„Du hast mir Ehre, Unschuld, Alles geraubt! Durch Dich kam ich in dieses verfluchte Haus! Jahrelang habe ich die Stimme des Gewissens betäubt! Jahrelang habe ich die Neigung zu Dir bekämpft! Ich war ein öffentliches Mädchen geworden, aber kein gemeines. Ich empfand nichts bei den Umarmungen der Männer, denen ich mich hingeben mußte. Dich! Dich! nur liebte ich. Ich hatte nur einen Wunsch, Dich wiederzusehen; durch Dich aus der Höhle des Grauens befreit zu werden! Ich sah Dich wieder — schöner, als je. Alle Erinnerungen meiner glücklichen Zeit, der paradiesischen Zeit, die ich mit Dir verlebte, stiegen wieder in mir auf. Ich war Deiner nicht mehr werth, das wußte ich wohl. Ich hatte Dich angefleht nur einmal am andern Tage vor meinem Hause vorüberzugehen! Ich traute Deinen Worten, daß Du kommen würdest, mich zu erlösen! Zwei Tage sind vorüber, ich sah Dich nicht! Ich stürzte nach Deinem Gasthause. Man sagte mir, Du seist in drei Nächten nicht zu Hause gewesen. Man glaubte, Du seist abgereiset. Ich bat um die Erlaubniß, das Zimmer zu sehen, welches Du bewohnt hättest. Man warf mich zur Thüre hinaus. Hippias! Einzig, ewig Geliebter meines Herzens! Scheußlicher, grausamer Mann! Ich sterbe! Ich ende ein Leben, das Du mir zur Hölle schufst! Von andern Menschen verachtet zu werden, das konnte ich ertragen! Von Dir so herzlos behandelt zu werden, bricht mir das Herz! O, die einzige kleine Bitte, nur einmal an meinem Hause vorüberzugehen, die hättest Du wohl mir erfüllen können! Wenn Du diesen Brief erhältst, ist es zu spät. Ich bin todt. Möge Gott Dir verzeihen! Mir wird er und die Welt vergeben! Was ist an dem Ende eines öffentlichen Mädchens gelegen!“
Lieschen.
„Bei Gott, das ist romantisch!“ rief der Doctor. „Das Mädchen hat die Räuber gelesen und ist von der Großmannssucht ergriffen worden! Das Ding da ist interessant! Das müssen Sie bearbeiten, Herr Aristipp. Das ist etwas für die Leihbibliotheken! Die Erhängte auf St. Pauli! Köstlicher Titel!“
Hippias blieb in stummer Verzweiflung sitzen. Eine Thräne rollte über seine männlichen Wangen. Endlich sprach er:
„Es ist abscheulich von mir, daß ich den Wunsch des armen Lieschen nicht erfüllt habe. Ich vergaß sie, trotz meiner Vorsätze, durch die Zerstreuungen, denen wir uns hingaben. Man sieht daraus, daß es nicht darauf ankommt, den Vorsatz zu fassen, eine alte Schuld wieder gutzumachen; sondern, daß man ihn auch ausführen muß. Man sieht daraus, daß selbst ein guter Mensch, allein durch seinen Leichtsinn Schuld an dem grenzenlosen Elende Anderer werden kann! Die Freude, mit Euch den heutigen Tag zubringen zu können, ist mir, wie Ihr es denken könnt, durch dieses traurige Ereigniß verdorben! Ich werde sogleich auf die Polizei gehen und den Vorfall anzeigen, und alsdann abreisen. Bleibt hier, meine Freunde! Ich habe es nöthig, mich etwas zu erholen, mich zu sammeln, alleine zu sein. Adieu! Wir sehen uns wieder!“
Hippias drückte einem Jeden von uns schweigend die Hand. Dann ging er.
„Jede Handlung in diesem Leben, sei es eine gute, sei es eine schlechte, trägt ihre Folgen in sich,“ bemerkte der Baron. „Sie würden es unserm Freunde nicht verargen, Herr Doctor, wenn er diesen Fall sich zu Herzen nimmt und Sie den Zusammenhang in dieser traurigen Begebenheit kennten.“
„Da sei Gott für! Ich achte die Gefühle eines jeden Menschen. Ich selbst könnte über den Tod eines Kanarien-Vogels weinen, wenn er mir lieb wäre. Dem sei nun, wie ihm sei! Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und hoffe, Ihnen nützlich werden zu können. Was haben Sie für Plane für die Zukunft?“
„Gar keine.“