„Warum nicht!“ antworteten wir Alle und erhoben uns.

Wir gingen über den Jungfernstieg. Es war schon sehr lebendig dort. Unter der Menschenmenge begegnete uns die liebliche Gestalt Fräulein Adelinens. Wir grüßten sie.

Die Physiognomie des Barons wurde finster. Wir befanden uns einige Augenblicke darauf im Keller des Herrn Unbescheiden. Wir setzten uns nieder. Jeder forderte, was ihm angenehm war.

Außer uns, jedoch an einem Tische für sich, saß ein großer langer Mann, dessen Ausdruck geistreich, wenngleich maliciös war. Sein Auge war durchbohrend. Seine Nase etwas größer, als die gewöhnlichen. In seinem Gesichte zeigten sich deutlich die Spuren eines leidenschaftlichen Lebenslaufes. Er war elegant gekleidet und schien ein Fremder zu sein. Er las im Telegraphen und hatte eine Bouteille Madeira vor sich stehen. Als wir in das Zimmer traten, musterte er uns mit einem prüfenden Blicke, wandte ihn aber schnell von uns und nahm eine vornehme und unzufriedene Miene an. Man konnte nicht anders, als ihn für einen Aristokraten halten, oder für einen, der aristokratische Manieren liebt. Weil er sich nicht um uns bekümmerte, nahmen auch wir keine Notiz von ihm, nur Gipsy alleine heftete ihre funkelnden Augen auf ihn, gleichsam, als wollte sie in seinen Bewegungen, in seinen Gesichtszügen lesen, ob auch etwas Gefahrbringendes für ihren Herrn in der Gegenwart dieses Fremden liegen könne. Nach einigen Minuten sprang sie auf, ging auf den Fremden zu und leckte ihm die Hand, welche jener nachlässig auf das Knie gestützt hielt. Dann kehrte sie zu ihrem Herrn zurück.

Wir ließen uns die Delicatessen des Herrn Unbescheiden vortrefflich schmecken, mit Ausnahme des Barons, der zerstreut schien.

„Du hast es mir versprochen,“ begann ich, „mir dasjenige mitzutheilen, was Dich beim Erblicken Fräulein Adelinens so heftig erschütterte, und wie ich bemerke, auch heute wieder ergriffen hat.“

„Es sei darum, wenngleich die Erinnerung an diese Begebenheit eine sehr traurige für mich ist:

An der Küste des mittelländischen Meeres liegt im südlichen Frankreiche, im Departement du Var, eine alte Ruinenstadt, Namens Taurentum, wie man sagt von den Römern erbaut. Nur einzelne Mauern, nur einzelne Höhlen oder souterrains bezeichnen den Platz, wo sie stand, und die Wogen des Mittelmeers, welche diese Ruinen bespühlen, sind wohl die einzigen verschwiegenen Zeugen ihrer vormaligen Größe. Wenn der alterthumforschende Fremde diese Ruinen verlassen, so begiebt er sich nach dem naheliegenden Kirchhofe St. Cyr, um von dort auf die Landstraße zu gelangen, welche nach Toulon oder nach La-Ciotat, einem kleinen Seehafen führt; schlägt er aber den Weg ein, welcher von St. Cyr gerade ausläuft, so nimmt er seine Richtung durch die Besitzungen des Grafen von Planicourt, und erreicht, nach dem Verlaufe von zehn Minuten, das Landhaus, die Villa, oder die Bastide dieses wohlhabenden Provençalen. Vor diesem Hause steht eine Gruppe wilder Cypressen, es ist Alles ruhig und stille rings umher; das Haus scheint von Niemandem bewohnt zu sein. Hier ist der Wohnsitz des Herrn Grigoir, Cousin und homme d’affaires des Grafen von Planicourt. Ich muß Euch mit dem Charakter dieses Mannes und mit seiner Familie bekannt machen, bevor ich die Erzählung beginne.

