Ein stiller Friede senkte sich in Nataliens Herz, und mit himmlischem unendlichen Vertrauen, gab sie Voluda ihre ganze Seele hin. —

Er geleitete sie spät nach Mitternacht zu Hause, und schon früh am andern Morgen kam er wieder zu ihr. Willots Abwesenheit, dem eigentlich sein Besuch galt, verschaffte Natalien den Genuß einiger einsamen, von ihm nur in ihrer Gesellschaft verlebten, Tage. —

So schön auch das Bild, welches sie früher von ihm in ihrem Herzen getragen hatte, mit jenem zauberischen Kolorit geschmückt war, das aus der Welt der Ideale zu uns herniederstrahlt, so wenig ward es doch jetzt, im täglichen, persönlichen Umgang mit ihm, bleicher, oder weniger edel, sondern es erhielt jetzt noch den höhern und seltnern Zauber der Wahrheit. Voludas Karakter hatte ein Leben und eine Fülle, eine Tiefe der Begeisterung, eine einfache Größe und ein besonnenes Maaß für die Wirklichkeit und die Gegenwart, wie sie den Männern unsrer kleinen Zeit fast zur Fabel geworden sind.

Einzelne Stellen in Voludas Werken sind freilich Früchte jener seltenen Momente, wo der Geist, von höherer Begeisterung durchglüht, sein reichstes Leben entfaltet; aber die Größe und Erhabenheit der Gesinnung, die den Schriftsteller einst zum Stolz eines aufblühenden edlen Geschlechts machen wird, fand man auch in seinem Leben wieder, weil sie, wie alle Wahrheit, einfach und menschlich war.

Diese Wahrheit und Einfachheit, die sich in seiner Rede, wie in seinem Thun, in seinem Karakter, wie in seinen Werken, aussprachen, waren es auch, die Natalien am innigsten zu ihm hinzogen, weil sie einen wesentlichen Mangel in ihr ergänzten. Die künstliche Verfeinerung ihrer Gedanken und Empfindungen hatte ihr jene schlichte Einfalt der Natur und der Wahrheit geraubt, die dem gebildeten Menschen nur dann bleibt, wenn seine Bildung nicht Werk der Energie einzelner Kräfte ist, sondern mit der Bildung der Menschheit in Weg und Ziel zusammentrifft. Die klare Anschauung von Voluda’s Karakter und die Wahrheit ihres Gefühls, wurden ihrer Begeisterung für ihn zum festen Grunde, auf dem nichts Ueberspanntes und Verwirrtes mehr zu wurzeln vermochte. Sich ihm ganz und innigst hingebend, erhielt sie von ihm, was ihr fehlte, und sie sich selbst schenkend, schenkte er sie auch der Welt, indem er sie ihr Verhältniß zu derselben klar übersehen lehrte. —

Diesem Manne mußte ein Weib, still, einfach, fromm und demüthig erscheinen, wenn er sich zu ihm hingezogen fühlen sollte, und daß Natalie, ohne alle Künstlichkeit, ohne alles Wissen darum, sich ihm so zeigte, weil sie es wirklich im Herzen und in der Wahrheit durch ihn geworden war, beweiset, daß ihre Seele sich nicht täuschte, wenn sie sich für ihn geschaffen glaubte. —

Ihr Umgang mit Wilhelm hatte sie gegen alle andre Menschen erkältet, selbst gegen Elisen, aber nie war sie frommer, milder, liebevoller gewesen, als seit der Stunde, wo sie Voluda’n kennen lernte. —

Nein, ich werde, ich kann es nicht versuchen, Euch zu schildern, wie sie ihn liebte. — Auch noch in der Stunde des Todes, wo das brechende Herz sich von dem Geliebten zu Gott wendet, würde meine Seele vergeblich nach dem Begriff einer stilleren, treueren, anspruchloseren und ewigeren Liebe ringen, als die, womit Natalie Voluda’n liebte. —

