Auch Wilhelm trat jetzt seine Reise an, zu der sie ihm den größten Theil ihrer jährlichen Einkünfte überließ. Sie selbst zog, nur von ihrem treuen Mädchen begleitet, nach einem kleinen, weit entfernten Landstädtchen, wo sie ganz unbekannt war, und wo sie in der unfreundlichsten Jahreszeit, in der Mitte des Decembers, ankam. —

Fünfter Abschnitt.

Nicht kann rauben des Mächtigsten Hand

Den letzten Seegen des ewigen Vaters,

Den herrlichen Tod!

Mahlmann.

Wir finden unsre Natalie nach Verlauf von zwei Jahren in demselben kleinen Landstädtchen wieder, wo wir sie verließen, und wo sie diese Zeit, allein mit Gott, im heldenmüthigen Kampf mit sich, verlebt hatte. Sie hatte sich Frieden errungen — einen Frieden, der ihr nicht mehr geraubt werden konnte. In der Verpflichtung, Buris Gattin zu werden, hatte sie die Bestimmung ihres künftigen Lebens klar erkannt, und muthig aus sich herausgerissen, was sich mit ihr nicht vertrug. Ihre Liebe zu Voluda war ihr, als höchstes, geistiges Lebensprincip, geblieben — aber in der Beruhigung ihres Herzens, in der Stillung ihrer Sehnsucht, und der Beschwichtigung des bittern Schmerzes, sich von ihm verkannt und auf immer geschieden zu wissen, entwickelte und bewährte sich in ihrer Seele eine Kraft, deren Quelle eben diese Liebe war. Das Andenken an ihn wurde ihr zum Seegen jedes edleren Strebens, jedes schönen, festen Entschlusses, und mit sanfter Rührung brachte sie ihm am Abend, den still, fromm und fleißig verlebten Tag zum Opfer dar. Buris Briefe erheiterten ihre Einsamkeit; sie gewann ihn von Tag zu Tage lieber. Ihm ein gutes, treues, fleißiges Weib, eine würdige Hausfrau zu werden; sich im verdienten Besitz seiner höchsten Achtung und Liebe zu fühlen, und ihn im Laufe des alltäglichen Lebens dem Guten und Schönen treu zu erhalten, war ein Beruf, dessen Werth und Glück sie lebhaft erkannte. Voluda’s Bild sank still und heilig in ihre innerste, frömmste Seele zurück; im Leben und für dasselbe faßte sie Wilhelms Bild zärtlicher und inniger auf, und die durch die wahrste und höchste Liebe in ihr geweckte und gereifte Fühlbarkeit und Treue kam ganz Buri zu Gute. Sie gab sich ihm liebevoller und wahrer hin, wie sie es je zuvor gethan hatte, und auch in seinen Briefen sprach sich ein ruhiger, aber eben darum schöner werdendes Gefühl seines Glückes, und seines Dankes, sie sein zu nennen, aus.

Natalie hatte von jeher Kinder geliebt und sich gerne mit ihnen beschäftigt. Getrennt von allem Umgang mit Erwachsenen, sammelte sie jetzt einige dieser holden Wesen um sich, und die Beschäftigung mit ihnen wurde ihr zu einer Quelle der reinsten Freuden. Wer eine Zeitlang nur mit Kindern und allein unter ihnen lebt, hat das goldene Alter der Menschheit durchlebt. Von ihnen geht eine Kindlichkeit, eine Lauterkeit, eine Heiterkeit auf uns über, deren Daseyn man, im Getriebe des Weltlebens verflochten, und vom Schellengeklingel der Thorheit und der Albernheit betäubt, kaum in der Ahndung begreift.

Auch aus der Arbeitsamkeit, zu der sich Natalie zwang, bis sie ihr zur lieben Gewohnheit geworden war, gieng ihr ein stiller, schöner Seegen für ihr inneres Leben auf. Sie erfuhr es, wie kein Zureden der Vernunft, keine Lectüre, keine Freude des Wissens, unsre Seele so beruhigt, als das Gefühl eines fleißig und angestrengt vollendeten, bestimmten Tagewerkes.

Diese zwei einsamen Jahre waren eine schöne Zeit in Nataliens Leben, und die Erinnerung an sie blieb in ihrem Herzen, wie die sanft schimmernde Abendröthe eines gewitterschwülen Tages. —