„Du kannst ja die „Memoiren eines Hundes“ schreiben,“ versetzte Herrmann Bleicamb. „Wer weiß ob Du nicht eher einen Verleger und mehr Anklang fändest, als wenn Du über „Frankreich und seine Revolution in Beziehung auf Deutschland“ schreibst?“
„Du magst immerhin Recht haben,“ versetzte der Baron lächelnd. „Politische und religiöse Schriften finden wenig Beifall. Man muß immer die Leihbibliotheken berücksichtigen.“
„Haben Sie den Hund schon lange?“ fragte Hippias die löwenartige Hündin streichelnd, welche eben einen ihrer ungeheuren Tatzen auf den Tisch legte, um anzuzeigen, daß auch sie in der Welt wäre.
„Ich habe dieselbe von einem Engländer geschenkt bekommen, als ich von Alais, einer Stadt dritten Ranges im südlichen Frankreiche, zu Fuße durch ganz Frankreich nach Hamburg wanderte.“
„Sie machten also den ganzen Weg zu Fuße?“
„Aufzuwarten. Von Alais bis in den König von Preußen, wo wir diese Nacht logirten.“
„Du würdest uns ein Vergnügen machen,“ sagte ich, „wenn Du uns etwas von dieser Reise mittheiltest. Hippias und ich haben die Absicht unsere Avantüren in Hamburg und Altona herauszugeben, und in einer solchen Schrift würde eine kurze Relation Deiner Reise nicht unanwendbar sein.“
„Ich werde mit Freuden dazu bereit sein. Wenn Gipsy reden könnte, so würde sie vielleicht besser, als ich, die verschiedenen Vorfälle mittheilen können, weil sie eine Engländerin ist, und sich gewiß alles Sehenswerthe und Merkwürdige notirt hätte, was ihr auf der grand tour begegnete. Leider! ist sie aber, trotz ihrer vortrefflichen Eigenschaften, nur ein Hund, und so muß ich wohl dieses Geschäft für sie übernehmen. Hört also:
„Ich hatte mich längere Zeit in Pau am Fuße der Basses-Pyrénées aufgehalten, um wie man es glaubte, in die Dienste der Königin von Spanien zu treten. Dieses war aber durchaus nicht meine Absicht. Ich brütete im Stillen über einen ganz andern Plan. Ich wollte selbst ein Freicorps errichten, und wie die alten Soldaten der Fortuna auf meine eigene Hand umherkriegen. Dieses konnte ich in den Diensten der Königin nicht, wohl aber in den Diensten des Don Carlos. Beide Parteien schienen mir damals gleich erbärmlich; ich hatte nur meinen eigenen Vortheil, meinen Ehrgeiz vor Augen. Ich hatte aus diesem Grunde so viele Anhänger, als möglich, unter den Soldaten der nouvelle création de la légion étrangère française für meine Sache zu gewinnen gesucht. Ich hatte Geld, gab ihnen zu trinken, zuweilen auch Geld, und bildete mir binnen Kurzem einen bedeutenden Anhang unter ihnen. Ich wurde trefflich von einem Fourier, Namens Rundsdorff, unterstützt, der ein geborner Preuße war. Es gelang uns, viele der Soldaten zu gewinnen, zu bereden. Es verging keine Nacht, wo nicht mehre mit Sack und Pack desertirten und die Französische Observationslinie passirten. Was meine eigene Person betraf, so wollte ich mich nicht eher selbst nach Spanien begeben, als bis ich von der Hand des Don Carlos selbst ein Patent als Compagnie-Chef über die von mir zu errichtende Truppe erhalten hätte. Um dieses zu erhalten, mußte ich mit einem Agenten Don Carlos in Unterhandlung treten. Es war sehr gefährlich für mich, weil alle meine Schritte bewacht wurden. Endlich fand sich einer. Ich beredete mich mit dem Fourier und dieser bestellte denselben Abends acht Uhr au chéval noir um mit demselben Abrede zu treffen. Glücklicher Weise mußte ich an diesem Abend zu einer Hochzeit gebeten sein, die ein Deutscher Bierbrauer