Die Gestalt nahte sich meinem Lager. Ich erkannte die unglückliche Fanny! Mit fliegenden Haaren, und in ein leichtes Nachtgewand gehüllt schritt sie vorwärts. Sie sank auf mein Bett nieder und umschlang mich in wüthender Umarmung.

„Großer Gott! Fanny!“ rief ich aus. „Was thun Sie? Um Gotteswillen eilen Sie fort.“

„Mon Cousin, — je vous aime!“ War das Einzige, was die Unglückliche sprechen konnte. Sie blieb einige Augenblicke an meinem Herzen liegen.

„Fanny, ma Cousine,“ sagte ich, „der Schritt, den Sie thaten ist unverzeihlich. Gehen Sie! Möge der Gott der Liebe Ihnen verzeihen, was Liebe Sie wagen ließ.“

„Dieu!“ schrie sie auf einmal. „Meine Seele ist verloren! O, heilige Mutter Gottes, Du verläß’st mich!“

Fanny verließ mich weinend. Sie verließ mich, wie sie gekommen war, rein, unbefleckt, aber ihre moralische Unschuld war verloren. Fanny hatte gegen den heiligen Geist gesündigt. —

Die Folgen dieses nächtlichen Besuches konnte ich voraussehen. Fanny mußte denselben beichten. Ich wußte vorher, daß man mir die Schuld aufbürden würde, daß man nicht an die Unschuld Fannys mehr glauben würde. Wie ich es vorausgesehen, traf es ein. Ich reisete nach Barcelona. Verließ Fanny in Thränen gebadet und betend. In Barcelona erhielt ich einen Brief meines Verwandten, des Grafen von Planicourt, in welchem er mir die bittersten Vorwürfe machte, die Familie des braven Herrn Grigoir entehrt zu haben. Er kündigte mir seine Freundschaft auf. Umsonst schrieb ich Briefe über Briefe. Ich erhielt keine Antwort. Der Schein war gegen mich. Während ich die größte Selbstüberwindung bewiesen, deren ein junger, kraftvoller Mann fähig ist, wurde ich des schwärzesten Verbrechens angeklagt!

Was aus der unglücklichen Fanny geworden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist sie in ein Kloster gesperrt worden, um ein Vergehen zu büßen, das sie nie beging!

„Ihre Geschichte hat mir eine wahre Freude gemacht,“ nahm der Fremde das Wort. „Sie haben sie gut eingekleidet. Ich bin ein Freund von solchen Geschichten. Ich liebe das. So geht es im Leben, man wird immer verkannt. Freilich! hier war es etwas zu entschuldigen, denn der Schein ist in der That gegen Sie, und nur einem Arzte würde es möglich sein, ihre Unschuld zu beweisen. Eine fatale Geschichte! Erlauben Sie mir, ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken. Ich bin der Doctor Riem aus dem Königreiche Hannover und habe eine besondere Vorliebe für gebildete junge Leute mit angenehmen Manieren. Ich liebe das Aristokratische in denselben. Ich nehme zehntausendmal lieber meinen Hut vor einem vornehmen Mann ab, als daß ich für einen reichen Geldfilz mein Haupt entblöße.“

„Sie sind sehr gütig,“ erwiederte der Baron. „Mit Freuden werde ich die Ehre haben, Ihnen Bescheid zu thun. Haben Sie die Güte, sich etwas bei uns niederzulassen. Diese Herren, sind meine Freunde. Herr Aristipp, ein angehender Literat, Herr Hippias desgleichen, und Herr Herrmann Bleicamb, ein Freund lustiger Gesellschaften. Mein Name —“