„Diese drei Personen waren es,“ setzte der Baron seine Erzählung fort, „welche das Landhaus des Grafen Planicourt bewohnten. Außer ihnen befand sich in dem weitläuftigen Gebäude nur Mlle Clairon, das Hausmädchen, und ein großer, gelber Kater, der Liebling des Herrn Grigoir. Ihr wißt, daß ich den Krieg in Afrika mitmachte. Ihr wißt, wie elend ich dort wurde. Der Graf von Planicourt war ein Verwandter von mir. Um meine Gesundheit herzustellen, bot er mir sein Landhaus in der Provence zu meinem Aufenthalte in jenem Clima an, welches meinem Zustande angemessen sein sollte. Herr Grigoir hatte Befehl erhalten, mich bei sich aufzunehmen. Ich wurde dorthin gebracht. Die sorgfältige Pflege, welche ich in jenem Hause, durch Herrn und Madame Grigoir erhielt und meine Jugend überwanden für diesesmal die fürchterliche Krankheit, an welcher ich litt. Im Verlauf von einem Jahre, war ich rüstiger, stärker, sah ich wohler aus, als ich je ausgesehen hatte. Es wird Euch sehr natürlich erscheinen, wenn ich Euch sage, daß ich nach meiner vollständigen Wiederherstellung mein Möglichstes that, um den braven Leuten, welchen ich durch ihre Sorgfalt mein Leben verdankte, durch allerhand Aufmerksamkeiten, meine Dankbarkeit zu beweisen. Ich spielte mit den Alten des Abends Domino und begleitete sie am Sonntage in die Messe, woselbst ich ihretwegen, wenn das Glöcklein erschallte, mit ihnen zugleich, auf meine Kniee niedersank. Ich warf mir dieses nicht als ein Verbrechen vor. Man kann überhaupt ebensogut knieend, als stehend, oder sitzend beten. Da Monsieur Grigoir ein weitläuftiger Verwandter des Grafen war, so nannte ich ihn mon Cousin; seine Frau und seine Tochter ma Cousine und wurde von ihnen Allen wiederum mon Cousin genannt. Ich übersah die Eigenheiten der alten, würdigen Leute, schickte mich in ihre Launen, und bemühte mich das zu thun, was ich ihnen nur, wie man es sagt, an den Augen absehen konnte. Auf diese Weise bildete sich ein wirklich freundschaftliches Verhältniß unter uns. Es war sehr natürlich, daß meine Artigkeiten sich bis zu Mlle Fanny erstreckten, welche bei meiner Ankunft so scheu war, daß man sie nicht bewegen konnte in das Zimmer zu kommen wo ich war. Nach und nach gewöhnte sie sich aber an meinen Anblick, und versuchte es erst den lutherischen Ketzer von der Seite anzublicken; später schlug sie ihr wirklich schönes Auge zu mir auf, wagte es mit mir zu reden und endlich schien sie mit einer gewissen Herzlichkeit an mon Cousin zu hängen. Dieses sonderbare Wesen hatte für mich einen eigenthümlichen Reiz. Ich hatte nicht die geringste Idee ihr Liebe einflößen zu wollen, aber es machte mir Vergnügen zu betrachten, wie nach und nach ihre geistigen Fähigkeiten durch den Umgang mit mir sich entwickelten. Ich hatte außerdem noch einen andern Zweck vor Augen. Ich wollte nämlich versuchen, ob es mir gelingen könnte, die furchtbare Heftigkeit, welche sie sich sogar gegen ihre Eltern erlaubte, durch den Einfluß, welchen ich auf sie erhalten, zu mildern. Ich sprach häufig mit ihr über Religion und suchte es ihr verständlich zu machen, daß die erste Pflicht einer Christin Demuth und Gehorsam gegen ihre Eltern sei, worauf sie zuletzt antwortete:
„Wenn mon Cousin das meint, so glaubt Fanny das auch und Fanny wird es thun.“
Sie wurde wirklich folgsamer und gehorsamer. Sie lauschte jedem meiner Worte, und war stets bereit auch den kleinsten meiner Wünsche zu erfüllen. Den Erfolg meiner guten Absicht bemerkend, suchte ich sie zu belohnen. Ich wurde immer freundlicher gegen sie, ich begleitete sie, wenn sie zur Messe oder zur Vesper ging, oder brachte, wenn ich alleine ausgegangen war, ihr eine Blume, einige Bonbons oder sonst eine unbedeutende Kleinigkeit mit. Fanny veränderte sich ganz. Ihr Gesicht bekam Ausdruck, sie wurde sorgfältiger in ihrem Anzuge. Fanny fing an zu empfinden, daß sie eine Jungfrau sei. Sie erhielt einen undeutlichen Begriff ihrer weiblichen Bestimmung. Ich war der erste Mensch