Namens Heit, ein vortrefflicher, reicher Mann gab, dem ich die größten Verbindlichkeiten habe. Ich kam zu spät nach dem chéval noir. — Der Agent des Don Carlos war von den Gensdarmen Louis Philippes aufgehoben worden, mit ihm mehre Soldaten und Unterofficiere der Legion, welche um mein Geheimniß wußten. Ich hielt es jetzt für vernünftiger, mich von Pau zu entfernen! Ich reisete nach Toulouse, wo ich einen vielvermögenden und liebenswürdigen Bekannten, den Herrn Toussaint, directeur de la société de dictionnaires hatte. Bei diesem Manne lebte ich eine zeitlang, versah den Posten eines sousdirecteur und hatte dadurch Gelegenheit, mich den Männern meiner Partei, z. B. dem Herrn Dugabé, avocat et député, zu nähern. Die Rachsucht eines Polen brachte mich um die Freundschaft meines Toussaint. Ich ging von Toulouse nach dem saut du Tarn, einer Eisenfabrik, welche dem Marschall Soult theilweise gehört, und hielt mich einige Zeit bei dem Herrn James Jackson, einem Engländer, auf, welcher bei dieser Fabrik angestellt war. Es war ein vortrefflicher Mann. Ich theilte ihm meine Avantüren und meine Besorgnisse mit. Er billigte die Letztern und gab mir den Rath nach Alais, zu einem seiner Bekannten zu gehen, dessen Name James Wall war. Dieses that ich. James Wall behielt mich mehre Wochen bei sich. Ich lebte wie die gemeinen Eisen-Arbeiter, nur mit dem Unterschiede, daß ich nicht wie sie arbeitete. Doch auch hier war meines Bleibens nicht. Von einigen meiner Bekannten erhielt ich die Nachricht, selbst von James Jackson, daß die Regierung auf mich aufmerksam geworden und die Polizei Louis Philippes mir nachspüre, um mich festzunehmen. Er beschwor mich, sobald als möglich das Land zu verlassen. Hier war kein Zaudern möglich. Wie aber mir einen Paß verschaffen, da die Polizei aufmerksam auf mich war? Es gehörte Muth dazu, um Frankreich, angefüllt mit Gensdarmen, ohne Paß zu durchstreifen. Ich that es. Am Tage vor meiner Abreise schenkte mir James Wall diese Hündin, mit den Worten: „sie ist so gut, wie zwei Pistolen.“ Allein, ohne irgend eine Waffe, ohne Paß verließ ich Alais, nur von meiner Gipsy begleitet. Sie folgte mir stets auf den Fersen, und wenn meine Füße durch das angestrengte Marschiren wund geworden waren, leckte das treue Thier mir die wunden Stellen. So kamen wir beide matt und elend nach einem Marsche von 50 Tagen hier in Hamburg an. Gipsy selbst hatte sich auf der harten Chaussee so die Nägel an den Pfoten abgelaufen, daß sie zuweilen mitten auf dem Wege sitzen blieb, weil sie nicht weiter konnte; hier in Hamburg machte ich dem treuen Thiere, das, trotz der gräßlichsten Schmerzen, halb hüpfend, halb hinkend mir gefolgt war, Nägel von Wachs. Sie war es, welche durch ihr zorniges, löwenartiges Aeußere, durch ihre funkelnden Augen Alle zurück hielt, welche während unserer Reise vielleicht die Absicht hatten sich meiner Börse zu bemächtigen oder mich anzugreifen. Es wagte keiner die Hand an mich zu legen, denn er war gewiß, von meiner Gipsy sogleich an die Gurgel gepackt zu werden. Ich will es Ihnen gerne gestehen: vielleicht ohne dieses edle Thier hätte ich nicht den Muth gehabt diese weite und gefährliche Reise anzutreten. Es war eine Reise auf Leben und Tod, denn ich hätte mich um keinen Preis festnehmen lassen. Da ich Gipsy bei mir hatte, konnte ich es mit dreien aufnehmen. Auf diese Weise verdanke ich es meinem Hunde, daß ich den Rhein überschritt und hier unter Euch bin.“