LEIBNIZ.
[Scherer D. 352, E. 354.]
Geboren 1646 in Leipzig, wo er die Nicolaischule besuchte und später studierte. Seit 1667 Canzleirevisionsrath in Mainz, und viel zu diplomatischen Geschäften benutzt. Nachdem er auf seinen Reisen in Holland, Frankreich und England die bedeutendsten Männer der Wissenschaft kennen gelernt, zog er sich nach Hannover zurück, wo er Hofrath und Bibliothekar wurde. Seine Werke sind lateinisch, französisch und deutsch geschrieben. Er war Stifter und erster Präsident der Berliner Academie (1700). Starb 1716.
AUS DEN UNVORGREIFLICHEN GEDANKEN BETREFFEND DIE AUSÜBUNG UND VERBESSERUNG DER TEUTSCHEN SPRACHE.
Ich finde, dass die Teutschen ihre Sprache bereits hoch bracht in allen dem, so mit den fünf Sinnen zu begreifen, und auch dem gemeinen Mann fürkommet; absonderlich in leiblichen Dingen, auch Kunst- und Handwerks-Sachen, weil nemlichen die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäftiget gewesen, und die Mutter-Sprache dem gemeinen Lauf überlassen, welche nichts desto weniger auch von den so genannten Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Und halt ich dafür, dass keine Sprache in der Welt sey, die (zum Exempel) von Erz und Bergwercken reicher und nachdrücklicher rede, als die Teutsche. Dergleichen kann man von allen andern gemeinen Lebens-Arten und Professionen {10} sagen, als von Jagt- und Waid-Werk, von der Schifffahrt und dergleichen. Wie dann alle die Europäer, so aufm grossen Welt-Meer fahren, die Namen der Winde und viel andere Seeworte von den Teutschen, nehmlich von den Sachsen, Normannen, Osterlingen und Niederländern entlehnet.
Es ereignet sich aber einiger Abgang bey unserer Sprache in denen Dingen, so man weder sehen noch fühlen, sondern allein durch Betrachtung erreichen kann; als bey Ausdrückung der Gemüths-Bewegungen, auch der Tugenden und Laster, und vieler Beschaffenheiten, so zur Sitten-Lehr und Regierungs-Kunst gehören; {20} dann ferner bey denen noch mehr abgezogenen und abgefeimten Erkenntnissen, so die Liebhaber der Weisheit in ihrer Denk-Kunst, und in der allgemeinen Lehre von den Dingen unter dem Namen der Logik und Metaphysik auf die Bahne bringen; welches alles dem gemeinen Teutschen Mann etwas entlegen, und nicht so üblich, da hingegen der Gelehrte und Hofmann sich des Lateins oder anderer fremden Sprachen in dergleichen fast allein und, in so weit, zu viel beflissen: also dass es denen Teutschen nicht am Vermögen, sondern am Willen gefehlet, ihre Sprache durchgehends zu erheben. Denn weil alles was der gemeine Mann {30} treibet, wohl in Teutsch gegeben, so ist kein Zweifel, dass dasjenige, so vornehmen und gelehrten Leuten mehr fürkommt, von diesen, wenn sie gewollt, auch sehr wohl, wo nicht besser, in reinem Teutsch gegeben werden können.
Nun wäre zwar dieser Mangel bey denen logischen und metaphysischen Kunstwörtern noch in etwas zu verschmerzen, ja ich habe es zu Zeiten unser ansehnlichen Haupt-Sprache zum Lobe angezogen, dass sie nichts als rechtschaffene Dinge sage, und ungegründete Grillen nicht einmal nenne (ignorat inepta). Daher ich bey denen Italiänern und Franzosen zu rühmen gepfleget: Wir Teutschen hätten einen sonderbaren Probierstein der Gedanken, der andern unbekant; und wann sie denn begierig gewesen, etwas davon zu wissen, so habe ich ihnen bedeutet, dass es unsere Sprache selbst sey; denn was sich darin ohne entlehnte und ungebräuchliche Worte vernehmlich sagen lasse, das seye würklich was Rechtschaffenes: aber leere Worte, da nichts hinter, und gleichsam nur ein leichter Schaum müssiger Gedanken, nehme die reine {10} Teutsche Sprache nicht an.
Alleine, es ist gleichwohl an dem, dass in der Denk-Kunst und in der Wesen-Lehre auch nicht wenig Gutes enthalten, so sich durch alle andere Wissenschaften und Lehren ergiesset, als wenn man daselbst handelt von Begrenzung, Eintheilung, Schluss-Form, Ordnung, Grund-Regeln, und ihnen entgegen gesetzten falschen Streichen; von der Dinge Gleichheit und Unterscheid, Vollkommenheit und Mangel, Ursach und Würkung, Zeit, Ort, und Umständen, und sonderlich von der grossen Muster-Rolle aller Dinge unter gewissen Haupt-Stücken, so man Prädicamenten nennet. {20} Unter welchen allen viel Gutes ist, damit die Teutsche Sprache allmählig anzureichern.
Sonderlich aber stecket die gröste natürliche Weisheit in der Erkäntniss Gottes, der Seelen und Geister aus dem Licht der Natur, so nicht allein sich hernach in die offenbahrte Gottes-Gelehrtheit mit einverleibet, sondern auch einen unbeweglichen Grund leget, darauf die Rechts-Lehre sowohl vom Rechte der Natur, als der Völker insgemein und insonderheit auch die Regierungs-Kunst samt den Gesetzen aller Lande zubauen. Ich finde aber hierin die Teutsche Sprache noch etwas mangelhaft, und zu verbessern.