Mit innigem Entzücken und noch innigerer Dankbarkeit nahm sie daher diesen Vorschlag an, und erwartete mit Sehnsucht die Antwort auf den Brief, in dem Voluda der Frau von l. R. diese Bitte vorgetragen hatte. Sie schrieb noch immer wöchentlich an Wilhelm, gewiß nicht kalt; das konnte sie nie gegen ihn seyn und werden: aber besonnener und reiner freundschaftlich, als im Anfang ihrer Trennung. Seine Klagen darüber, sein durchaus unmännliches Betragen und seine fast kindische Hülflosigkeit, sich, ungeleitet von ihr, im Leben zu bewegen, mußten sich immer ungünstiger gegen ihn stimmen, da sie jetzt, im Spiegel der edelsten, männlichsten Selbstständigkeit, das Weibische darin immer richtiger erkannte.
An einem Weibe kann man es schön finden, wenn es nach verlornem Liebesglück keinen andern Trost anerkennt, als den, sich dem Schmerz ganz hinzugeben — aber der Geist eines Mannes darf sich nicht in Klagen und Jammern über den Verlust eines Weibes verzehren. Der Mann gehört der Welt, das Weib dem Mann. —
Zu offen und zu wahr, um Wilhelm den tiefen Eindruck zu verhehlen, den Voluda auf sie gemacht hatte, sprach sie in ihren Briefen oft und viel von ihm. Schon früher wußte Buri um ihre hohe Achtung für ihn, und das eifersüchtige Gefühl, ihr nie werden zu können, was Voluda ihr war, hatte in seinem Herzen eine Bitterkeit erzeugt, die nun immer giftiger wurde. Eine Eifersucht, die er durchaus nicht berechtigt war, zu zeigen, nagte geierartig an seinem Innern und raubte ihm den letzten armseeligen Schimmer von Glück und Ruhe, den er noch aus dem verheerenden Sturm dieser unglücklichen Leidenschaft gerettet hatte. Jetzt erhielt er Nataliens Brief mit der Nachricht von ihrer bevorstehenden Reise, auf der Voluda sie begleiten werde. — Ach, er liebte sie damals wohl wirklich recht innig! — Wie alle äußere Umgebungen dazu beitrugen, in ihr die Bilder der Vergangenheit zu schwächen, so wurde ihm jeder Baum, jede Laube, jedes Plätzchen, zur Erinnerung an die seelige Zeit, wo er hier mit ihr lebte. Tag und Nacht nur mit ihrem Bilde, nur mit dem Gedanken an sie, beschäftigt, hatte sein Gefühl gerade die höchste Stufe seiner Exaltation erreicht — und nun sollte er sie verlieren. Ihr Brief enthielt nicht einmal eine Einladung, sie noch vor ihrer Abreise zu sehen. — Alles schien ihm entschieden, und sein Entschluß war gefaßt.
Er that Natalien Unrecht. Die Sorge um ihn verließ sie keinen Augenblick, und sie weinte der Trennung von ihm manche Thräne. Was er ihr eigentlich von jeher gegolten hatte, galt er ihr noch — ja ihr Gefühl läuterte sich, getrennt von ihm, zu einem treuen, freundschaftlichen Wohlwollen, das sie jedes Opfers für ihn fähig machte. — Ach, das Herz des Menschen ist ein so tiefes, unerforschbares Räthsel — wer vermag es zu ergründen! —
Sie war übrigens jetzt in dem täglichen Umgang mit Voluda und in der immer lebendigeren und umfassenderen Erkenntniß seines Werthes sehr glücklich. Im Umgang mit Buri war sie oft gespannt und leidenschaftlich bewegt worden, und das nicht ohne Genuß für ihre Phantasie; aber jedes Gespräch mit Voluda machte sie ruhiger und kindlicher. Auch in der Unterhaltung mit ihm zeigte er die hohe kühne Darstellung, den unbeugsamen Sinn der Gerechtigkeit und den edlen Zorn, die mit Geniusblitzen seine Schriften erhellen, und oft ergossen sie sich in so begeisternden, ergreifenden Worten, daß man sie, niedergeschrieben, als Reden bewundert haben würde. Diese Worte waren aber bei ihm so Abdruck des innern Sinnes, er selbst so fern von allem Haschen nach kühnem glänzendem Ausdruck, daß man sie in seinem Munde natürlich fand, wie es natürlich ist, daß der Strom nicht wie die Quelle rieselt, sondern mit seinen stolzen Fluthen mächtig daherrauscht. Jede Äußerung von ihm ging auch, dem alten schönen Ausdruck nach, zu Herzen, wie sie vom Herzen kam.
Es war Natalien ganz neu, daß sie mit ihm im Kreise des alltäglichsten Lebens immer auf einer Höhe blieb, die, durch ihre Wahrheit und Einfachheit, der Wirklichkeit, wie durch ihre Schönheit, der Poesie angehörte. Es war ein Leben, wie es in der Welt wie sie ist, von zwei innig verbundenen, sich im Geist und in der Wahrheit angehörenden Menschen, wirklich und auf die Dauer gelebt werden kann. —
O welche Tage waren das für unsre Natalie! — Ohne Hoffnung, ohne Wunsch, ohne Furcht, ohne Vor- und Rückblick, genoß sie ihres Zaubers so beglückt, wie es nur Kinder und Himmlische zu seyn vermögen. Jeden Abend, wenn er von ihr ging, fühlte sie sich inniger an ihn gebunden und glücklicher — und wenn das morgen nun heute wurde, immer dasselbe Gefühl erhöhten Glücks, größeren Vertrauens, reinerer, unvergänglicherer Liebe? —
Eines Abends kam er, sie zu fragen, ob sie die amerikanische Fackeldistel aufblühen sehen wollte, deren herrliche, aber schnell verwelkende, Blüthenpracht sich, der Sonne ihres Mutterlandes getreu, in unsern Gewächshäusern nur um Mitternacht, wie dort im Glanz der vollen Mittagssonne, entfaltet. Sie sagte ja, und er kam zur festgesetzten Stunde, sie und Elisen abzuholen. Die Gesellschaft vermehrte sich noch um einige Personen. Der botanische Garten war aber noch verschlossen, und man benutzte diese Zwischenzeit zu einem Gang auf den nahegelegenen Wall. Natalie und Voluda erstiegen den obern Rand desselben, der ihnen einen freien Blick auf das blitzende, silberhelle, Nachtstück der Gegend gewährte. Herzlicher denn je vorher schloß Voluda in dieser Nacht sein Inneres vor ihr auf — es war eine Stunde voll jenes Vertrauens, wo wir dem geliebten Menschen unser ganzes Leben aufdecken möchten; sie kommt auch zwischen den innigsten Freunden oft nur einmal im Leben. Er sprach ihr viel von den Verhältnissen, in denen er zum Mann gereift war, und wie auch ihm sein Leben einst zerschnitten, sein Daseyn zerrissen worden sey, und er doch in inniger heißer Liebe die Welt und das Leben trage und halte. Alles durch Liebe und um Liebe — so gestalte sich ihm die Welt, und anders möge er sie nicht sehen. Sie beleuchte ihm die dunkle Nothwendigkeit und mache ihn stark durch diese Nothwendigkeit. — Dem Menschen sey das Schöne sichtbar geworden, damit er das Göttliche ahnden und das Heilige im Glauben und Offenbarung scheuen lerne — und dann sprach er ihr von seiner Mutter, der er in ihrer Einfachheit und ihrer lautern Frömmigkeit viel verdankte, und die er recht kindlich liebte und ehrte — und wie sie, ohne alle Ansprüche an das Leben, doch selten Kraft besessen und bewiesen habe, viel dafür zu thun — und dann kam er auf seine verstorbene Gattin.
Natalie fühlte, welch ein Heiligthum er ihr aufschloß. —
Da tönte die mitternächtliche Stunde vom Thurme herab, und alles eilte zur geöffneten Gartenpforte. Der Gärtner, der Voluda kannte, nöthigte diesen, die Blume näher zu betrachten. — Natalien an seiner Hand, folgte er dem erhaltenen Wink und da die Menge sich immer dichter um sie drängte, umfaßte er Natalien schützend mit seinem Arm. Im reinen Nachklang der verfloßnen seeligen Stunde, ruhte sie, vom schnellen Gehen ermattet, mit hingebender Vertraulichkeit an seiner Brust, und ließ sich von ihm die Eigenheit und die schnelle Vergänglichkeit ihrer Blüthe erzählen. — Die letztere rührte sie — ihre Augen füllten sich mit Thränen — sie neigte sich zu der Blume hin und seufzte leise: o welch ein Sinnbild unsers Glückes! — da säuselte plötzlich, leise wie Geisterhauch, ihr Name an ihr vorüber — sie schreckte auf und blickte spähend umher — ihr gegenüber stand im fernsten, dunkelsten Winkel des Zimmers, Wilhelm, bleich verstört, das Auge mit unendlichem Schmerz auf sie geheftet — Es riß sie aus Voludas Arm zu ihm hin. —