Stumm sah ihn Natalie eine Sekunde an, schlug dann das Auge zum Himmel, und drückte mit rührender Ergebung die beiden Hände fest gefaltet auf ihr Herz, als habe es den Todespfeil erhalten, und sie wolle ihn tiefer hineindrücken, um ihn zu verdecken. Sie hatte nichts erwartet, nichts gehofft; doch dieser Schlag traf sie mit zu schmerzlicher Erschütterung. Ihr Gefühl war das, mit dem wir einst, am Tage des Gerichts, das Buch unsrer Schuld werden öffnen sehn. —

Elise, die es wußte, daß früher von dieser Reise nie die Rede gewesen war, und Voluda als den einzigen Mann ehrte, den sie des Besitzes ihrer Natalie würdig hielt, forschte theilnehmend nach der Veranlassung dieses unerwarteten Entschlusses, worauf er aber wenig, und nichts Erläuterndes, erwiederte. Er hatte überhaupt etwas Unstätes und Eiliges in seinem Wesen, und blieb auch nur wenige Minuten.

Bewegt faßte er zum Abschied Nataliens Hand — und als sie mit dem erlöschenden Blick der Liebe und des tiefsten Kummers zu ihm aufsah — da wurde auch sein Auge naß. —

Gottes bester Seegen sey mit Ihnen und Ihrem Leben! — er drückte seine Lippen lange und fest auf ihre kalte Hand — o werden Sie glücklich, machen Sie glücklich! — Sie wurde immer bleicher — der Schmerz durchzuckte sichtlicher und gewaltsamer ihre Brust. — Natalie, liebe Natalie, Sie sollen noch von mir hören! —

Keines Wortes mächtig, ringend mit einem Weh, von dem sie wähnte, es müsse sie gleich augenblicklich tödten, blieb sie starr und unbeweglich — aber, als er sich nun wandte, als die Thür sich hinter ihm schloß, auf ewig, da floh sie ihm nach. Als habe er sie erwartet, stand er noch an der Treppe still — meine Natalie! rief er, als sie sich jetzt nahte, mit einem Ton, dessen Nachhall auch im Himmel noch, in den schönsten Momenten ihrer Seeligkeit, um sie tönen wird, und breitete ihr die Arme entgegen. —

O nur einmal an seiner Brust zu ruhen, alle ihre Liebe ausströmen zu lassen in heißen Thränen, ihm nur ein Lebewohl, tief, tief, aus der unendlichen Fülle ihres Herzens, sagen zu dürfen, wäre ihr zur nie versiegenden Quelle des Trostes geworden. —

Buris Erscheinung unten an der Treppe brachte sie um diese Minute. Voluda eilte schnell bei ihm vorbei — laut weinend wandte auch sie sich ab, und floh. — Noch in derselben Stunde verließ Voluda G...

Von Wilhelm erfuhr sie, er sey am Morgen zu ihm gekommen, ihn um sein Verhältniß zu Natalien zu befragen. Dieser hatte ihm gesagt, daß er seit Jahren von ihr geliebt werde, und das Versprechen von ihr erhalten habe, nie das Eigenthum eines andern Mannes zu werden. Er habe aber seit Kurzem gemuthmaßt, daß sie ihm untreu geworden sey, und die Verzweiflung darüber habe ihm den Entschluß eingegeben, den er gestern Abend auszuführen willens gewesen sey. Die Unrichtigkeit dieser Antwort konnte Voluda um so weniger muthmaßen, da Wilhelm ihm mehrere von Natalien im Ton traulicher Liebe an ihn geschriebene Briefe zeigte, und so sah er in Nataliens bisheriger Verheimlichung ihres Verhältnisses zu Buri nur eine untreue gegen diesen, und eine Falschheit gegen sich, die kein Bewegungsgrund in seinen Augen zu rechtfertigen vermochte. Offenheit gegen Offenheit, sagte er zu Wilhelm; ich bin Ihnen das Geständniß schuldig, daß zwischen Natalie und mir nie ein Wort von Liebe oder irgend einer andern nähern Verbindung gewechselt ist, und ich nicht zu dem kleinsten Anspruch auf ihr Herz oder ihre Hand berechtigt bin. — Beim Abschied fügte er noch folgende Worte hinzu, die für Natalien, als Buri sie ihr wiederhohlte, sehr entscheidend wurden: ich zweifle nicht, daß Natalie edel genug ist, früher oder später einzusehen, wie wenig es ihr geziemt, den Mann ihres Herzens vor der Welt zu verläugnen.

Sie bat Wilhelm, nach Anhörung dieser Erzählung, sie zu verlassen, weil sie zu krank sey, ihn heute länger bei sich sehen zu können, und blieb dann den Tag ganz einsam in ihrem Zimmer. Sie rang nach Kraft, und fand sie in dem Gedanken an Voluda. Sie war für immer von ihm getrennt; ihr Verhältniß zu Buri stand als eine, nie zu versöhnende, Unwürdigkeit zwischen ihr und dem Mann ihrer einzigen wahren Liebe. Gegen Wilhelm lag das Gefühl einer Schuld, für die sie keine Worte hatte, auf ihrer Seele. Dies Unrecht auf die möglichst großmüthigste Art zu vergüten, war ihr Wunsch, und Voludas letzte Worte an Wilhelm deuteten ihr den Weg an, den er für den richtigsten erkannt hatte, und auf dem ihr sein Seegen folgte, wenn sie ihn in treuer Pflichterfüllung wandelte. Mit sich selbst mußte sie erst ganz versöhnt seyn, ehe sie hoffen durfte, Voluda einst mit sich versöhnen zu können. Auch war es ein stark hervortretender Zug in ihrem Karakter, daß sie gern in zweifelhaften Fällen das Schwerste ergriff, und es dann mit höchster Selbstverläugnung übte.

Sie frug Wilhelm am andern Tage, ob er glaube, durch das Geschenk ihrer Hand glücklich werden zu können. Der Triumph einer für ihn so glänzenden Verbindung und der Stolz, seiner Meinung nach, einen Nebenbuhler wie Voluda besiegt zu haben, betäubten die innere Stimme, die ihn vor einer in jeder Hinsicht so ungleichen Verbindung hätte warnen müssen, und er nahm ein Opfer an, das nur die, welche es brachte, zu ehren vermochte.