Monsieur Grigoir war ein Mann von 69 Jahren, groß und schlank gebaut. Er hatte früher in der Königlichen Marine gedient, war ein eingefleischter Carlist, und hatte sich ungefähr 40 Jahre, vor dem Zeitpuncte, den ich erwähnen werde, in die Dienste des Grafen von Planicourt begeben, um sich eine ruhige Retraite zu sichern. Sei es Ueberdruß am Leben, sei es durch Widerwärtigkeiten im Leben bewirkt, kurz Herr Grigoir war ein Menschenfeind geworden, und, das größte Unglück, was einem Menschen begegnen kann, er hatte das Vertrauen zu seinen Mitmenschen verloren. Nur drei Gegenstände hatten noch Interesse für ihn: die Familie des Grafen Planicourt, die ältere Linie der Bourbons, und die strengste Beobachtung des katholischen Ritus. Die beiden Priester des naheliegenden Kirchdorfes St. Cyr waren die einzigen Fremden, welche sein Haus betraten; die Messe von St. Cyr, der einzige Ort den er besuchte, und wo er während der Zeit des Gottesdienstes beständig auf den Knieen lag. In der Woche that er nichts anders, als auf einem Stuhle vor dem Kamine seines Salons sitzen und zuweilen ein altes Französisches Werk, das die Thaten der Französischen Marine schilderte, zu durchblättern. Obgleich hoch in Jahren, war er noch kräftig und gesund, selbst seine Zähne hatte er sich erhalten, seine Gesichtsfarbe war röthlich, gesund; sein Anzug bestand aus einer groben, gelblichen Jacke von schlechtem Tuche; Pantalons und Weste waren von derselben Farbe, von demselben Stoffe. Nur zweimal im Jahre wechselte er sein Zeug; Anfang Winters und Anfang Sommers, wo dann ein blauer Ueberrock die Stelle der gelben Jacke einnahm. Er trug stets eine weiße Halsbinde, Schuhe und weiße Strümpfe. Auf dem Kopfe hatte er beständig einen weißen sogenannten Pflanzerhut, mit ungeheuer breitem Rande, den er auch im Zimmer niemals abnahm; unter diesem trug er auch eine seidene Mütze, die unter dem Hute hervorsah, und auf der röthlichen Nase ein Paar silberne Brillen. Der Ausdruck seines Gesichtes war nicht zu dechiffriren; sein Blick, soviel man durch die Brille bemerken konnte, war unstät und falsch. Um seinen Mund bemerkte man häufig ein freundliches Lächeln. Seine Haltung war ruhig. Dieses war der Mann, welcher das Glück hatte, der Ehegemahl der Madame Josephine Grigoir zu sein, einer kleinen, verwachsenen, aber klugen und lebhaften Frau, die wie er schon hoch bei Jahren war, und sich durch drei Eigenschaften auszeichnete: sie war bigott, geizig und von einer so unglaublichen Heftigkeit, daß sie häufig Nervenanfällen ausgesetzt war, deren Entstehen sie den Vapeurs zuschrieb. Sie theilte mit ihrem Manne den Haß und das Mißtrauen gegen alle Menschen. Aus der Umarmung dieses merkwürdigen Ehepaares war ein ebenso merkwürdiges Geschöpf hervorgegangen: Mademoiselle Fanny Grigoir. Es ist mir unmöglich eine deutliche Beschreibung oder Charakteristick dieses, in seiner Art, so einzigen Frauenzimmers zu entwerfen. Sie hatte braune, glühende Augen, schwarze Augenbrauen, einen ziemlich großen Mund, aber zwei Reihen der schönsten Zähne. Ihr Busen war voll, üppig und von blendender Weiße; sie war klein, aber stark. Ihr Gang, ihr Wesen war ungraciös. Jeder einzelne Zug ihres Gesichtes war schön, das Ganze häßlich, und doch konnte sie Augenblicke haben, in welchen ein gewisser Heiligenschein ihr einen eigenthümlichen Reiz verlieh. In solchen Augenblicken war Mademoiselle Fanny schön. Sie hatte von ihrer Mutter den heftigen Charakter geerbt. War sie verletzt, so war sie eine Furie; betete sie sitzend das Pater-Noster, so war sie eine Madonna. Die geistigen Fähigkeiten der Mademoiselle Grigoir wage ich nicht zu beurtheilen. Sie hatte Verstand, Scharfsinn, aber zu gewissen Zeiten erschien sie wie blödsinnig. Ihre Manieren waren die eines Kindes; als solches wurde das 30jährige Mädchen von ihren Eltern behandelt. Ihre Sprache war unvollkommen. Sie redete von sich stets in der dritten Person. Aus diesem Grunde nannte man sie in der Umgegend la Créole. Sie war, wie ihre Eltern, bigott, das heißt, sie beobachtete den Ritus der katholischen Religion, ohne die Religion zu verstehen. Mutter und Tochter communicirten jeden Sonntag; jeden Sonnabend beichteten sie ihrem pére spirituel. Fanny Grigoir war Mitglied der Congrégation du sacré coeur de Jésus et de Marie. Jeder Procession wohnte sie bei im weißen Kleide, mit weißem, fliegendem Schleier. War irgend ein Wesen würdig, dem Bilde der Hochgebenedeieten zu folgen, so war es Mademoiselle Grigoir, la Créole, denn sie war unschuldig wie ein Engel; sie hatte keinen Begriff eines sündigen Gedankens. Mademoiselle Fanny kannte nicht den Unterschied beider Geschlechter.“

Der Fremde, welcher, wie es schien, der Erzählung zugehört hatte, stieß ein leises, heiseres Gelächter aus; blickte den Baron scharf an, und fuhr fort im Telegraphen zu lesen.