{30} Zwar ist nicht wenig Gutes auch zu diesem Zweck in denen geistreichen Schriften einiger tiefsinnigen Gottes-Gelehrten anzutreffen; ja selbst diejenigen, die sich etwas zu denen Träumen der Schwärmer geneiget, brauchen gewisse schöne Worte und Reden, die man als güldene Gefässe der Egypter ihnen abnehmen, von der Beschmitzung reinigen, und zu dem rechten Gebrauch wiedmen könnte. Welchergestalt wir den Griechen und Lateinern hierin selbst würden Trotz bieten können.

Am allermeisten aber ist unser Mangel, wie gedacht, bey denen Worten zu spüren, die sich auf das Sittenwesen, Leidenschaften des Gemüths, gemeinlichen Wandel, Regierungs-Sachen, und allerhand bürgerliche Lebens- und Staats-Geschäfte ziehen, wie man wohl befindet, wenn man etwas aus andern Sprachen in die unsrige übersetzen will. Und weilen solche Wort und Reden am meisten fürfallen, und zum täglichen Umgang wackerer Leute so wohl, als zur Brief-Wechselung zwischen denselben erfordert werden; so hätte man fürnehmlich auf deren Ersetzung, oder weil sie schon {10} vorhanden, aber vergessen und unbekannt, auf deren Wiederbringung zu gedenken, und wo sich dergleichen nichts ergeben will, einigen guten Worten der Ausländer das Bürger-Recht zu verstatten.

Hat es demnach die Meynung nicht, dass man in der Sprach zum Puritaner werde, und mit einer abergläubischen Furcht ein fremdes, aber bequemes Wort als eine Tod-Sünde vermeide, dadurch aber sich selbst entkräfte, und seiner Rede den Nachdruck nehme; denn solche allzu grosse Scheinreinigkeit ist einer durchbrochenen Arbeit zu vergleichen, daran der Meister so lange feilet und bessert, {20} bis er sie endlich gar verschwächet, welches denen geschieht, die an der Perfectie-Krankheit, wie es die Holländer nennen, darnieder liegen.

Ich erinnere mich gehöret zu haben, dass wie in Frankreich auch dergleichen Rein-Dünkler aufkommen, welche in der That, wie Verständige anitzo erkennen, die Sprache nicht wenig ärmer gemacht, da solle die gelehrte Jungfrau von Journay, des berühmten Montagne Pflege-Tochter, gesaget haben: was diese Leute schrieben, wäre ein Suppe von klarem Wasser (un bouillon d’eau claire), nehmlich ohne Unreinigkeit und ohne Kraft.

{30} So hat auch die Italiänische Gesellschaft der Crusca oder des Beutel-Tuchs, welche die böse Worte von den guten, wie die Kleyen vom feinen Mehl scheiden wollen, durch allzu eckelhaftes Verfahren ihres Zwecks nicht wenig verfehlet, und sind daher die itzigen Glieder gezwungen worden, bey der letzten Ausgebung ihres Wörter-Buchs viel Worte zur Hinterthür einzulassen, die man vorhero ausgeschlossen; weil die Gesellschaft anfangs ganz Italien an die Florentinische Gesetze binden, und den Gelehrten selbst allzu enge Schranken setzen wollen. Und habe ich von einem vornehmen Glied derselbigen, so selbst ein Florentiner, gehöret, dass er in seiner Jugend auch mit solchem Toscanischen Aberglauben behaftet gewesen, nunmehr aber sich dessen entschüttet habe.

Also ist auch gewiss, dass einige der Herren Fruchtbringenden und Glieder der andern Teutschen Gesellschaften hierin zu weit gangen, und dadurch Andere gegen sich ohne Noth erreget, zumalen sie den Stein auf einmal heben wollen, und alles Krumme schlecht[1037] {10} zu machen gemeinet, welches wie bey ausgewachsenen Gliedern (adultis vitiis) ohnmöglich.

Anitzo scheinet es, dass bey uns übel ärger worden, und hat der Mischmasch abscheulich überhand genommen, also dass die Prediger auf der Cantzel, der Sachwalter auf der Cantzley, der Bürgersmann im Schreiben und Reden, mit erbärmlichen Französischen sein Teutsches verderbet; mithin es fast das Ansehen gewinnen will, wann man so fortfähret, und nichts dargegen thut, es werde Teutsch in Teutschland selbst nicht weniger verlohren gehen, als das Engelsächsiche in Engelland.

{20} Gleichwohl wäre es ewig Schade und Schande, wenn unsere Haupt- und Helden-Sprache dergestalt durch unsere Fahrlässigkeit zu Grunde gehen sollte, so fast nichts Gutes schwanen[1038] machen dörfte; weil die Annehmung einer fremden Sprache gemeiniglich den Verlust der Freyheit und ein fremdes Joch mit sich geführet.