„Sie müssen traurige Erfahrungen gemacht haben. In der Ehe ist es aber auch Pflicht selbst den Schein zu meiden, und können wir es den Frauen verdenken, wenn sie, nur dem Einzigen angehörend, nur für ihn lebend, athmend, betend, auch von ihm verlangen, daß er ihr nur angehöre, nur sie liebe, nur ihr treu sei?“

„Mit diesen Ansichten kommen Sie nicht durch. Ich gratulire zum Pantoffel im Voraus.“

„Meinetwegen!“ versetzte der Baron lachend. „Ich fürchte ihn nicht. Ich habe bisjetzt nur das Glück gehabt lauter edle und vortreffliche Frauenzimmer gekannt zu haben, und die ich mir erwähle, wird hiervon keine Ausnahme machen.“

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig,“ sprach ich. „Wie steht Fräulein Adeline in Verbindung mit Deiner Avantüre in der Provence?“

„Wie ich sie so stille, so traurig sitzen sahe, dachte ich an die Unglückliche, die auch durch Liebe unglücklich geworden. Außerdem erinnerten mich ihr schönes, braunes Auge, ihre schwarzen Augenbrauen an Fanny. Mögte der, den Adeline liebt, sie beglücken, wie sie es zu verdienen scheint!“ —

„Ist Herr Hippias, welcher vor drei Tagen bei Madame Grünbein in Ottensen angekommen, hier?“ fragte die ziemlich rauhe Stimme eines Hamburger Polizeibeamten.

„Der bin ich. Was soll es?“

„Hier ist ein Brief an Sie. In der Vorstadt St. Pauli hat sich diese Nacht ein Freuden-Mädchen erhängt. Die Polizei fand diesen Brief unter Ihrer Adresse bei ihr. Die Direction ersucht den Herrn Hippias ihr Auskunft über diesen Vorfall zu geben.“

Der Polizeibeamte ging.

Hippias erbleichte. Er ergriff den Brief, erbrach das Siegel, und las mit zitternder Stimme: