„Clairon! mon Cousin liebt mich!“
„Sie sind ein Kind,“ versetzte jene. „Was wissen Sie von Liebe?“
„Ich bin ein Kind!“ dachte Fanny bei sich, „aber ich liebe mon Cousin!“ Die Creolin hatte dieses Mal die erste schlaflose Nacht. Sie fühlte sich beengt. Sie empfand die Sehnsucht nach einem Gegenstande. Sie wünschte, mon Cousin bei sich zu haben. Das Zimmer von mon Cousin war dicht bei Fanny ihrem an. Fanny horchte auf. Sie vernahm die Schritte von mon Cousin, sie hörte ihn singen. Fanny vergaß ihr Gebet.
„So nah ist mon Cousin bei mir?“ fragte Fanny sich leise. „Warum ist er nicht ganz bei mir? Wäre es eine Sünde, wenn er bei mir wäre? Aber mon Cousin ist ein Mann? Schlafen Vater und Mutter nicht in einem Zimmer? Ist Fanny ihr Vater nicht auch ein Mann? Ist ein Mann denn etwas so Fürchterliches? Es kann nicht sein, denn mon Cousin ist ein Mann!“
Gegen Morgen schlief Mlle Fanny Grigoir ein. Ihr träumte von mon Cousin, sie hielt ihn im Traume umfangen.
Am nächsten Sonnabend blieb Madame Grigoir länger, als gewöhnlich in der Beichte. Endlich kam sie erschöpft und erhitzt zu Hause. Der Curé de village hatte ihr das Gewissen geschärft, sie auf den gefährlichen Umgang ihrer Tochter mit mon Cousin aufmerksam gemacht, und ihr zu verstehen gegeben, daß sie Alles aufbieten müsse, um den Ketzer zu entfernen und die sündige Neigung ihrer Tochter zu ihm zu vernichten. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie die Pflichten einer echt katholischen Mutter nicht befolge. Madame Grigoir war außer sich. Bei der Krautkrämerin erhielt sie einen Nerven-Anfall, weil diese ihr sagte, Mademoiselle Fanny habe ihr gesagt, daß sie den Deutschen Ketzer liebe.
Dieser Abend verging sehr unangenehm. Am andern Morgen war Madame Grigoir mit ihrer Tochter und dem Mädchen in der Kirche. Herr Grigoir und ich waren alleine zu Hause.
„Guten Morgen, mon Cousin,“ sagte ich, in das Zimmer tretend.
Herr Grigoir erhob sich von seinem Sitze, und sagte in einem traurigen Tone: