Seine Freude, sein Dank, seine Liebe, wurden Nataliens Lohn und erweckten in ihrem Herzen die Wärme wieder, die seine grausame Selbstsucht fast erstickt hatte. Sie schwur sich und ihm, ihn glücklich machen zu wollen, und that von diesem Augenblick an, mit eiserner Festigkeit, alles, was sie der Lösung dieses Gelübdes näher führen konnte. Daß sie dem Ideal, welches er sich von seiner künftigen Gattin entworfen hatte, nicht entsprach, wußte sie; sie war nicht einfach, nicht häuslich, nicht arbeitsam genug für ihn, und es war zu ihrem beiderseitigen künftigen Glück durchaus erforderlich, sie zu ihm, ihn zu ihr, harmonischer zu stimmen. Nataliens Gesundheit entfernte ohnehin den Gedanken an eine baldige Verbindung, und sie setzte diese auf zwey Jahr hinaus, die Buri zu einer Reise benutzen sollte, während sie sie, in tiefer Einsamkeit lebend, benutzen wollte, sich für ihre künftigen Verhältnisse zu bilden und Kraft zur freudigen Pflichterfüllung zu sammeln. —
Froh und glücklich ging Wilhelm nach einigen Tagen nach N**** zurück, um zu seiner Abreise die nöthigen Anstalten zu treffen. Natalie rang, nach seiner Entfernung, heldenmüthig mit dem Weh in ihrer Brust. Sie mußte auch noch den Schmerz erfahren, daß Voluda’s schnelle Abreise, und sein rascher Entschluß nach Schweden zu gehen, Willot und seine Frau von ihr entfernten. Willot liebte seinen Voluda über alles, und es konnte von ihm nicht unerrathen bleiben, daß Natalie mit ein Bewegungsgrund seiner plötzlichen, überraschenden, Abreise gewesen. Diese wurde dadurch noch befremdender, daß er zu einem einige Meilen von G... wohnenden Bekannten gefahren war, um, von dortaus, die nöthigen Anstalten zu seiner Reise zu treffen, welches doch in G..., wo er sich nicht einmal die Zeit genommen hatte, Abschied zu nehmen, viel leichter und besser geschehen konnte. Dies verstimmte Willot gegen Natalien, und die Entfremdung, in welche diese Verstimmung überging, nahm ihr den Muth, mit ihm über ihre Verhältnisse, und die Begebenheiten der letzten Wochen zu sprechen. Wo Voludas Freunde zürnten, trauerten August und Elise, und die letzte schloß sich noch zärtlicher an die täglich freundlicher und bleicher werdende Natalie. Voludas Abschiedswort: „Sie sollen noch von mir hören!“ war als ein Wort der tröstenden Verheißung in ihrem Herzen geblieben. Manches Unerklärliche lag noch für sie in seinem Betragen und in seiner schnellen Abreise; auch war der für ihre Reise nach Offenbach entworfene Plan, und die noch nicht erfolgte Antwort der Frau von l. R., ein Faden, an den sie die Hoffnung knüpfte, er werde vor seiner Einschiffung noch an sie schreiben, und sie ihm dann in ihrer Antwort alles sagen dürfen, was jetzt ihr Herz bis zum brechen belastete. Nur mit einem Worte des Trostes und der Ermunterung sollte er von ihr Abschied nehmen — dann wollte sie gerne still zurückweichen, und ihn ziehen lassen in die Ferne, wo er ihr vielleicht nie wieder begegnete. —
Einige Wochen waren vergangen, da stand Natalie eines Morgens am Fenster — ein Wagen kam rasch die Straße herauf gerollt, und sie erkannte, wie er näher kam, Voluda. — Laut rief sie seinen Namen, indem sie das Fenster aufriß — er grüßte; doch selbst in diesem eiligen Vorüberfliegen entging es ihr nicht, daß er bei ihrem Anblick erblaßte, und sie mit dem Ausdruck peinlicher Verlegenheit begrüßte. Sie war voll Unruhe und doch so innig, so fromm glücklich, da sie sich der Erfüllung ihres höchsten Wunsches, ihn noch einmal zu sehen und zu sprechen, nahe glaubte.
Es ward Mittag, und er war noch nicht da — noch war indessen Hoffnung und Zuversicht in ihrem Herzen — als aber August, der ihn bei Willot getroffen hatte, zu ihr eintrat, ihr einen Gruß von ihm zu bringen, weil er für die wenigen Stunden seines Aufenthalts zu beschäftigt sey, um zu ihr zu kommen — da, arme Natalie, zog die finsterste Minute Deines Lebens herauf, und ihr dunkler Schatten verschwand nie wieder, und sank mit Dir in Dein frühes, einsames Grab. —
Wie konnte ein so edler, ein so milder Mann wie er, so hart seyn, von ihr, von der er sich doch sagen konnte, was sie zu leiden und zu kämpfen hatte, so stumm, so gleichgültig, ja, man kann sagen, so geringschätzig, zu scheiden! —
War denn die Hingabe ihrer ganzen Seele, ihr unendliches Vertrauen, ihre ewige Liebe, keiner andern Vergeltung werth? — ahndete er gar nicht, was dieser Tag sie kostete? —
Bleich und unbeweglich saß sie den ganzen Tag am Fenster, und zählte die Minuten, die er noch in ihrer Nähe war. — Ihr Herz stand still — ihr Leben war wie gehemmt, und ihr war, als müsse sie sterben, wenn sie die kleinste Bewegung machte. Am Nachmittag sah sie ihn zu ihm gleichgültigen, ihr gegenüberwohnenden, Menschen gehen — und ihn dort im Zimmer auf und abgehen — ach kein Blick fiel auf sie! — Gegen sechs Uhr kam sein Wagen, und sie hörte ihn bald darauf fortrollen. —
Sie litt, und fühlte, daß sie den Tod empfangen habe — aber selbst in ihrem geheimsten Bewußtseyn erlaubte sie sich keine Klage über ihn. —
In der Nacht, die diesem Tage folgte, sprang eine Ader in ihrer Brust. Ein heftiger Blutsturz brachte sie dem Tode nahe; vierzehn Tage lag sie in todtenähnlicher, sinnloser Betäubung. Als sie ihr Bewußtseyn wieder erhielt, hatte sich Voluda schon eingeschifft.
Sie erstand von diesem Krankenlager; aber nie ward ihr wieder das Gefühl voller Gesundheit.