„Es ist mir unmöglich, Aristipp,“ begann er nach einigen Augenblicken, „dieses Glockenspiel zu hören, ohne von einer süßen, wehmüthigen Empfindung ergriffen zu werden! Wie rein, wie klar hallen diese Töne durch die heitere Luft des Morgens bis in die tiefste Tiefe der Seele hinein! Es ist mir, als ob es die vox humana wäre, die den Menschen ermahnte, vom frühen Morgen an, menschlich zu empfinden, menschlich den Tag über zu handeln. Wenn sie aber in immer steigenden zitternden Tönen nach und nach unter dem Dome des Himmels sich klagend verliert, so kommt sie mir vor, wie die klagende Stimme der betrübten Mutter, die dem geliebten Sohne Vorwürfe über die in unedler Schwelgerei hingebrachten Stunden des vorigen Abends, der vergangenen Nacht mit Schonung, Ernst und Liebe zu machen pflegt. Ich kann mir kein traurigeres Bild denken, als das der weinenden Mutter, kein schöneres, als das der Mutter des Heilandes mit dem Kinde von Raphael, kein schöneres Gedicht, als die Wallfahrt nach Kevlar von Heine. Es ist nicht zu leugnen, Aristipp, daß ein gewisses Gefühl für das Geheimnißvolle, das Religiöse, bei der geringsten Anregung von Außen in uns erwacht. O, daß wir dieses Gefühl nicht länger zu fesseln verstehen, und es in dem rauschenden, nichtigen Tumulte des Tages verlieren oder betäuben müssen! Es ist mir unbegreiflich, wie ein denkender Mensch das Dasein eines Gottes, den Glauben an Unsterblichkeit der Seele leugnen und aufgeben kann; da in unserm Innern, bei der leisesten Berührung, ein Gefühl rege wird, welches uns über die Nichtigkeit dieses Lebens erhebt, und mit einer mysteriösen Ahnung von dem Dasein eines höhern Wesens, mit einer unbegreiflichen Sehnsucht und Wehmuth nach dem Edlern und Bessern, was wir freilich noch nicht kennen, erfüllt. Die Wehmuth, die Betrübniß, welche wir in solchen Augenblicken empfinden, entsteht aus den Vorwürfen, welche wir uns machen müssen, oder welche unser Gewissen uns macht: daß wir, trotz dem, daß unsere unsterbliche Seele dem Reinen und Schönen entgegenstrebt, wir sie stets durch die Gewalt der irdischen und thierischen Triebe in uns zur Erde niederreißen, und auf diese Weise ihre göttlichen Schwungfedern hemmen. Hast Du es wohl bemerkt, wie der Sonnen-Adler, dessen Fittige beschnitten, stets sie prüft, um zu den lichten Regionen empor zu schweben? wie er mit den strahlenden Augen die Zonen des Himmels mißt, und stets nach Oben das Haupt wendet? So ist es mit unserer Seele auch, sie will stets dem Höchsten sich nahen, und nur der Körper, in welchem sie nach unerklärlicher Vorschrift eingeengt ist, hält sie zurück die Fesseln zu brechen. Du magst es nun glauben, Aristipp, oder nicht, es giebt keinen Menschen auf der Welt, durch dessen wildbewegten Lauf des Lebens sich deutlicher der rothe Faden der Religiösität, des Glaubens, der Ueberzeugung an das Dasein eines Gottes, der Unvergänglichkeit der Seele windet, als gerade mich selbst.“

„Ich habe nie daran gezweifelt, Baron. Aus diesem Grunde geschah es auch, daß ich, wo ich es konnte, Deine Partei nahm.“

„Ich habe auch mehrere Gründe zu glauben, als andere Menschen,“ fuhr der Baron fort. „Ich habe Zeichen und geheimnißvolle Einwirkungen erhalten und empfunden, die diesen Glauben in mir wunderbar bestätigt haben. Da Hippias und Bleicamb noch schlafen, so werde ich Dir Einiges darüber mittheilen. Ich verlange nicht, daß Du es glauben sollst, aber Du wirst gestehen, daß diese Zufälligkeiten merkwürdiger Art waren. Ich befand mich auf dem Gute meines Oheims in der Provence. Ich hatte die Absicht nach Spanien zu gehen, um in die Dienste der Königin zu treten, da ich nicht zu Don Carlos gelangen konnte, ohne meinen Onkel zu compromittiren. Der Tag der Abreise war da. Um ein Uhr in der Nacht verließ ich das Landhaus meines Oheims, um mich nach La-Ciotat, der Poststation, zu begeben. Der Abschied von meinen treuen Wirthen war mir schmerzlich. Ich wandelte in dem geheimnißvollen Dunkel der Nacht den Weg meiner Bestimmung zu. Ueber mir thronte der provençalische Himmel, zu meiner Linken brausete das mittelländische Meer, und rechts von mir lagen in Olivenfeldern die weißlichen Bastiden der Provence in Sternen-Beleuchtung. Mein Herz war schwer von Ahnungen. Aus dem ruhigen Landleben ging ich einem stürmischen, kriegerischen Leben entgegen. Wer sagte mir, daß ich jemals die Meinen, mein Vaterland, meine Geliebte wieder erblicken würde! Von solchen Gedanken ergriffen wandte ich meinen Blick zu den leuchtenden Sternen, mein Gemüth, meine Seele zu Gott. Wenn es möglich wäre, so sprach ich zu dem höchsten Wesen, daß ich dereinst meine Mutter, meine Geliebte, meine Schwestern, mein Deutsches Vaterland wiedersehen könnte! Dann, o großer Gott! gieb mir ein Zeichen! Ich hatte kaum diese Worte gesprochen, als eine Sternschnuppe den Himmel durchschnitt und vor mir niederfiel. Ich will durchaus nicht behaupten, Aristipp, daß diese zufällige Sternschnuppe eine bejahende Antwort des höchsten Wesens auf meine Frage, meine Bitte gewesen sei — aber es war doch sonderbar! Warum sollen wir aber nicht eine Theilnahme des allliebenden Vaters, selbst in unseren kleinlichen Angelegenheiten annehmen? Verlieren können wir durch diesen Glauben nichts, wohl aber Trost und Stärkung gewinnen!

