„Es würde wohl schwer sein, lieber Freund,“ entgegnete ich, „hierüber etwas Bestimmtes zu sagen. Ich sehe es wenigstens nicht ein, warum man eine nähere Gemeinschaft mit dem höchsten Wesen in gefahrvollen, wichtigen Augenblicken ableugnen sollte. Wenn wir annehmen, daß Gott allmächtig ist, so können wir Alles glauben und für möglich halten. Wir verlieren uns aber hier in das Reich der Wunder. Ein sicheres Resultat können wir nie ziehen. Es würde aber sehr thöricht sein, uns nicht mit ganzer Seele dem Glauben hinzugeben, der unserer Seele Trost und Linderung schafft, in uns die Ueberzeugung an das Dasein eines allmächtigen, zwar unbegreiflichen, aber liebenden Wesens und an die Fortdauer unserer Existenz nach diesem Leben bestärkt und befestigt. Welche Bewandnisse hatte es aber mit der weißlichen Gestalt an dem Springquell im Hospital Bab-azoun?“
„Das habe ich nachher erst erfahren. Es war einer der Infirmiers, dem ich zu lange lebte. Ich hatte nämlich einige hundert Franken unter meinem Kopfkissen, derer er sich bemächtigt haben würde, wenn ich den Geist in der Nacht aufgegeben hätte. Er wollte dieses dadurch bezwecken, daß er mich durch einen tödtlichen Schreck um das Leben bringen wollte. Seinen Namen habe ich vergessen; ich behalte überhaupt nur die Namen der Männer, die mir Gutes thaten.“
„Vortreffliche Moral! Jemehr und je näher ich Dich kennen lerne, jemehr Dein weiches, kindliches Gemüth sich mir öffnet, jemehr sehe ich ein, daß Dein innerer Kern sich rein und gesund erhalten hat, wenngleich die Außenseite Deines Wesens und Deines Lebens nicht vom Tadel frei ist. Doch wer ist tadellos? Nur der darf es sich erlauben einen Andern zu richten, der selbst makellos dasteht; und auch dieser nur mit christlicher Liebe und Nachsicht.“
„Das ist es gerade, Aristipp, was mich so häufig, im Leben kränkt. Die Menschen beurtheilen mich falsch und zwar aus dem Grunde, weil ich den Schein nicht beobachte. Glaube nicht, daß ich die öffentliche Stimme verachte. Ich will nicht besser scheinen, als ich bin, das ist mein Unglück. Ich nehme mich der Menschen an, die die Welt verstößt. Ich folge meinem Gefühle und erkenne die großen Fehler, die ich an mir habe. Ich tadle sie selbst, anstatt, wie die Meisten es thun, sie zu bedecken, sie zu beschönigen. Das nennt man aber im gewöhnlichen Leben „sich in den Augen der Welt heruntersetzen,“ wenn man seine Fehler eingesteht, und die Partei derjenigen nimmt, die die Welt verdammt.“
„Richtig! so denken die anerkannten Soliditäten.“
Ein furchtbarer Stoß gegen die Thüre sprengte in diesem Augenblicke dieselbe. Mit funkelnden Augen und fletschendem Maule stürzte die Bulldoghündin in das Zimmer und auf ihren Herrn los, den sie durch Liebkosungen erdrücken zu wollen schien. Ein abgerissener Strick hing an ihrem eisernen Halsbande.
„Bomben und Granaten!“ rief Herr Herrmann Bleicamb in seinem Bette in die Höhe fahrend.
„Was giebts?“ schrie Hippias, die Augenlieder aufreißend.
„Nichts, meine Herren,“ versetzte der Baron lachend. „Meine Gipsy, welche wir bei Timm gelassen, hat es nicht länger ohne ihren Herrn aushalten können, und sich, sans façon, einen Weg durch die Thüre gebahnt! Komm, Gipsy! Mein altes treues Thier! Es war schändlich von mir, dich solange vergessen zu haben!“
„Die verdammte Bestie!“ murmelte Herr Bleicamb. „Es ist doch um toll zu werden! Wecken die Manichäer einen nicht durch ihr Klopfen an die Stubenthür auf, so muß man durch dieses Beest gestört werden, wenn man einmal gut zu Nacht gegessen und lange schlafen will.“