gewesen, der sie nicht als Kind behandelt hatte. Die Liebe bemeisterte sich, ihrer selbst unbewußt, ihres Herzens. Die Unglückliche! Was von meiner Seite nur Theilnahme, Freundschaft war, senkte in ihr Herz die Flamme der furchtbarsten Leidenschaft. Fanny liebte! Fanny Grigoir la Créole liebte mit der rasendsten Gewalt eines unentweihten Herzens, mit der ganzen Gluth einer Provençale! Fanny wurde sanft, denn mon Cousin wünschte es. Fanny wurde arbeitsam, denn mon Cousin liebte das. Fanny bat ihre Eltern um Vergebung, wenn sie sie beleidigt hatte, denn sie wußte es, daß sie dadurch mon Cousin gefiel; Fanny wurde ordentlich, reinlich, denn sie liebte mon Cousin. Fanny lernte einige Wörter, wie Vater, Mutter, Schwester, Vetter, Geliebte, Geliebter, Braut und Bräutigam auf Deutsch sagen, denn mon Cousin war ja ein Deutscher. Wie viel leichter wurden der armen Creolin die harten Laute der Deutschen Sprache hervorzubringen, als Französisch zu sprechen! Sie hatte ja die Töne dieser Sprache aus dem Munde von mon Cousin gehört! Mon Cousin war der Erste gewesen, der herzlich mit Fanny gesprochen hatte, dessen Worte zu Fannys Herzen gedrungen waren. Wie schön, wie herrlich klangen diese Töne dem Ohre der liebenden Fanny! Wie schön, wie weich war nicht die Sprache ihres Geliebten, wenn er in einer fremden Sprache sich ausdrückte, wie himmlisch mußte nicht die Sprache sein, die die eigenthümliche, angeborne Von mon Cousin war! O, nur Eins ängstigte Fanny! Mon Cousin war ein Ketzer, verdammt, seine Seele auf ewig verloren, wie der curé de village ihr es sagte. Was hätte Fanny nicht darum gegeben, wenn mon Cousin kein Ketzer gewesen wäre! Aber mon Cousin war so gut, er war so freundlich gegen Fanny, er kniete in der Kirche und ging mit Fanny zur Vesper. Fanny vergaß, daß mon Cousin ein Ketzer sei, Fanny vergaß Alles; sie hatte nur eine Empfindung mehr, und diese war mon Cousin...........
Fanny hatte im Vorzimmer gesessen, als mon Cousin mit ihrer Mutter über Fanny sprach. Fanny hatte gehört, daß mon Cousin gesagt hatte: „Freuen Sie sich nicht, Madame, daß unsere Fanny jetzt soviel liebenswürdiger wird? Fanny ist ein hübsches Mädchen, sie hat herrliche Augen, wundervolle Zähne und eine prachtvolle Brust. Ich bin ihr herzlich gut.“
Fanny hatte dieses gehört. Fanny sah sich zum ersten Male im Spiegel. Sie betrachtete sich. Sie entblößte ihren Busen, weil mon Cousin ihn prachtvoll genannt hatte. Sie trat in das Zimmer mit verschämtem Blicke. Fanny hatte empfunden, daß sie Reize besäße. Das Tuch, welches ihren Hals bedeckte war verschoben. Sie blickte mon Cousin unverwandt an, und lachte, mehr als gewöhnlich, um ihre Zähne zu zeigen, denn mon Cousin hatte sie herrlich und schön gefunden. Fannys Busen hob sich schneller als sonst, denn sie wußte, mon Cousin würde ihn beachten. Mon Cousin erhob sich um Schlafen zu gehen. Er drückte Fanny die Hand. Wie durchzuckte dieser Druck das ganze Sein der armen Creolin!
Als mon Cousin fortgegangen war, machte ihre Mutter der armen Fanny Vorwürfe, daß ihr Tuch sich verschoben habe, und daß Fanny durch die zur Schautragung ihrer Reize vielleicht mon Cousin gegeben habe, sündigen, fleischlichen Gedanken nachzuhängen.
Fanny weinte. Sie beichtete ihr Vergehen dem Priester, erhielt eine scharfe Ermahnung zur Sittlichkeit und zur Ertödtung der thierischen Begierden in ihr, und die strenge Weisung: durch Bloßstellung ihrer körperlichen Reize nicht die Begierden der Männer zu erregen, und sinnliche Lüste zum Genusse ihres Körpers zu erwecken.
Fanny ahnete jetzt zum ersten Male, daß es Begierden gäbe, daß ein ihr unbekannter Genuß existire, den sie selbst zu gewähren fähig sei. Sie machte sich bittere Vorwürfe, daß sie mon Cousin Anlaß zu sündigen Gedanken gegeben, und verhüllte ihre Brust mit doppelten Tüchern, aber sie freute sich innerlich, daß mon Cousin sie schön gefunden hatte. Fanny sagte am andern Morgen:
„Mon Cousin, ich muß Sie um Vergebung bitten.“
„Warum, Fanny?“