Zu den geheimnißvollen Einwirkungen, welche in mir den Glauben und die Ueberzeugung an Gott und ewiges Leben befestigt haben, gehört folgender Vorfall, der mir in Algier, im Hospitale Bab-azoun begegnete. Ich hatte drei Monate an einer der fürchterlichsten Krankheiten gelitten. Mein Magen war gänzlich verdorben, und nicht im Stande, auch nur flüssige Lebens-Mittel, Wasser ausgenommen, bei sich zu behalten. Ich war kein Mensch mehr! Ein elendes Gerippe, in welchem nur der Funke des Lebens glimmte. Ich hatte einen congé de reform bekommen, und erwartete mit Sehnsucht den Augenblick nach Frankreich eingeschifft zu werden, so krank, so matt ich war. Zwei Tage vor der bestimmten Abreise lag ich, elender noch als sonst, auf meinem Lager. Ein brennender Durst quälte mich. Der Infirmier hatte vergessen mein blechernes Trinkgeschirr mit Wasser zu füllen. Es war Nacht. Die Lampe, welche den Saal erhellte, in welchem ich mit noch mehren Unglücklichen lag, war ausgegangen. Im Hofe des viereckigen Gebäudes plätscherte die Fontaine, welche fast in allen Höfen maurischer Gebäude sich befindet. Ich konnte mich vor Durst nicht lassen. Ich raffe meine letzten Kräfte zusammen, stehe auf und wanke dem Springbrunnen zu. Alles war ruhig, wie im Grabe. Ich schreite langsam dem Brunnen zu und in dem Zwielichte des Afrikanischen Himmels sehe ich eine weißliche Gestalt dabei stehen. Der Anblick war mir grausenhaft, doch schritt ich herzhaft auf den Brunnen und die Gestalt zu.

„Sie kommen nicht von hier fort,“ redete mich die Gestalt an.

„Warum nicht?“ antwortete ich, „morgen Abend geht das Dampfboot ab, es sind nur zwei Tage mehr bis dahin.“

„Sie kommen nicht dahin,“ antwortete die Gestalt, „man wird Sie dorthin bringen,“ sie wies mit der Hand auf die Todtenkammer, „die Schakals werden Sie fressen.“

„Ich glaube Sie sind toll,“ versetzte ich: „wer sind Sie?“

„Das geht Sie nichts an,“ erwiederte die Gestalt, „ich sage es Ihnen nocheinmal, dort in das Amphitheater wird man Sie bringen, Sie sehen Frankreich nicht wieder.“

Darauf entfernte sie sich. Ich blieb sprachlos beim Brunnen stehen. Ich war krank, sehr krank, meine einzige Hoffnung das Verlassen Afrika’s, außerdem war der kommende Tag ein Freitag, ein Tag, den ich immer gefürchtet habe. Der Gedanke an die Möglichkeit, so nahe der Rettung zu unterliegen, bemeisterte sich meiner. Mein ohnedies zerrüttetes Nervensystem vermogte kaum die Massen widerwärtiger, ängstigender Gefühle zu ertragen. Maschinenartig füllte ich meinen Becher, und wankte unter immer stärker werdendem Herzklopfen meinem Lager zu. Ich sank darauf nieder. Meine Phantasie gewann von Augenblick zu Augenblick mehr Spielraum. Die Bilder, die geliebten Züge meiner Mutter, meiner Geliebten, meiner Schwestern schwebten auf und ab vor meinem Geiste. Ich richtete ein brünstiges Gebet zu Gott, und flehte ihn an, mich der Geliebten wegen zu erhalten. Plötzlich war es mir, als ob ein belebender, erfrischender Hauch auf mich sich niedersenkte. Ich empfand Beruhigung, ein tröstendes Gefühl, ich schlief ein und war gerettet! Warum, Aristipp, soll ich nun nicht annehmen, daß ich wirklich die Gegenwart des Höchsten in diesem lebenbringenden Hauche empfunden? Warum nicht, daß er durch eine innige, einfache, kindliche Bitte sich hat rühren lassen, und durch diesen Hauch mich den Meinigen oder meiner künftigen Bestimmung erhielte?