dem Beobachter, dem Erzähler begnügt; so müssen jetzt die Hamburger Neue Zeitung, die Hamburger Nachrichten, der beliebte Freischütz, der Altonaer Merkur, die Zeitung und die Blätter der Börsenhalle, das Kieler Correspondenz-Blatt, das vortreffliche Itzehoer Wochenblatt, die Lesefrüchte und der Freihafen, ja wo möglich noch eine Englische Zeitung gehalten werden! Das kostet Alles Geld und muß baar bezahlt sein. Ich will es Ihnen gerne glauben, daß es nicht leicht ist, als Wirth in Hamburg zu bestehen. Sie sind indessen noch jung, kräftig, haben ein wackeres Weibchen und so wird die Geschichte wohl gehen.“
„Wir wollen es hoffen. Ich thue mein Möglichstes um meine Gäste zufrieden zu stellen.“
„Das ist wahr! Ich werde Sie empfehlen, wo ich nur kann, denn Sie verdienen es.“