Willot und seine Gattin kamen nach Hause und der Kreis der Freunde erweiterte sich. Natalie blieb ernst und in sich gekehrt; ihre Verhältnisse waren ja nicht gelöset und mußten ihr immer fremder und drückender werden. Oft kam sie auf den Gedanken, Voluda’n ihre ganze Lage zu entdecken und ihm die Entscheidung darüber zu überlassen — — aber ach! sie war in seiner Freundschaft, seiner Achtung, so glücklich; diese Erzählung mußte, sie so viel kosten — — verzeiht ihr, wenn sie sie von Tage zu Tage, von Woche zu Woche, verschob. Im Allgemeinen deutete sie oft darauf hin, und äußerte gegen Voluda’n, wie irre sie an sich selbst, wie uneinig sie mit dem Leben geworden sei. Es befremdete ihn aber nicht, daß in einer Zeit, wo Männer wanken, und die kräftigsten Gemüther in Zweifel und Muthlosigkeit verkümmern, ein Weib die Klarheit der Lebensansichten und den Frieden ungestörten Vertrauens eingebüßt habe. Er glaubte, nur die Liebe eines edlen Mannes vermöge das Weib im Leben zu sichern und zu bewahren, und verglich das Gemüth desselben oft einem Spiegel, der das Bild des Mannes zurückstrahle, wie er es empfange. Natalie galt ihm für eine so anziehende Erscheinung im Gebiet der Weiblichkeit, daß er in ihren Klagen selbst die Widerlegung des in G. umherschleichenden Gerüchtes fand, sie sey Braut, oder doch wenigstens in Liebe an einen Mann gebunden. Sein Herz sagte ihm, daß sie keinen andern Mann liebe. — —

Von ihrem Arzt erfuhr er, Veränderung des Climas und des Aufenthaltes würden am Besten ihre Gesundheit herstellen. Er selbst beschäftigte sich mit dem Plan einer Reise in das südliche Spanien, von welcher er in Jahresfrist zurückkehren und sich dann in G. häuslich niederlassen wollte, und schlug nun Natalien vor, dies Jahr bei seiner Freundin, Sophie von l. R. in Offenbach zu verleben. Er selbst wollte sie dorthin begleiten, und sie auf seiner Rückreise wieder abholen, sie ihrer Familie zurück zu bringen. Natalie ergriff diesen Vorschlag wie ein, ihr vom Himmel selbst gekommenes, Rettungsmittel. Sie gab sich dem herrschendem Wahn hin, als könne das Zerreißen aller äußeren Verhältnisse und das Heraustreten aus solchen, die uns durch eigne Verkehrtheit drückend geworden sind, uns den Frieden wieder geben, den sie uns raubten, ohne zu bedenken, daß in dem äußern Leben stets der Widerschein unsers inneren liegt. An Liebe und irgend ein näheres, bestimmtes, Verhältniß zu Voluda, dachte sie nicht; auf der einen Seite fühlte sie sich, durch Pflichten zu zart für Worte, an Wilhelm zu fest gebunden, und auf der andern Seite erschien ihr der Beruf, Voluda’n sein Haus zum Asyl des Glückes zu machen das der liebste Wunsch seines schönen Herzens und ewig das Bedürfniß desselben bleiben mußte, als ein so heiliges Glück, daß ihr, selbst im Traum, der Gedanke, er könne einst der ihrige werden, zu kühn erschienen seyn würde. Nur die Wirklichkeit hätte ihr den Muth und das Vertrauen geben können, es sich anzueignen. — Aber ein Jahr — ach, das konnte so vieles ändern! — Buris Liebe konnte durch Zeit und Trennung allmählich und ohne schmerzlichen Kampf erkalten — sie selbst stiller, ruhiger, besonnener werden — und dann — Voluda hatte ihr diese Reise vorgeschlagen; von ihm empfohlen, als seine Freundin aufgenommen, sollte sie, wie unter seinem Schutz, bei der edlen Frau leben, deren schönen Sinn und stilles Wirken sie so innig verehrte — der Gedanke an diese Zukunft beglückte sie unaussprechlich! —